lola rennt nicht mehr

Lola rennt nicht mehr

Glaubst du, es ist schlau, zurückzuschauen und darauf hinzuweisen, wie es damals so gewesen ist?
Glaubst du, Lola war glücklich, als sie an den Möglichkeiten ihres Lebens vorbeigerannt ist und die Wahrscheinlichkeiten der Zufälle eher ausgelassen als genossen hat?

Fakt ist jedenfalls, Lola rennt nicht mehr. Lola rennt mir nicht mehr durch meine Bilder. Sie rennt mich nicht mehr um, wenn ich sie sehe und dann auch noch denke, dass ich nicht mehr weiß, warum ich sie einmal in meinem Leben für gut befunden habe.
Fakt ist auch, dass ich mich frage, wieso ich sie jetzt doof finde und sich mir die Idee hinter ihrem Film heutzutage nicht sofort auf den ersten Blick erschließen will, so dass ich erst einmal das Internetz befragen musste, bevor ich Lola – nach Jahren der eigenen erfolgreichen Suche meiner Möglichkeiten und nach mir selbst – dann doch verstanden habe und jetzt froh darüber bin, dass ich nicht mehr das Murmeltier in ihrer oder vielmehr meiner eigenen Hosentasche sein kann beziehungsweise sein möchte, welches beständig in einer Zeitschleife dahinvegetiert und darauf hofft, endlich ausbrechen zu können oder vielmehr zu dürfen.

Oder bin ich es etwa doch? Also ich meine das Murmeltier. Weil ich mir manchmal noch immer ausmale, wie es so wäre, meinem Alter Götzentum von Anbetung und Niedergang wiederzubegegnen und dann darüber laut zu schweigen. Das warum, wieso und weshalb ist dabei das Garn, in dass ich mich verstricke.

Ach ja, ich weiß, ich bin bekloppt, weil ich es nicht lassen kann und immer wieder in der Wunde herumpuhle, so dass ich dabei die unmöglichsten Möglichkeiten durchspiele und mir dann den Zufall schlechthin herbeisehne.
Aber ist es nicht manchmal so, dass man zwar weiß, dass die Herdplatte heiß ist, aber dennoch drauf fasst, weil irgendeine Stimme in einem selbst dies verlangt?
Jedenfalls manchmal …

Doch, ja …, Lola rennt noch. Nun allerdings in meinem Hamsterlaufrad anstatt im damals gehypten Kinofilm. Allerdings tut sie das inzwischen eher selten.
Nur …, ich will ihr nicht mehr folgen.
Ich humple lieber selbst die lange, lange Straße entlang, bis ich die Gemütlichkeit meines Schutzengels und seiner Altäre und dessen Lichter für mich (wieder) entdeckt habe und nachts meinen Haushalt erledige, damit ich in der Frühe die Stoßgebete erhören kann, die ich irgendwann einmal aus Verzweiflung in den Hauch der Nachtluft geschickt hatte, so dass sie irgendjemand erhören möge …

Und jetzt bin ich es, der hier auf der Pritsche liegt, dabei sein Knie verrenkt, um es durchleuchten zu lassen, weil es schmerzt, wenn ich behände meiner Wege ziehe.
Und jetzt hämmert mir der Tomograph die Ohren voll, so dass ich seine rhythmischen Resonanzen bis in die Zahnwurzeln zu spüren bekomme und meine Zwei-Millimeter-Stoppeln auf dem Kopf eilig den Radetzky marschieren, bevor sie meiner Rasur morgen früh wieder weichen müssen.
Und gerade jetzt ist es aus die Maus für Lola. Die güldenen Tellerchen der Jagd nach den Möglichkeiten habe ich zum Mitnehmen vor die Türe gestellt und genascht wird immer gleich sofort. Bar auf die Hand. Denn was morgen sein wird, kann man nie wissen.

© CRSK, LE, 06/2022

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