das yeah des sommers 2022

Das Yeah des Sommers 2022

das yeah des sommers 2022

„Yeah, Yeah, Yeah“, sang Ludmilla laut, während ihre Ohren durch die großen Kopfhörer abgeschirmt waren und ihr niemand etwas anhaben konnte.
„Yeah, Yeah, Yeah, … komm and rock mich Sunserella“, trällerte sie weiter.
„Come on, rock me Amadeus. Komm und zock die Ärsche ab. Komm und zermock ihnen die Ohren“, schrie sie in die Welt hinaus und kümmerte sich dabei nicht die Bohne darum, was die anderen dicht gedrängten Fahrgäste davon hielten.
Denn es war heiß in dem Zug. So heiß, dass ein Spiegelei auf ihrer Glatze hätte braten können, wenn sie es denn gewollt hätte. Und die Leute standen und saßen und hockten wie die Ölsardinen zusammen und dünsteten sich dabei gegenseitig aus und an und um.
Überall stank es nach Schweiß, der nicht mehr vom Parfüm der Damen und Herren von Draußen übertüncht werden konnte. Diese stiegen zwar an jeder weiteren Haltestelle als Frischfleisch zu, um schließlich als durchgesottener Braten alsbald auch wieder auszusteigen, allerdings war die Macht der Ausdünstungen derer im Zug, die längst gar gewesen waren, einfach zu übermächtig.
Überall fühlte Ludmilla Grenzüberschreitungen der Privatsphäre, und das machte sie ganz fertig auf der Leber. Ihre Läuse der Gemütsunruhe tanzten Polka und sangen weiter: „Come on Baby. … Come on du, selber Arsch du. … Come on, zeig mir deine Ohren. Come on …“

Ludmilla war fertig mit sich und der Welt. Und ihr gegenüber hockte ein runzeliger Spinnenmann, der so steif dasaß, dass man glauben konnte, ihn hätte der Schock des Lebens getroffen. Vermutlich war das auch der Fall gewesen. Denn hinter Ludmillas Rücken hatte irgendeine Rotzgöre mit roter Farbe: „Legg mior do, wo’s Glärschn ne hin gommd!“ auf den Spiegel und die Wand des nicht klimatisierten Zugabteils gesprüht.
„Alte Schule?“, fragte sich Ludmilla in Gedanken, als sie die Reaktion des Spinnenmanns mit ihren Sinnen registriert hatte. Sie konnte sich die Empörung ihres Gegenübers förmlich auf ihr mitgebrachtes Hasenbrot schmieren, und ihre Nackenhaare stellten sich dabei auf. Denn sie mochte so etwas ganz und gar nicht. Sie trällerte auch weiterhin lautstark ihre Musik mit und dachte währenddessen über die mitunter verstockten Wesenheiten der Menschheit nach.

Als plötzlich der Zug inmitten der prallen Mittagssonne außerplanmäßig stoppte.
„Mensch! Befreie dich von deinen Schranken und lebe dein gewanktes Zanken der Emotions in the Air!“, schrie Ludmilla plötzlich auf, sprang von ihrem Sitz hoch und riss sich die durchfeuchtete Atemmaske vom Gesicht.
Dann grinste sie den Spinnenmann frech an, beugte sich zu ihm herunter und ignorierte die anderen Mitreisenden in ihrem Abteil. „Eyh Alter, komm, gib mir Schimpfnamen, denn ich hab’s doch in deinen Augen verdient“, hauchte sie ihm kaum hörbar zu.
Die junge Frau, die auf dem Platz neben dem Spinnenmann saß, schlug die Beine übereinander, schob ihre Hände zwischen die Oberschenkel, so als ob sie heimlich beten wollte und schaute dabei, an den beiden vorbei, auf den Gang des Zugwaggons hinaus.

Alle Anwesenden im Zugabteil atmeten hörbar ein und wieder aus, als sich der Spinnenmann räusperte und wie in Zeitlupe nach dem Kinn von Ludmilla griff.
„Sei still, du Menschenkind!“, sprach er leise. Entgegen ihrer Grundannahme klang seine Stimme völlig unaufgeregt. Nur seine Augen machten sich über sie lustig, als er mit seiner kühlen Handinnenfläche Ludmillas linke Wange zärtlich tätschelte.
„Du bist noch jung“, fuhr er fort, und legte ihr seinen Zeigefinger auf die spröden Lippen. „Nichts ist es wert, dass man sich derartig darüber echauffiert“, kicherte er. „Selbst über eine verkannte Seele, wie die deine, nicht. Oder willst du etwa behaupten, dass das Kunst ist, über die man sich tatsächlich aufregen sollte, weil sie einen in der eigenen Komfortzone berührt? Ich meine das Geschmiere da hinter dir an der Wand, dass du anscheinend so cool findest, dass du es auch noch in deiner falschen Tonlage besingst.“
Ludmillas Augen wurden groß und größer. Denn damit hatte sie nicht gerechnet.
„Glaub mir“, sprach der Spinnenmann weiter, „das ist gar nichts gegen den berühmten Fettfleck an der Wand in der Düsseldorfer Kunstakademie.“
Ludmilla zog die Stirn kraus und ihre Augenlider schlossen sich fast ganz, als sie sich wie ein nasser Sack nach hinten in ihren Sitz fallen ließ. Sie war sprachlos, und das sollte schon etwas heißen.

Der Spinnenmann war nun hellwach und rutschte mit dem Gesäß fast über die fordere Kante seines Sitzplatzes, während sein langer, hagerer Oberkörper in die Richtung von Ludmilla vorschnellte und seine Arme wild in der Luft herumzufuhrwerken begannen.
Ludmilla verkniff sich ein Lachen, denn er sah tatsächlich aus wie ein alter Weberknecht, der plötzlich aus seiner Erstarrung erwacht war, um seine ins Netz gegangene Beute zu umspinnen.
„Niemand besingt mich als einen alten Arsch mit Ohren, der einen Stock im Hintern zu haben scheint“, fuhr der Alte fort und lachte dabei glucksend.

Dann rollte der überhitzte Zug wieder an, und warmer Fahrtwind drang durch das Fenster ins Abteil. Ludmilla rieb sich über ihre müden Augen, reckte und dehnte sich gen Abteildecke, als sie langsam aus ihrem Dämmerzustand erwachte.
Sie staunte nicht schlecht, als sie feststellte, dass auf dem Sitzplatz ihr genau gegenüber niemand mehr saß oder vielleicht während der gesamten Fahrt gesessen hatte. Stattdessen stand dort ein kaputter Malereimer, gefüllt mit einem Wirrwarr aus ranzigem Fett und Tierhaaren.

Ludmilla seufzte auf, als die Zugbegleiterin den nächsten Halt durchsagte, sie sich daraufhin von ihrem Sitzplatz erhob, ihre Siebensachen zusammensuchte und dabei feststellte, dass auch die Wand des Abteils und der Spiegel hinter ihrem Sitz nicht mit roter Farbe beschmiert gewesen waren.
Nachdenklich stand sie unter dem Dach der Bahnhofshalle, auf dem Querbahnsteig, der zu den Gleisen führte und sinnierte darüber nach, ob sie sich jetzt einmal Pommes Rot-Weiß gönnen sollte oder lieber doch in aller Eile und Heftigkeit des Gefechts die nächste Toilettenkabine von innen aufsuchen und mit ihren Ergüssen beglücken sollte.
Natürlich alles in Minuskeln dahingeschlunzt. Ganz demonstrativ. Total plakativ. Egal ob en vogue oder nicht. Denn wer interessierte sich hier schon für die Moderne oder die Macken der Altvorderen beziehungsweise deren ewig gestrigen Kindern? Sie definitiv nicht!

Ludmilla unterdrückte ihren ersten und auch den zweiten Impuls und übergab stattdessen dem nächstbesten Bahnhofsmitarbeiter, der ihr über den Weg lief, den alten Malereimer mit dem ranzigen Fett. Dann wandte sie sich schließlich in die Richtung der nahen Straßenbahnhaltestelle um und freute sich wie ein Kind über die halbwegs funktionierende Klimaanlage der Tram, die sie auf dem letzten Stück ihres Weges nach Hause bringen sollte.

© CRSK, BS, 08/2022

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www.alleskuehn.de

Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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