auf großer reise

Auf große Reise

auf großer reise

Der El-Ka-Wattsch hatte ein Rad mit nem Klatsch ab. So stand er voll in der Sonne und brummte voll Wonne die Tauben auf seiner heißen Kühlerhaube an, bevor er mit einem Auspuffkracher und ordentlich Ruß in der Luft verstummte und sein Fahrer auf den LKW-Abschleppdienst wartete.

Niemand hätschelte dem Fahrer den verschwitzten Bowlder-Hut, als er nach Stunden des Wartens ohne Schatten lauter gespinsterte Gesponne vor Augen hatte und die von der Notaufnahme erst dachten, dass die Arachnophobia Andromeda von Tannenstein ihn erwischt hätte.
Bevor sie ihn den längst überfälligen Augen-Wimper-Klimper-Test machen ließen, nur um festzustellen, dass er sich das Gespinst vor Augen vermutlich nur eingebildet hatte.

Dennoch musste der LKW-Fahrer das verdauen gehen und hockte mitten in der Nacht ganz brägenklöterig vor der geschlossenen Kantine des Krankenhauses und schlürfte einen lauwarmen Automatenkaffee, bevor er sich am nächsten Morgen seinen Bock beim Vertragsschrauber des Abschleppdienstes der Autobahnwacht abholen gehen wollte.

Er fühlte sich an diesem Mittwochmorgen übernächtigt. Als er sich eine seiner Genussrollen aus seinem verchromten Zigarrenetui fingern wollte, um sie sich hinter sein linkes Ohr zu stecken, sah er auf der Innenseite des Etuideckels ein unrasiertes Männergesicht aufblitzen. Er dachte flüchtig an den Traum von letzter Nacht, den er gehabt hatte, als er kurz in einem der leeren Patientenzimmer verschwunden war, um eins der unbelegten Krankenhausbetten zu besetzen und sein Powernapping zu betreiben.
In diesem Traum hatte er seine alte Lehrerin felsenfest davon überzeugt, dass er eine ausgediente Barfrau sei und in die Klausur gehen könne, um dem Orden der achtsamen Schwestern zu Weisenstein beizutreten. Seine Stimme hatte dabei so sehr nach der einer Frau geklungen, dass er sich dabei auch gänzlich weiblich gefühlt hatte.
Nur jetzt, wo er wieder erwacht war, weil ihn die Putzkolonne hochgescheucht hatte, und ihm eine der diensthabenden Krankenschwestern des Frühdienstes den Marsch geblasen hatte, schaute er im Vorbeigehen flüchtig in den Badspiegel des Krankenzimmers, bevor er das Weite suchte.
Er erblickte einen verwirrten Mittvierziger, der in ein verschwitztes Feinrippunterhemd gekleidet war und ein zerknittertes, hellblau kariertes Männerhemd offen darüber trug. Er war ob des Traumes irritiert und wusste nicht, woran er sich halten sollte, als er das Krankenhaus um kurz nach sechs Uhr am Morgen verließ.
Am liebsten wäre er vor sich selbst geflüchtet und ausgewandert. Doch mit der rauchig fraulichen Altstimme von letzter Nacht im Ohr war ihm das verwehrt geblieben. Denn er wusste ganz genau, was diese innere Stimme ihm anziehen würde, wenn er sie denn lassen würde.
Aber ob er sich darüber wohl freuen könnte, wenn er denn wüsste, dass er das dürfte?

Dem Gott der LKW-Fahrer im Geiste dankend betrat er schließlich die Werkstatt, in die man seine alte Zugmaschine gebracht hatte und lächelte, als er sein altes Mädchen liebevoll betrachtete.
Mit ihr war er durch halb Eurasien gereist und hatte schon das eine oder andere Rennen um die Wette der Gläubigerinnen seiner Manneskraft gewonnen. Doch dies würde er nie zugeben, bescheiden wie er gewesen war.

So ließ er gleich fünf Mal das Horn seiner LKW-Hupe via Fernbedienung in der Werkstatthalle ertönen, als alle Reifen auf Herz und Nieren und Verstand geprüft waren und jede markante Undichtigkeit ausgebessert und auch ausgewechselt war.

„Nun geht also es wieder auf große Reise“, stellte der weißhaarige Werkstattmechaniker fest und verteilte das Schmierfett der Zugmaschinen-Mechanik – mangels Putzlappens in der Nähe – auf seinem Blaumann-Overall.
Der LKW-Fahrer hüstelte, als er seine Rechnung bei ihm beglich und schwang sich auf seinen Bock. Der Traum seines letzten Powernappings war zwar nicht gänzlich vergessen, allerdings fürs Erste wieder weit ins staubige Hinterstübchen seines Hirns verfrachtet. Noch einmal ertönte das Horn seiner LKW-Hupe schallend, als er sich schließlich in das Führerhaus seiner Zugmaschine bemühte, und mit ihr rückwärtsfahrend die Werkstatthalle verließ.

© CRSK, LE, 08/2022

8 Reizworte:

  • Taube
  • Taube
  • Luft
  • LKW
  • Gespinst
  • verdauen
  • freuen
  • auswandern
  • danken

 

 

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Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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