Haariges Statement

Tschill mal!

Schallali-und-Schallala. Der Oldie-Sender von Mutti erfüllt ihre Küche mit seinen Klängen, und selbst bei geschlossener Türe kann ich sie dort drinnen rumoren hören.

Ich bin seit 5:30 Uhr wach und versuche mich innerlich zu sortieren. Aus meinem Händie rauscht die Natur hervor … und meine Freundin ist mir in diesem Augenblick sehr nahe.
Wir gehen – in meiner Vorstellung – zusammen ein Stück des Weges und lassen den Fluss neben uns und unsere Schritte miteinander reden. Wir atmen uns einander und halten uns gegenseitig immer mal wieder an den Händen. Der Wind und die Krähen spielen miteinander in den nackten Baumwipfeln, während die Sonne das Winterwonderland langsam antaut und Skulpturen in Kaskaden aus Eiszapfen an die großen und kleinen Äste der Bäume zaubert.

Die Spezialmischung aus Kakao und Espresso sowie Malzkaffee dampft in meinem Gute-Laune-Montag-Morgen-Thermobecher, und ab und an klopft der Specht aus meinem Händie an die Wand meines Kaffeebechers. Oder vielleicht auch an meinen Schädel selbst? Das weiß ich nicht so genau.
Ich wundere mich nicht darüber, dass der Fluss neben uns nun auch in meiner Blase rauscht, und ich mir mit meiner Hand über meinen geschorenen Schädel streichele. Niemand sonst darf das tun. Auch nicht meine Freundin.
Denn ich höre trotz meines geräuschvollen Händies die Stimmen meiner Familie, die in einem fort murmeln, dass es schrecklich sei, wie ich jetzt aussehen würde. Ihrer Meinung nach eben wie ein Russe. Mutters O-Ton. Oder ein Gefangener aus alten Kindertagen kurz nach dem Krieg. O-Ton mein Vater. Oder irgendein anderer O-Ton.

„Was bitte habe ich mit deren Erinnerungen und Vorurteilen zu tun?“, frage ich mich, als aus dem Händie mein Papierflieger gen Zimmerdecke rauscht und einen Kondensstreifen Milch aus Hafer und Mandeln an die Wände des Wohnzimmers malt. Aus der Küche ist Muttis Klappern mit dem Geschirrs zu hören.
„Flieger schenk mir die Sonne, grüß mir die Freiheit und das Licht!“, denke ich mir. Oder war es nicht eher: „Bruder zur Sonne zur Freiheit“, überlege ich zaghaft, als mein heißes Spezialgebräu mir die Kehle hinunterrinnt und mir dabei fast die Zunge verbrüht.
Dabei ist mir doch nur die Haarschneidemaschine beim Nachrasieren der noch nicht nackten Schädelkonturen ausgerutscht und hat mir eine Scharte in die Stirnfront geschoren. So bin ich ja erst schier gezwungen gewesen, die gewünschte Länge meiner Haare auf eben genau drei Millimeter herunterzukürzen.
Selbsterfüllende Prophezeiung nenne ich das. Denn ich wollte schon immer mal einen kahlen Schädel haben, damit mein Denkerhirn in meinem Charakterkopf Platz hat und mein Gesicht in die hohe Stirn hinein atmen kann.

„Ist mir doch egal, wofür andere mich halten“, denke ich und trete wütend von einem Bein aufs andere, als meine Freundin in meiner Vorstellung nach meinen eiskalten Händen greift und diese in ihren wollenen Stickjackentaschen anwärmt.
„Sollen sie doch an meinem Äußeren kleben bleiben – wie die Obstfliegen am faulen Obst“, überlege ich. Dabei frage ich mich aber, warum gebürtige Männer dieses stigmatisierende Vorurteil nicht auch zu hören bekommen, wenn sie sich mehr oder weniger bewusst und gewollt von der Pracht ihres Haupthaares befreien.
Niemand würde beispielsweise meinen Herrn W als einen Radikalen – egal welcher Couleur – schimpfen oder als einen krebskranken Mann, weil er schon seit meiner frühesten Erinnerung an ihn mit einer Glatze durch sein Leben läuft.

Meine Freundin lässt – in meiner Vorstellung – meine nun warmen Hände wieder los, und in der Küche nebenan ist es jetzt niemand mehr. Irgendwoher erklingt ein leises Glockengeläut, als die Geräuschkulisse meines Händies plötzlich abbricht.
Und ich sage mir, dass alles seine Zeit hat. Jetzt sind eben nicht meine sonst gewohnt bunten Statements allerlei haarigen Ausgeflipptheiten der Status meines Charakterkopfes, sondern dank den Auswirkungen des bösen Virus vielmehr fast nackte Tatsachen.
Egal ob nun nur für vorrübergehend oder für sonst wie lange … Und egal was andere darüber denken, sagen oder meinen, verlauten lassen zu müssen beziehungsweise zu dürfen …

© CRK, BS, 02/2020

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