Vom nicht wollen

Ich stand da allein im Regen und wusste nicht mehr, was der Anlass dafür gewesen war. Alles nur verwischte und aufgeweichte Fetzen einer alten Buchseite, die irgendjemand irgendwann herausgerissen, zerknüllt und in die Pfütze zu meinen Füßen geworfen hatte.
Einzig woran ich mich noch erinnerte, waren die Worte, „Ich will dein Geschenk nicht!“ Mit Nachdruck gesprochen und Wut in der Stimme.
Irgendjemand?
Ich überlegte, während mir der Regen in Rinnsalen über den Nacken lief und sich über meinem Rückgrat zwischen den Schulterblättern eine tiefe Furche bildete. Aber mir fiel niemand weiter ein, außer ich selbst. Denn ich hatte bei diesen Worten die Sehnsucht nach Abstand verspürt und den Wunsch in Ruhe gelassen zu werden.

Jetzt- ungefähr eine Stunde nach dem Erwachen und Aufstehen – erinnere ich mich bei den Klavierklängen meines besten Freindes daran, wie ich selbst damals als Schenkender diese Worte zu hören bekommen hatte und fühle mich schuldig.
Ich halte mich an meiner großen, gelben Teetasse fest, zähle ihre gemalten Tulpenblüten. Rot sind sie und künden vom Frühling. Dennoch verknotet sich mein Gedärm und ich fühle die Hitze in mir aufsteigen. Bis mir klar wird, wie diejenige sich damals gefühlt haben muss, die nicht mehr beschenkt werden wollte und ganz allmählich kehrt Frieden in mir ein.

Meine Finger klopfen die Melodie zur Musik auf dem Tassenrand und ich genieße das schummrige Kerzenlicht am frühen Morgen. Noch ist es nicht hell, aber der Tag kündigt sich mit verwaschen violett-stichiger Gräulichkeit schon an …

Später – nach dem allmorgendlichen Porridge und nach der Morgentoilette – sitze ich am Fenster und betrachte den grauen Februartag und die Autos und Passanten auf der Straße vor meinem Haus.
Währenddessen sinniere ich darüber nach, was für mich ein Geschenk beziehungsweise das Geschenk aus meinem Traum ist:

„Ein Kleinod, dass ich tagaus und tagein als Talisman mit mir herumtragen kann?
Oder ein Schatz, wie Gollum es immer zu sagen pflegte?
Eine Garbe aus Getreide oder die Schafgarbe?
Vielleicht die Gabe Gottes?
Oder eventuell eine milde Gabe von gutherzigen Menschen, die mich vor dem hungernden Darben meiner Seele bewahrt?
Oder ist es eher eine Begabung, die mich zu etwas Besonderen befähigt, was letzten Endes nicht artig, auch nicht einzigartig, dafür aber mächtig gewaltig ist?

Was ist, wenn von allem etwas in diesem Packerl, dass ich nicht haben wollte und nun vielleicht doch links- oder rechtslastig oder sogar beidlastig geschultert habe, enthalten ist?
Oder was ist, wenn das Kleinod so schwer wiegt, dass ich diese Gabe nicht tragen kann, weil die Begabung dann zu schwer ist, und sich Neues schier in mein Leben hineinrevolutioniert, ohne dass ich mich dagegen wehren kann?
Oder es ist die Fähigkeit, meines Helfers im Alltag, die abgenabelte Nabelschnur gut zu versorgen und symbolisch als das Geschenk zu betrachten, dass ich nicht gernhaben wollte?“

Ich glaube, die Antwort auf all diese Fragen kenne ich bereits. Mein Herz jedenfalls weiß sie …

© CRSK, Le, 02/2020

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