Zum Anlass dessen

oder auch
Ein Brief an das Kind in mir und vielleicht auch in dir

Mondbeschienen sitzen wir nebeneinander. Du in deinem Zug und ich in meinem. Und wir legen die Hände aneinander, auch wenn zwischen uns ein Bahnsteig voller Wollenwünsche und Könnennichtwollen oder gar Möchtennichtdürfen vielleicht auch Sollenmüssen liegt, fahren wir ein Stück des Weges gemeinsam. Obwohl wir nicht wissen können, was der Wunsch des Vaters unserer Gedanken mit uns alles machen kann oder vielmehr tun wird, wenn wir nicht treu auf unseren Herzschlag hören. Jeder für sich. Jeder in seinem eigenen Zug, wenn er Zug um Zug der ichgeweihten Zielgeraten entgegenfährt, nur um allzu bald festzustellen, dass es nicht die letzte Gerade unserer Zielgenauigkeit oder vielmehr Ungenauigkeit der Lebensziele gewesen sein wird.

Spürst du meine Hand? Die Rauheit der Innenfläche? Das Zerfurchte meiner Haut, der Gang durch Täler und über Höhen und durch den Spiegel meiner Seele? Genauso ist mein bisheriges Leben verlaufen, und niemand wird mir sagen, ob es richtig oder falsch gewesen ist. Oder vielmehr lasse ich es mir nicht sagen. Denn niemand ist der Stellvertreter in meinen Schuhen. Niemand passt in meine Seele hinein. Und niemand trägt meine Haut zu Markte, ohne dass ich Ja und Amen dazu sage. Und genau das ist mir fremd geworden. Dieser Wunsch nach demjenigen Menschen, der auf jede meiner Fragen eine Antwort weiß und der mir mein Leben abnimmt, dem ich gefallen möchte, weil ich Angst habe, dass er mich sonst wieder verlässt und dem ich, ihm zuliebe, Dinge tue, weil ich glaube, dass sie ihm gefallen könnten, dass er sie möchte.

Ich brauche keinen Weltenerklärer mehr. Ich brauche nur mich selbst, um glücklich zu sein. Aber es ist schön, dass es dich dennoch gibt. Auch wenn du in Zukunft wieder allein auf meiner grünen Besuchercouch sitzen wirst, so bist du jedoch nie allein. Jedenfalls in meinem Herzen nicht.

Ich kann dir nicht versprechen, für immer zu können, für immer da zu sein, für immer zu wollen. Vielleicht stelle ich später doch noch fest, dass mir ein Kompliziertsein lieber gewesen wäre, als mit dir neue Pfade zu beschreiten? Vielleicht sehne ich mich in naher Zukunft doch noch nach einem Drama ohne Ende, einfach aus Gewohnheit, weil es schon immer so gewesen ist in meinen Zugeneigtheiten zu anderen Mitmenschen? Vielleicht.

Doch jetzt ist es gut so wie es ist. Jetzt freue ich mich darüber, die vertrauten Gewohnheiten verlassen zu haben. Denn im Sekunden- und auch Minutenblick sehne ich mich keineswegs nach dem Sehnen zurück, sondern genüge ganz allein mir selbst.

© CRK, LE, 01/2022

Veröffentlicht von

www.alleskuehn.de

Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung