von der erkenntnis

Von der Erkenntnis

Krassnick steht vor dem Fahrgeschäft seines Großvaters. Ihm ist schlecht vom Kettenkarussellfahren. Er ist wieder der Siebenjährige von damals. Dennoch fühlt er sich wie ein uralter Asbach-Mann, der keine Ahnung davon hat, welchem Herzschlag er folgen soll. Und er fühlt sich wie das Fell einer Schamanen-Trommel auf den Rahmen seiner Möglichkeiten gespannt. Und der Dreh-Rum, den er noch von der kürzlichen Karussellfahrt verspürt, hat ihn in des Oheims Jagdschloss seiner Kleinkindtage zurückversetzt.

So viele Treppen, Gänge, Winkel, Türen. Und alle führen ihn in vergrabene Erinnerungen hinein, die er einmal als junger Erwachsener, als Jugendlicher oder auch als Kind erlebt hat. Gedächtnisstücke von Augenblicken, die ihm damals ganz Verschiedenartiges bedeutet haben.
Lücken, die nun wieder mit Leben gefüllt werden und ihm so vor Augen führen, was er alles noch tun, sein oder lassen kann, damit er eben nicht lebendig tot ist, sondern dynamisch sprüht vom aktiven Sein im Leben.

Krassnick weiß, dass er in real nicht im Jagdschloss seines Großvaters verweilt. Denn dieses weitläufige Gebäude aus jahrhundertealtem Fachwerkgemäuer steht schon lange nicht mehr. Ein Schlossbrand hat es damals – wenige Jahre nach Krassnicks Fortgang – bis auf die Grundmauern des Kellergewölbes aufgefressen.
Dennoch sieht er sich dort unter all seinen ehemaligen Klassenkameraden von damals verweilen. Und es ist ein großes Wiedersehens-Halali-und-Hallalo. Denn nach so einer langen Zeit muss es ja auch das spektakuläre Wiederbegegnen alter Seilschaften und Klüngel sowie gewesener Animositäten sein.

Krassnick denkt sich:
„Alter, voll krass eyh! Ich weiß den Weg zu meinem Zimmer der Übermöglichkeiten für eine Nacht und finde ihn dennoch nicht. Obwohl es mein altes Jugendzimmer ist oder vielmehr sein sollte. Stattdessen sehe ich an jeder Ecke die Hinz- und Kunz-Weiber von anno dazumal stehen, wie sie sich mit ihren ausgemergelten Leibern umeinander ranken und sich dabei ihre Münder fusselig schwätzen. Und ihre Köpfe sehen so aus, als seien sie die von enthaupteten Kinder-Barbies, welche den alten Weiberleibern lieblos aufgepfropft worden sind.“

Krassnick schüttelt sich. Ein Schauer zieht sich vom Atlas bis hin zum Steißbein sein Rückgrat entlang. Es friert ihn.
Bevor er überhaupt daran denkt, Hinz und Kunz nach dem Weg zu seinem Zimmer im Schloss zu fragen, gackern diese laut los. Dabei drehen sie sich wie Brummkreisel um die eigene Achse und weisen mit ihren Händen immer wieder in ganz verschiedene Richtungen. So als ob viele Wege in die sicherste Übernachtungsmöglichkeit seiner Kindheit führen würden.
Das verwirrt Krassnick sehr. Denn es erinnert ihn daran, dass Hinz und Kunz erst kürzlich noch jugendlichen Leibern innewohnten und im Gegensatz dazu ihre Gesichter etwas Abgelebtes und Altes an sich gehabt haben.
Und noch kürzlicher als kürzlich waren sie einfach nur Kinder, so wie er damals auch.

Krassnick wandert suchend weiter und findet sich plötzlich vor dem Altherren-Wandspiegel im Ankleidezimmer seines Großvaters wieder. Er stößt fast mit seiner Nasenspitze und seinem Busen dagegen, bevor er stehen bleibt. Dann tritt er ein bis zwei oder vielleicht auch mehr Schritte zurück, um sich aufmerksam im Spiegel zu betrachten. Sich und die vielen anderen Ichs aus seinem bisherigen Leben.

Sein Kinn ziert ein sonnenblondes Bartgestrüpp, das teilweise in einem langen Zopf verflochten ist. Der restliche Bart ist unordentlich zurechtgestutzt beziehungsweise hier und da auch sauber rasiert. Krassnick kann jede seiner Bartstoppeln und jedes einzeln verflochtene Haar seines Konterfeis im Spiegel betrachten. Und das Sonnenlicht lässt sie ihm allesamt gülden erscheinen.
Erschrocken denkt er: „Wie die drei goldenen Haare vom Haupt des Teufels. Nur dass es in meinem Falle deutlich mehr sind. Na hoffentlich gibt es für mich nicht auch ein altes Mütterchen, die mir meine im Schlafe ausreißen und entwenden will.“

Sein beherztes Lachen lässt ihn erwachen.
Es ist um kurz vor vier Uhr in der Frühe am Tag der heiligen drei Könige. Der Wecker hat noch nicht geklingelt. Krassnick wird sich gleich seinen Kakao machen und dann die abgebrannten Wunderkerzen vom Balkontisch räumen, die er in der Silvesternacht der Wilden Jagt gewidmet hat.
Er schaut gen Himmel. Noch lässt der neue Tag auf sich warten. Ein paar Häuserecken weiter quietscht das Räderwerk der alten Straßenbahn auf den Gleisen. Und Krassnick fragt sich, wann ihn die Stille der Weisheit zum Himmel knutschen wird …

© CRSK, Le, 01/2023

Zur Vertonung (Soundcloud):

 

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