Vom Amortisieren

Cordula war natürlich keine Bordula und ihr Blum kein giftgrün oder anderer spüriger Stoff, wenn sie sich mal wieder in die Waagschale ihres Esels warf und „ IHHH AH!“ oder vielmehr übersetzt „Ich auch, hier!“ brüllte, um die Oper der Dramatik mit Bravour aufzuführen und sich dabei klein zu machen, auch hilflos und einzig allein davon betroffen.
Cordula hatte nämlich ihre langen Haare über die Jahre hinweg zu imaginierten Rasta-Zöpfen heranwachsen lassen, die sie gern über die Zeit mit ihren nulpigen Tulpen dekoriert hatte, damit es eben jener einen Märchenprinzessin leichter fallen würde, ihren verzauberten Märchenturm an den Haaren zu erklimmen und ihr dabei gleich noch den Strauß aus den Blumen der Verehrung zu pflücken.

Cordula beobachtete die Marienkäfer, wie sie in der Luft tanzten und sich gegenseitig mit ihren schwarzen Punkten bewarfen. „Mohdschegiebchen müsste man sein“, dachte Cordula sehnsüchtig und rieb sich ihre müden Augen. „Die haben sich ihr Glück auf die Flügel gemalt und schwirren durch die Lüfte des Lebens.“

Das Frühjahr hatte längst Anlauf genommen, und trotz der launischen Überreste des Gevatter Winters waren überall die Tiere aus ihren Unterschlüpfen gekrabbelt und machten ihre Nester, Wohnhöhlen und Freiluftpaläste unter dem Blätterdach von Mutter Natur hübsch, damit es in ihrem Leben mit Esprit fließen und sprießen konnte.
So auch bei Cordula Blum. Seit gefühlten Stunden spielte sie die sterbende Schwänin unter der Brause, und ihre Haut war davon schon ganz schrumpelig geworden, so dass die Wassertropfen auf ihr Berg- und Tal- sowie Achter-Bahn fahren konnten.

Erst der kräftige Griff des Herrn Störrbart in ihren Nacken, um sie aus der Dusche zuziehen und somit die Wasserrechnung nicht weiter zu strapazieren, beendete abrupt Cordulas Trip durch die Hölle ihrer Gelüste.
„Die Überschwemmung machst du weg!“, polterte Herr Störrbart sie an, „Oder willst du Ärger mit unseren Untermietern bekommen, weil ihr kleines Reich der Heimat durch dein Zutun abgesoffen ist?“

Herr Störrbart rauchte vor Zorn, während die Pfeife erloschen in seinem stoppeligen Mundwinkel hing. Er trug zerschlissene Gummistiefel an den Füßen und das Beinkleid eines Milchviehbauern. Sein behaarter, beleibter Bauch war von einer Gummischürze umspannt und der  kräftige rechte Arm steckte bis zum Bizeps in einem blutverschmierten Gummihandschuh.
Denn er hatte gerade seiner besten Berta im Stall beim Kalben geholfen und das Jungtier flugs weggesperrt, damit er auch weiterhin mit ihren gewohnten Siebenundzwanzig Litern Milch am Tag rechnen konnte.

Das beschlagene Badfenster stand inzwischen sperrangelweit offen und von draußen klang das Blöcken des Jung- und Muttertieres herein, bis die Tränen über Cordulas Wangen liefen, die sie jahrelang hintergeschluckt hatte.
Sie reckte ihr nasses Kinn, richtete sich kerzengerade auf und schüttelte energisch ihren dünnen, ausgefranzten Haarschopf, bevor sie sich mit Gewalt von ihrem Mann loslöste, ihn gegen die Wand stieß, wobei ihm der Badspiegelschrank aus Aluminium auf den rasierten Schädel krachte.

Cordula bekam einen Schreck, als sie erwachte und der Hahn ihres allmorgendlichen Rundrufes aus den Lautsprechern ihrer Klingelanlage krakelte. Sie beschloss diesen Ton schleunigst zu wechseln, und zog mit einigen Handgriffen das über Nacht blutig gewordene Spannbettlaken von der Matratze ihres Hochbettes.

Vernünftig wäre es jetzt, den Kakao, den ihr die benachbarte Hausfreundin auf die Türschwelle gestellt hatte, zu trinken und das Porridge ihrer Kochkünste nebenan zu genießen.

Auf dem Küchentisch ihrer Freundin stand ein bunter Strauß Hollandtulpen in einer Keramikvase, die ihre Freundin vor Jahren selbst mit Möwen bemalt und glasiert hatte.
„Heinrich, der Wagen bricht“, dachte Cordula und streichelte ihre millimeterkurze Stoppelfrisur. „Nein, es ist das Band aus Eisen, was mein Herz zusammenhält“, dachte sie weiter, als sie den letzten Löffel Porridge aß und dabei in das Grau der Bläulichkeit der Augen ihrer Freundin schaute.

Abermals erschrak Cordula und zuckte zusammen. Der Auspuff ihrer fliegenden Höllenmaschine eines Lonely Riders hatte sich losgelöst, streifte dabei die eine oder andere Sternschnuppe, bevor er scheppernd auf dem Erdenmond herabfiel und dort einen Krater hinterließ.

In dieser zerklüfteten Mondlandschaft erwachte Cordula Blum nun endgültig und machte sich daran, sich aus dem Staub der vergangenen Meteore ein Heim zu bauen. Irgendwer hatte ihr vor Jahren einmal eine Handvoll Pflanzensamen in den Rockschoß ihres damals schon abgetragenen Jacketts genäht. Und dessen Nähte waren mit der Zeit brüchig geworden, so dass sie nun die kostbare Saat über den sternenstaubigen Boden des Trabanten verteilten.

Mit den ersten Sonnenstrahlen zeigte es sich, dass sich der Boden unter Cordulas Füßen langsam begrünte und mit jedem ihrer Schritte ein Paradies aus ihrem Dasein erwuchs. Das freute Cordula ungemein, und sie summte die ganze Zeit vor sich hin.
Dabei klaubte sie all die Hab-mich-lieb-Bommel-Hasen mit ihren bunten Knollasen und bodenlangen Lauschern auf, die mit Cordulas Paradies über Nacht dem Meteorstaub des Mondes entwachsen waren. Und sie drückte diese Tierchen so sehr an ihr Herz, dass sich diese mit einem leisen Plopp in ihre fleischliche Hülle integrierten und etwas zu amortisieren halfen, was Cordula nicht genau benennen konnte oder vielleicht auch gar nicht wollte, damit sie sich schlussendlich selbst umarmen und liebhaben konnte.

© CRK, G, 03/2021

 

Reizworte:

  • Marienkäfer
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Elster baut das Nest aus
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