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Erkenntnis

Seit sieben Tagen stand Adrio zu Füßen des Hochplateaus. Links neben ihm tobte unablässig das Meer, und es roch nach Fisch. Rechts neben ihm klebte eine weiß getünchte Hütte aus getrocknetem Seetang, Schwämmen und Miesmuscheln an der – vom Wasser glattpolierten – Felswand und am anderen Ende des weithin sichtbaren Tafelfelsen toste ein Wasserfall in die tiefe Ebene hinunter, hin zum Meer und darüber hinaus in den Himmel hinein.

Niemand außer Adrio stand dort an diesem abgelegenen Ort. Denn es war nun sein Heim, was da am Felsen über dem Boden hing und darauf wartete, von ihm erklommen und bewohnt zu werden.
Er hatte es erst vor Einhundertachtundsechzig Stunden von einem ihm Fremden erworben, ja fast ergattert gehabt, weil dieser ihm noch viele andere weitere materielle Kleinode, die an der Wand des Felsplateaus hingen bzw. mit dem Wasserfall hinunter in die Ebene fielen, um dann ins Meer zu schwimmen, feilgeboten und schmackhaft gemacht hatte, so dass Adrio am Ende gar nicht mehr gewusst hatte, wonach ihm damals der Kopf und der Sinn standen.
Und niemand außer er selbst hätte das herausfinden können.
Doch der Fremde war ihm damals so präsent erschienen und hatte ihn stark an jemand Vergangenes erinnert, dass es ihm schwergefallen war, klar zu denken und bei den Gedanken daran, gleich etwas zu besitzen, was er anfassen, hegen und pflegen und anderen herumzeigen konnte, die Ruhe zu bewahren.
Außerdem hatte ihn die Idee, dass der Fremde ihm gar nicht so fremd war, dass er ihn eventuell sogar näher kennen könnte, nicht mehr losgelassen. Selbst jetzt noch, Tage später, war das der Fall gewesen.

Adrio war nun ein aufgeregter Hüttenbesitzer. Denn ihm wurde mit jedem Atemzug mehr und mehr klar, dass es gar keine Treppe oder eine ähnliche Aufstiegshilfe gab, um in der Felswand hinauf zu seiner Hütte zu gelangen.
Außerdem stellte er mit zunehmend schärfer werdendem Verstand fest, dass die Hütte gar nicht weiß getüncht war, sondern farblich fast genauso aussah wie der Fels des Hochplateaus und dessen senkrecht nach oben ragender Wand, so dass es – je nach Blickwinkel der Ansicht auf den Tafelfelsen – fast den Anschein gehabt hatte, dass da gar keine Hütte hing und dass er auf einen Scharlatan hereingefallen war.

Und mit einem Mal fiel Adrio auch wieder ein, wer dieser Fremde gewesen war, und das jagte ihm wellenförmige Beklemmungen durch den Körper, so dass er sich schließlich keinen Zentimeter mehr rühren konnte. Weg von der immer stärker werdenden Bitternis der Erkenntnis. Weg von der Schmach. Hin zum Fort sein. Zurück zum Weg. Und er musste am Ende mehrfach schlucken und japste dann erfolglos nach Luft, als eine riesige Welle Meerwasser über ihn hereinbrach und ihn mit sich forttrug.

Als er das nächste Mal aus dem Wellengang wieder auftauchte, hatte er nun – anstatt seiner alten Arme und Beine – Flossen am Körper, und seine Haut war mit Schuppen bedeckt.
Er erbrach sein Innerstes nach außen, als sah er a Detail den Ex seiner Vergangenheit vor seinem inneren Auge sah und dabei beobachtete, wie sich dieser in seine Exen formatierte und sich am Ende daraus alles in eine Weiblichkeit verwandelte, die ihn am Anfang aller Dinge ins Meer hinein geboren hatte.
Adrio musste in die Tiefen des Wassers abtauchen, um atmen zu können, bewegte seine Flossen in der Strömung und schwamm schließlich auf und davon …

© CRSK, Le, 09/2022

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