Abschied

Die Festgesellschaft kondolierte mir – ein vergessenes Nonplusultra nach dem anderen – als ich im bunten Patchwork-Frack und Samtzylinder an meinem offenen Sarg stand und mein bleiches Antlitz – eingerahmt vom weißen Stoff der Gilde der Gestatter – betrachtete.
Ich sah aus, als würde ich schlafen und könnte jeden Augenblick vom herabregnenden Konfetti erwachen, während die Papierschlangen in der Luft um mich und die Festgesellschaft herum schwebten.

Niemand weinte. Alle lachten und waren ausgelassen. Auch ich. Sie alle trugen -so wie ich – farbenfrohe Gewänder.
Ich hatte gar keine Angst, als ich mich, in diesem Sarg ruhend, betrachtete. Ich gefiel mir. Nur die Blässe um die Nase und Augen herum bereitete mir Sorgen.
Und ich stellte mir vor, wie ich die Sonne, im Mohnblumenfeld liegend, anbeten würde und in dem Feld die weißen Mohnblüten zählen würde. Denn die sind die Boten des Abschiedes, Neuanfangs und Erwachens in der Authentizität zugleich. Sie sind meine Leuchtfeuer in der mondlosen Nacht, um nicht zu verzagen bei all meinen Fragen zum Sein oder Nicht-Sein.

„Möchtest du einen heißen Kakao?“, fragte mich leise eine Frauenstimme, links von mir aus dem Nichts heraus.
Ich sah niemanden, hörte sie allerdings klar und deutlich neben meinem Kopf.
Ich schluckte, nickte und hielt plötzlich einen wohltemperierten Pott mit eben jenem Getränk in meinen klammen Händen.
Die Stimme begann im vollen Alt zu singen: „Du siehst mich, du siehst mich nicht. Du liebst mich, du liebst mich nicht. Komm her und versteck dich nicht, dann können wir ein Stück gemeinsam des Weges ziehen.“
Ich zuckte die Schultern und wärmte mir meine kalten Hände an der großen Tasse mit heißem Kakao. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass mich diese körperlose Stimme an mich selbst erinnerte. So wie ich nie sein wollte und dann wiederum doch gewesen war. Zumindest zeitweise. Und so wie ich immer mich ersehnte, aber eben nie sein konnte. Zumindest manchmal.

Die Festgesellschaft feierte fröhlich weiter. Sie schwelgte in ihren Erinnerungen an mich, die nicht die meinen waren. Das fand ich merkwürdig, ging es hier schließlich doch um mich und nicht um sie.

Die Stimme ohne Körper erklang abermals.
Nur dieses Mal befand sie sich im Umbruch und hörte sich so an, als sei sie tatsächlich meine eigene. Sie sang vom Dodo, der nicht mehr ausgestorben war, längst fliegen konnte und dies nun auch ohne Sicherungsleine und doppelten Boden zu tun gedachte.
Ich schluckte erneut, und das Herz krampfte sich mir schmerzhaft zusammen. Ich trat näher an meinen Sarg heran und streichelte mir zögerlich über die blassen und kühlen Wangen, bevor ich den Sargdeckel sanft wie ein antiquiertes Buch zuklappte.
Noch während ich dies tat, vibrierte meine Smartwatch und riss mich aus dem Schlaf …

© CRK, Le, 09/2021

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Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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