Noch einmal

Wasserpumpe

„Eyh, Alter, schick mir mal den Link rüber, damit ich mich Upgraden kann. Die Kühlung meiner Jakobsmuschel ist ausgefallen“, brüllte Sieglinde quer übern Marktplatz der Kleinstadt Donnerlüttchen.

Eigentlich hieß dieser Ort, der schon Sieglindes Geburtsstadt gewesen war, Noch einmal. Aber Sieglinde fand diesen Namen öde, und nannte ihre Heimat deshalb immer Donnerlüttchen, wenn sie mal wieder über diese und ihr persönliches Leid schimpfte.
Dazumal es an diesem Ort 365 Tage im Jahr ein makroklimatisches Mikroklima gab, was man sonst nur selten irgendwo anders erleben konnte. Denn hier gab es mindestens einmal am Tag ein großes Krawitter. Spätestens wenn Sieglinde von ihrer Schicht als Gildenmeisterin der Krawallbürstenmacher*Innen nach Hause kam und die unordentlichen Räumlichkeiten ihrer Bleibe betrat.
Sie hauste dort mit ihrem geliebt-gehassten Gatten, das war auch der Alte, nach dem sie gerade gerufen hatte, seit über vierzig Jahren zusammen, und ein Ende war noch lange nicht in Sicht. Denn irgendwie brauchten sie beide einander, wie der Teufel das Weihwasser oder Gott seiner Menschen Hölle.

Der Alte, den Sieglinde gerade lautstark gerufen hatte, blickte verdutzt auf, so als ob er die derbe Stimme seiner Frau noch niemals zuvor wahrgenommen hatte. „Deine Jakobsmuschel?“, flüsterte er zurück und schwankte verdächtig auf seinen schmutzigen, baren Füßen.

Er war blau. So wie jeden Abend, wenn sein Eheweib nach Hause kam und Rabatz schlug.
Gefühlt war er schon immer blau, seit er sie näher kannte und irgendwann einmal auch mit ihr gegangen war. Im romantischen Sinne.
365 Abende im Jahr. Und das fast vierzig Jahre lang.
Im Prinzip seit Sieglinde der Gilde der Krawallbürstenmacher*Innen beigetreten war und sich mit ihrer Wut auf Menschen bewaffnete, um ihnen die Abendstimmung zu vermiesen. Denn sie könnten ja ihr Glück genießen, dass sie ihnen nicht gönnte, weil sie selbst ihr eigenes verloren oder vielleicht gar noch nie gefunden hatte.

Sieglinde schnaubte und arbeitete sich an dem alten Pumpenarm des Marktschreier-Brunnens ab.

Die Jüngeren der Stadt hatten sich hier nämlich etwas ganz Besonderes für die Krawallbürstenmacher*Innen und ihre Gildenchefin überlegt.
Sie hatten den Lord Timer, ein heimatloser, durch die Zeit reisender Zauberer, den Auftrag erteilt, ihren geliebten Brunnen in einen altersschwachen, handbetriebenen Pumpbrunnen zu verwandeln, der die Plagegeister der Stadt zur Wiedergutmachung verpflichtete. Auf immer und ewig.
So mussten sie sich nämlich pünktlich zu jeder ersten Abendstunde dem Brunnen zuwenden und ihn alle – immer hübsch der Reihe nach – pumpender Weise von seinem sich täglich ansammelnden Sorgenwasser befreien.
Das war unabdingbar. Denn sonst würden die Männer und Frauen der Krawallbürstenmacher*Innen irgendwann von der Seuche der Plagegeister dahingerafft werden. Und das wiederum wäre für den Brunnen und die Gilde eine Katastrophe gewesen. Denn eins bedingte das Andere in ihrer aller Leben.

Der Alte nuschelte: „Jakobsmuschel, dass ich nicht lache.“, und fragte seine Sieglinde laut: „Hast du die ausm Meer gefischt?“ Dabei grinste er frech über seinen Witz und setzte sich im Schatten der engen Straßenschlucht auf der Treppe vor dem Hauseingang ihrer gemeinsamen Bleibe.
Sieglinde kochte vor Wut, weil der Arm der Pumpe mal wieder klemmte und die anderen Krawallbürstenmacher*Innen hinter ihr ungeduldig mit den Füßen scharrten.
„Eyh, du Arsch, willst du, dass mir die Möse vor Hitze platzt. Also mach hinne und besorg mir gefälligst den Link. Eine neue Jakobsmuschel werden wir uns ja nicht leisten können, so rar wie die Dinger heutzutage geworden sind.“, brüllte sie zurück und ließ dieses Mal nicht ihre Muckis spielen, sondern ölte die Gelenke des Pumparmes mit pastösem Fett ein, damit der Brunnen endlich wieder reibungslos funktionierte.

Unter der Hand und hinter dem Rücken des Lord Timer munkelte sich das Volk immer wieder zu, dass er wohl geburtlich aus dem Jahre 1882 stammte und im Prinzip gar kein Adeliger gewesen war, sondern nur deshalb Lord genannt wurde, weil er sich diesen Titel irgendwann einmal auf seinen viel zu langen Gürtel gestickt hatte und dann damit losgezogen war, um die Welt in seinen Augen zu retten.
Seine Butterdose war allerdings mit den Jahren schon etwas altersschwach geworden, und ihr Äonen-Strahler-Antrieb muckerte ab und an herum, so dass es ihn auf seinen geliebten Reisen schon das eine oder andere Mal zu Überraschungsbesuchen in unwirtliche Zeiten und an verfluchte Orte verdonnert hatte. So wie im Falle der Stadt Noch einmal und ihrem Schicksal als Donnerlüttchen der Galaxie.
Normalerweise besuchte er nämlich nie hoffnungslose Orte, sondern viel lieber heile Welten, damit er auch ja über das dort nicht vorhandene Unrecht der Anderen siegen konnte.

„Ja, ja, ich mach ja schon …“, brummte der Alte und schlurfte ins Haus, damit er den Zauberkasten seines Weibes anwerfen konnte, um dann quer durchs Fangnetz ihrer Welt zu surfen und schließlich genau den Link zu finden, den sie nun wieder meinte.

Für ihn jedenfalls war diese ganze Technik, die ihn umgab, ein Graus. Er vermisste die naturnahen Zeiten seiner Ahnen sehr, obwohl er diese nie in seinem bisherigen Dasein erleben durfte.
Er vermisste das lebhafte Gespräch über Gott und die Welt, dass er schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit seiner Frau am abendlichen Küchentisch geführt hatte. Er vermisste die Einkaufsbummel in der verwaisten Innenstadt, das inzwischen geschlossene Kino und noch so vieles mehr, was sie vor ihrem Unglück alles miteinander getan hatten.

Als er endlich den brandneusten Upgrade-Link gefunden hatte, drückte er das rote Knöpfchen und vernahm kurz darauf das zufriedene Grunzen seines Weibes.
„Soll sie doch …“, dachte er, holte sich aus dem vollautomatisierten Kühlfach den nächsten Seelentröster und verzog sich zurück in den Schatten des Hauseinganges. Für alles andere war es einfach viel zu warm und vermutlich auch zu spät gewesen …

© CRSK, LE, 06/2022

Die 8 Wörter:

  • blau
  • Timer
  • Jakobsmuschel
  • Antrieb
  • quer
  • pastös
  • Link
  • Abendstimmung

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Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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