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Von dicken, langen Männern

Die Baustelle gegenüber liegt seit Wochen und Monaten brach, dachte Enno Ohnesorg, als er um den dicken, langen Mann herumscharschwenzelte, der seiner holden Maid bei einem Schaumbad im Schaufenster der Galerie von Ohnesorg den Hof bereitete und nur aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, was der Galerieinhaber von ihm wollte.
Enno Ohnesorg liebte Drachen, und so hatte er seine Galerie mit allerlei großen und kleinen sowie dicken und dünnen und auch bunt schillernden oder einfach nur rabenschwarzen Kunstfiguren dieser Gattung ausgestattet und die Wände seines Ladens mit perlmuttfarbenen Drachenschuppen tapeziert.
Und jeden ersten Mittwoch im Monat ließ er das Suppengrün seiner Nachbarschaft auffahren, um daraus dem langen Mann und seiner Maid ein köstliches Mal als Lohn für ihre monatliche Performance in den Schaufenstern seiner Galerie zu bereiten und so für das leibliche Wohl seiner Darsteller zu sorgen.

Nun sollte in diesem Monat allerdings der seltene Fall eintreten, dass im Hause des Dramas eine totale Mondfinsternis herrschte und das Lama in der Opposition zum Gestirn der Raben stand.
Das bedeutete für Enno, dass er just an diesem ersten Mittwoch im Wonnemonat des Nebels und der Krähen sowie der umgepflügten Äcker auf dem Land total empfänglich für die eigenen Säfte gewesen ist und nicht gut wusste, wohin mit sich selbst, ohne dabei sein näheres Umfeld hoffnungsvoll anzuschmachten.
So kam es, dass Enno Ohnesorg an diesem ersten Mittwoch im Monat lieber mit Eiswürfeln in der Unterhose herumlief, als sich vom dicken, langen Mann hetzen zu lassen, damit er ihm die Waffeln mit Sahne vom Schlaraffenbaum angelte, um auch diese dessen Maid zu kredenzen. Denn Sie müssen wissen, dass der Enno kein Schwerenöter war, sondern vielmehr von schüchterner Natur.

Und so kam es, dass Herr Ohnesorg seine Protagonisten im Schaufenster der Galerie in seinem Kopf einfach mal machen ließ, ohne gleich verzweifelt die Szenerie zu kapern und auszunutzen, wobei er den gigantischen Gigantismus des dicken, langen Mannes sichtlich mit den Augen genoss und sich dabei gut in die holde Maid hineinzufühlen vermochte.

– Break –

Enno Ohnesorg ging um die brachliegende Baustelle auf der anderen Straßenseite herum und überlegte sich, dass dem Bauherrn wohl das Geld ausgegangen war oder ihm die Arbeiter ob der lausigen Bedingungen wutschnaubend davongelaufen waren. So jedenfalls erhoffte er es sich. Denn die besagte Baufirma hatte den nahen Waldrand durch diese Baustelle immer weiter nach Westen verlagert gehabt, ohne dabei zu beachten, dass sie sich vor der anstehenden Entscheidung drückten, sich für die unmittelbar Anderen ihres Umfeldes zuständig zu fühlen, um die heutzutage raren Fachkräfte der Branche zu halten.

Enno Ohnesorg litt unter der derzeitigen Adipositas seiner Lust am Leben. Denn überall und nirgends sah er seit Tagen nackte Piraten auf ihren Schlachtschiffen tanzen und dabei ihre dicken, langen Männer schwingen.
Er stellte sich dabei vor, wie die abtrünnigen Arbeiter – als eben jene Piraten verkleidet – die vereinsamte Baustelle mit Presslufthämmern und Äxten enterten, um den geldgeilen Bauherrn an einem der vielen Dachsparren des noch unbedeckten Dachgeschosses zu binden und ihn mit ihren langen Männern zu malträtieren.

Enno Ohnesorg tippelte nervös von einem Fuß auf den anderen, als er an der Fußgängerampel zum nahen Waldrand hin auf das grüne Ampelmännchen warten musste, dass ihn geschwind über die vielbefahrene Bundesstraße geleiten würde.
Er schmeckte noch das Salz des letzten Heringsbrötchens auf seinen Lippen. Und das erinnerte ihn daran, dass er unbedingt heute noch duschen musste, wenn er sich sein kommendes Date nicht vergraulen wollte.
Aber eigentlich war ihm nicht nach dem heißen Blechdach des Nachbarhauses der unmittelbaren Baustelle, sondern vielmehr nach einem gemütlichen Plausch bei einer oder vielleicht auch zwei Runden Mikado mit seinem geliebten Bäcker, der kurz vor der Pleite stand, weil die Energiepreise derartig in die Höhe geschossen waren, dass ihm seine Stammkunden in Scharen davonliefen, um im nächsten Supermarkt die Backstation zu plündern.

Enno rieb sich die Stirn, als er wieder aus dem Wald heraustrat und erneut an der Fußgängerampel zum Stehen kam. Er fühlte sich erleichtert, hatte er sich beziehungsweise seinen langen Mann im Kopf gütlich an den Rinden der Bäume geschuppert und diese dabei herzlich umarmt, bevor er sich nun gleich dem Date mit seiner Katze widmen sollte.

© CRSK, Le, 11/2022

2 x 8 Reizwörter:

  • Wutschnaubend
  • Tippeln
  • Entscheidung
  • schmecken
  • Adipositas
  • Waldrand
  • Eigentlich
  • rabenschwarz

 

  • Drama
  • gigantisch
  • Suppengrün
  • Waffel
  • verzweifeln
  • ausnutzen
  • Drache
  • hetzen

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