zähes fleisch

Zähes Fleisch

Käpt’n Purpur stand in einer Endlosschlange von Leuten und kaute auf seiner Zunge herum.
Er wartete – so wie alle anderen auch in der fünf- oder an manchen Stellen gar noch mehr reihigen Schlange – vor dem Laden des Fleischers Von und zu Hussenstein, um vom Meister höchst persönlich ein Schlückchen seiner eigenhändig hergestellten Ochsenschwanzsuppe zu ergattern. Denn diese sei eine ganz besondere, wusste man sich in aller Munde der wartenden Menschen zu erzählen.
Doch das war vor allem für ihn, den Käpt’n Purpur, ein gar seltsames Unterfangen, da er eigentlich dem Fleische längst abgeschworen und sich inzwischen der Luft und Liebe und den Pflanzen gewidmet hatte. Immerhin hatte er sich dabei den grünen Daumen verdient gehabt, den man ihm zu Ehren jedes Jahr wie einen Wanderpokal in der allgemeinen Bevölkerung herumreichte, um diese anzuspornen, endlich auch ihr Scherflein zum Gleichgewicht in der Welt beizutragen.

So stand Käpt’n Purpur nun also inmitten der Ungläubigen, ziemlich weit vorn in der Reihe und konnte seine Hand alsbald auf den Türknauf aus Messing legen, der ihn in die heilige Stätte des Fleischers Von und zu Hussenstein führen würde.
Doch da geschah etwas seltsames mit ihm.
Er bemerkte plötzlich, dass es nicht seine Zunge sein konnte, auf der er geduldig herumkaute. Denn dieses Etwas wurde in seinem Munde immer mehr, füllte alsbald sogar den ganzen Rachen und die Kehle und den ganzen inneren Rest seines Körpers aus und drohte ihn gänzlich auszustopfen. Und das durfte schließlich nicht seine Zunge sein. Stattdessen hätte es ein sehniges, zähes und rohes Stück Fleisch sein können, dass ihn in seiner Geduld sehr quälte, so dass er fast daran verzweifelt wäre, weil er es schließlich weder ganz herunter- noch gänzlich hervorwürgen konnte. Bis es ihn am Ende komplett seiner Stimme beraubte, als die Tür zur Fleischerei endlich aufgestoßen und er grob als Nächster in der Reihe hereinbefohlen wurde.
Wortlos senkte Käpt’n Purpur seinen Kopf, als er in die stechenden Augen des Herrn Von und zu Hussenstein blickte und verstand, dass es ihm gerade die Sprache verschlagen hatte.

Als die Straßenbahn unmittelbar vor Hubertus mit ihrem Warnsignal losschrillte, schreckte er unter seiner Atemmaske aus seinen Gedanken hoch. Er hatte seine alten Raumfahrerstiefel an, weil seit Tagen ununterbrochen graue Ascheflocken vom Himmel gefallen waren und das Wetter die Straßen, Bürgersteige und Plätze der Siedlung unter den drei Sonnen und zwei Monden in wahre Schlammlandschaften aus nassem Aschegewusel verwandelt hatte.
Fahrig durchsuchte Hubertus beim Anblick des roten Führerhauses der alten Tatra-Bahn mit den hell erleuchteten Bullaugen seine Manteltaschen und fand schließlich die Tüte mit den Samenkörnern für seine Bonsaigarten-Boxen, die auf seinem Balkonien unter der Käseglocke hinter dem Iglu-Turm seines Großvaters standen. Diese würde er, so schwor er es auf die Steine und Gebeine der Gräber seiner Vorfahren, im frühen Jahr der ersten Sonne in die frisch aufgeworfene Muttererde bringen. So dass er irgendwann danach mit viel Geduld und Liebe ernten konnte, was er gesät hatte.
Doch das war noch ein Weilchen hin, denn jetzt herrschte erst einmal die dritte Sonne über allen Landen, und es war an der Zeit, seinen Retortensnack zur Mittagsstunde einzunehmen. Über den Käpt’n Purpur in seinen Träumen allerdings dachte er noch lange nach, wusste er doch, dass er zu seinen Urahnen gehörte. Und er glaubte fest an dessen Seelenwanderung.

© CRSK, Le, 09/2022

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