Matti

Matti aus dem Karton

„Ich flüstere es dir, ich flüstere es dir gleich zu!“, hauchte Matti in meine Richtung, als er mich zum ersten Mal in seinem Drachenleben erblickte und schon hin und weg gewesen war. Ich eilte nur einen Schritt von ihm entfernt an ihm vorbei, weil ich mal wieder spät dran gewesen war und noch meinen Zug schaffen wollte, während er mit ganz vielen anderen Dingen neben dem Altkleidercontainer in einem schäbigen Mitnahmekarton hockte und auf bessere Tage wartete.
Leider verstand ich in diesem Augenblick noch kein Drachisch, so dass ich Matti nur verschlafen mit meinen Augen streifte und es mir erst ein paar Schritte später plötzlich in den Sinn kam, dass er schon niedlich aussah. Das war wie mit den versiebten Groschen meiner längst verstorbenen Oma. Die sind auch erst Jahre später bei der neulichen Ausmistaktion in der alten Butterdose auf dem Dachboden wieder aufgetaucht, und sie hatte damals in ihrer Altersverwirrtheit immer Stein und Bein geschworen, dass die Nachbarin sie ihr entwendet hätte.

Matti zwinkerte mir mit seinen großen Drachenaugen zu. Seine kleinen Flügel waren hellblaue Wolkenfetzen und sein Rücken gänzlich mit dunkelblauen Schuppen bedeckt. Wohingegen sein Bauch ähnlich wolkig aussah, wie seine Flügel und sein Drachenkamm orange im Morgengrauen leuchtete.
Er rülpste mir hörbar hinterher. Eine Stichflamme schoss dabei in meine Richtung aus seinem Drachenmaul und versenkte mir die linke Arschbacke, so dass ich schließlich zusammenzuckte, stehenblieb und mich doch zu ihm herumdrehte.

Ich erblickte 2 ausladende Meeressterne, die mich wie ein Strudel in sich hineinzogen und mir zuflüsterten: „Nimm mich jetzt endlich mit! Und, ganz wichtig, hab mich lieb!“
Mattis orangene Entenfüße watschelten in dem Karton hin und her und kullerten dabei den restlichen Inhalt der Mitnahmebox durcheinander, während sein Drachenmaul alles mehrfach beschnüffelte.
Meine Knie wurden buttrig. Ich bekam warme Hände und mein Herz verstolperte sich. Einen winzigen Augenblick dachte ich, ich würde einen alten Teilzeit-Weggefährten vor mir stehen sehen, der nicht mehr in dieser Welt verweilte und dann konnte ich einfach nicht anders. „Also gut“, sagte ich schließlich, „aber erst musst du in der Waschmaschine grundgereinigt werden.“ …

© CRSK, LE, 05/2022

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