Drachenstein

Aber es ist doch schon Samstag

Drachenstein

Klarson hatte ein Problem, als er verschlief. Denn nun stand er unter dem Druck der Zeit, die ihm in den Fingern zerrann, und er konnte gar nichts dagegen tun, auch wenn er sich noch so sehr beeilte, sich und seinen Tagesablauf durchoptimierte und so viele Dinge wie möglich zur gleichen Zeit erledigte. Es blieb dabei. Die Uhren tickten nicht langsamer. Im Gegenteil. Gefühlt eher noch schneller als vorher schon.

Klarson stand gehetzt inmitten einer Finissage von Endzeitstimmungsbildern aus Kohlezeichnungen mit neonfarbenen Akzenten und Altpapiereinlagen. Er spielte mit den anderen Besuchern „Fischer, Fischer, wie hoch ist das Wasser“, während er in Gedanken die Netze mit Tiefgang über den Grund seiner See schleppte, um die Perle seiner Träume zu finden, damit er sie mit auf seine geheime Insel nehmen und dort in die karge Muttererde einpflanzen konnte.

Irgendwer hatte das Deckenlicht in den Räumen der Ausstellung gelöscht und nun standen alle im Dunkeln da, und einer nach dem anderen zündeten sie ihre Kerzenstummel an, die sie vorsorglich mitgebracht hatten.
Nur Klarson hatte keinen, und davor fürchtete er sich. Er durchkämmte seine Anzugtaschen mit fahrigen Fingern. Und nur das zerbrochene Bernsteinamulett, das er erst gestern auf dem Parkplatz vor dem Haus gefunden hatte, blieb an ihnen hängen und baumelte nun vor seiner Nase.

Klarson war verwirrt. Denn der zerbrochene Stein im Inneren des Anhängers begann zu glühen und dehnte sich auf die Größe eines Stundenglases aus. Dabei umgab ihn ein regenbogenfarbenes Leuchten, dass die Lichter der im Raum befindlichen Kerzenstummel überstrahlte.
Klarson blickte in das Innere des Regenbogens, den das Amulett ausstrahlte und spürte Wärme in sich und eine Zufriedenheit, die ihn nährte. Er sah in dem Licht das bewegte Abbild eines wasserspeienden Feuerdrachens, das über seine See flog, um zu ihm nach Hause zu kommen.
Er rieb sich die Augen, als ihn das geflügelte Tier ansprach: „Du brauchst dich nicht zu beeilen. Du hast dich in der Zeit geirrt. Es ist doch schon Samstag.“

Klarson erwachte schreckhaft. Er fiel fast von seinem Hochbett, als er eilig herunterkletterte. Er hatte doch nur fünfzehn Minuten länger schlafen wollen, so erschöpft, wie er gewesen war. Und daraus sind dann geschlagene Vierundzwanzig Stunden geworden.
Hastig klaubte er seine sieben Sachen zusammen und stürzte ins Bad. Auf dem Weg dorthin erhaschte er einen Blick in seinen Garderobenspiegel, der im Flur hing und blieb wie angewurzelt stehen.

Ihn schauten zwei türkisfarbene Echsenaugen an, deren längliche Pupillen orange leuchteten. Und seine Zunge schnellte auf der anderen Seite des Spiegels aus seinem Maul hervor, so als würde er Witterung mit sich selbst aufnehmen. Sie war gespalten und sehr lang.
Spontan streckte er die Hände nach ihr aus, griff durch die Spiegeloberfläche, so als sei sie aus Wasser, das nun Wellen schlug und berührte seine Reptilienzunge. Es gab einen elektrischen Schlag. Seine Hände zuckten zurück, und Klarson begann zu lispeln, als der Drache mit ihm sprach: „Wer bith thu thenn, mein Hübscher?“

Klarson kicherte und er spürte noch die trocken-raue Fleischigkeit seiner Reptilienzunge, wie sie sich um seinen Arm schlängelte, als der Wecker klingelte und ihn aus seinem Schlaf riss …
Er war erleichtert, dass er nicht schon um vier Uhr in der Früh hatte aufstehen müssen und nun einen auf Gemütlichkeit machen konnte. Denn es war Samstag und eben nicht erst Freitag.

© CRK, Le, 09/2021

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Ein Tausendsassa. Künstler. Mediengestalter. Lebenspraktischer Optimist. Lebt in Leipzig. Nichtbinärer Trans*Mensch. Bunt. Links.

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