Das Fußbad

„Schau sie dir an!“, sagte Fräulein Hüpfer mit dem großen Wackelarsch zu Fräulein Jawohl und wischte sich ihre derangierten Haare aus dem Gesicht. „Oder soll das etwa ein er sein?“, stemmte sie ihre zu Fäusten geballten Hände in die breiten Hüften, bevor sie laut losprustete.
„Hm“, machte Fräulein Jawohl neben ihr und stielte mit den Augen in die Suppe von Dem-da-drüben, die sie ihm beide unter die Nase gehalten hatten, wenn sie ihm in den letzten Tagen über den Weg gelaufen waren.

Und Der-da-drüben tat so, als würde er diese beiden Mädelz gar nicht hören, tippte geschäftig auf seinem Handy herum, während seine Füße mit ihren Schuhspitzen haarscharf an der Kante des Bahnsteigs standen und darauf warteten, auch ja der Erste an der Waggontür des demnächst einfahrenden Zuges zu sein.
Denn Alter ging seiner Meinung nach vor ebenmäßiger Jugend. Und niemand hätte ihm auch nur im Ansatz sagen können, was daran schön und erstrebenswert gewesen sein sollte, noch einmal jung zu sein. Im Gegenteil.
Er selbst, als Der-da-Drüben, hatte das Ganze schon seit seiner Geburt als dumm empfunden. Nur hat er das bisher so noch nie verlauten lassen, weil ihm vor der Aussprache seiner Kenntnis immer andere Eingebungen der Details seiner Umwelt im Kopf quergeschossen waren und ihn für den Augenblick sprachlos gemacht hatten. Damals, als er sich mit der Hausschnecke vom roten Postberg noch keine Rennen liefern wollte. Damals, als er noch keine grauen Haare vom Leben bekommen hatte.

Doch heute steht er voller Vorfreude auf das Fußbad am Abend am Gleis und zählt die Minuten, die ihm überbleiben, bevor ihm die Augen zufallen. Damit er noch viel schaffen kann. Damit er das Leben sortieren, die Erinnerungen ausmisten und seinen internen Speicher defragmentieren kann.
Jeden Abend, nach getaner Brotarbeit, ein Stückchen mehr. Jeden Abend mehr Intuition darüber, was klar vor ihm liegt. Jeden Abend mehr oder weniger Ich-und-ich-Zeit vom Rest der Vierundzwanzig Stunden, die er täglich zur Verfügung hat.

Gestern zum Beispiel war es ihm weniger gut gelungen, weil jeder Kanal seines Lebens mal wieder anders gescheppert hatte und Botschaften verlauten gelassen hatte, mit denen er nicht gerechnet hatte.
Gestern beispielsweise war er überall und nirgends unterwegs gewesen und hatte danach das Gefühl, sich total verausgabt zu haben.

Doch heute steht er nicht an gewohnter Stelle am Gleis, sondern wartet weiter hinten und mag dafür umso mehr, seinen inneren Frieden und die Ruhe, die er nun doch in sich selbst verspürt.
Fräulein Hüpfer mit dem unverschämten Wackelarsch und Fräulein Jawohl sind ihm dabei zwar nicht gänzlich einerlei geworden. Aber sie entsprechen nicht mehr seiner Welt und seinem Vokabular darüber, was er noch alles will oder eben nicht will beziehungsweise haben sie dem noch nie entsprochen.
So steht der Herr da drüben, wie jeden Tag nach getaner Arbeit, am Gleis und steigt demnächst in einen der weißen Züge gen Auszeit von der Welt und freut sich dieses Mal auf sein abendliches Fußbad, was er schon vor längerer Zeit auf die Agenda gesetzt hatte, bevor er für morgen und übermorgen sowie überübermorgen und ebenso überüberübermorgen bis ins ungezählte übermorgen von der Bühne abtreten würde. Und dann starb er innerlich auf den Schienen, die vor ihm lagen, als der Zug endlich einfuhr und seinen Geist mit seinem Rattatatam umarmte.

© CRSK, LE, 05/2022

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www.alleskuehn.de

Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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