Als unzustellbar zurück

Als unzustellbar zurück

Benno stampfte mit dem Fuß auf und griff wütend nach dem Arm seiner Mutter. „Jetzt schau dir das an! Der kam heute so zerfleddert zurück, wie er jetzt ausschaut. Unzustellbar! Haben se mit roter Farbe drauf gestempelt.“, schimpfte er und zog dabei eine finstere Miene.
Seine Mutter „Hmte“ und tätschelte ihrem großen, hageren Sohn sanft den Unterarm. Dann schlurfte sie, vom Leben gebeugt, zum Herd, den sie allmorgendlich mit Holz befeuerte und zog den Topf mit der Milchsuppe von der Feuerstelle, damit sie nicht überkochte und anbrannte. Und schließlich schaute sie mit ihren glasigen Augen hinter den großen Brillengläsern auf den zerknitterten und eingerissenen Umschlag, den ihr der Benno hinterhertrug, um ihn ihr direkt unter die Nase halten zu können.

„Falsche Adresse“, murmelte sie und wischte sich mit ihrer schwieligen Hand die einzelnen Haarsträhnen aus der Stirn, bevor sie sich ein blaues, weiß bepunktetes Schälchen mit etwas Milchsuppe befüllte. „Vermutlich ist der Weihnachtsmann auch gar nicht mehr dafür zuständig?“, fuhr sie mehr zu sich selbst gewandt fort und brabbelte danach ihr Essen mit unverständlichem Zeug voll.
Benno jaulte auf: „Wieso denn WeihnachtsMANN? Wieso nicht WeihnachtsFRAU?“
Seine Mutter lachte schnaubend und flüsterte heißer: „Hast du schon mal ‘ne Frau mit ‘nem weißen Rauschbart gesehen, die mit brummender Bärenstimme spricht?“
Benno zappelte am ganzen Leib hin und her, trat von einem Fuß auf den anderen und schnitt eine Grimasse nach der anderen, so als ob er vor dem Flurspiegel seiner Mutter den Quasi Modo einüben würde, den er immer mimte, wenn ihm etwas zuwider war.
„Onkel Gerda hat letztes Jahr auch gar keine Brummstimme gehabt und ihr Damenbart war unter dem angeklebten Kunstbart rasiert gewesen. Das habe ich selbst gesehen, als ich so fest an diesem weißen Ding gezogen habe, dass er abgegangen ist“, begehrte Benno auf.
„Und wieso nicht mehr zuständig? Die Weihnachtsmenschen sind doch IMMER und für ALLES zuständig!“, maulte Benno, verschränkte dabei seine dürren Arme vor der schmächtigen Brust, hockte sich inmitten der Küche auf den alten Steinfließen-Fußboden und starrte dabei ins Feuer des offenstehenden Küchenofens.

Seine Mutter seufzte und beugte sich noch weiter gen Fußboden, als sie das blaue Schälchen mit den weißen Punkten beiseiteschob und sich ihrem Sohn zuwandte. Er war mindestens zwei Köpfe größer als sie, hatte aber die Weltsicht eines Kindes, und manchmal überforderte sie das etwas.
Sie dachte kurz an seine Drillingsschwester, die irgendwo in der Weltgeschichte herumgondelte und vermutlich noch immer nach Godot, ihrem zweiten Drillingsbruder suchte. Doch würde sie den nie finden, weil er eben nie zur Welt gekommen war. Zumindest nicht lebend. Das jedoch hatten die Eltern ihren Kindern damals nie gesagt, denn das waren noch ganz andere Zeiten als heute gewesen.

Die Mutter ergriff das Gesicht ihres Sohnes und streichelte ihrem Benno ungelenk über die Wangen. „Weißt du, als ich früher klein gewesen bin, haben Gerd und ich uns immer ein buntes Schaukelpferd gewünscht, damals in jener Zeit, während wir Hunger litten, direkt nach dem Krieg. Du weißt doch, so ein buntes Karussell-Pferd der ersten wiedereröffneten Fahrgeschäfte von damals. Und obwohl wir dem Weihnachtsmann jedes Jahr einen Wunschzettel an den Nordpol geschickt haben, hat er uns nicht erhört und unserer Mutter stattdessen ein großes Bund Pferdefleischknacker und ein Päckchen Kaffee sowie Zigaretten, Nylons und Kaugummis zu Weihnachten zu kommen lassen. Natürlich mit den Grüßen von Tommes, einem der amerikanischen GIs der Militärbasis in der Nachbarschaft. Der hatte nämlich ein Auge auf unser werte Frau Mutter geworfen gehabt. Und das obwohl sie nur eine einfache Frau gewesen ist, so wie ich eben auch.“

Benno schaute unglücklich drein. „Aber ich will doch gar kein Schaukelpferd!“, maulte er. „Ich will, dass Onkel Gerda ihren Weihnachtsengel bekommt, der durch die Tür im Flur schwebt, bevor man ihre gute Stube betritt.“, fuhr Benno fort und klang dabei weinerlich.
„Ach Kind! …“, seufzte die Mutter.
Aber Benno hörte sie nicht. Er war in der Vorstellung, seiner Onkel Gerda eine Freude zu machen, gefangen. Denn sie verstand ihn wenigstens und nahm ihn so, wie er nun einmal war. Und er war felsenfest davon überzeugt, dass ihr zu diesem Problem garantiert etwas passendes einfallen würde. So beschloss er, ihr zu Weihnachten etwas davon zu erzählen, wenn seine Mutter und er sie in der großen Stadt besuchen fahren würden. Und er hoffte inständig, dass das Geld von Onkel Gerda für die Fahrkarten rechtzeitig ankommen und dass der Überlandbus dann auch fahren würde …

© CRSK, LE, 11/2022

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