Straße der 13 Wünsche

Die Zehen der Dreizehn

Straße der 13 Wünsche

Die Standuhr schlug vier Mal. Sie gongte immer vier Mal zur vollen Stunde. Auch nachts. Und es war justament mitten in der längsten Finsternis des Jahres. Doch Löckchen trieb es schlaflos zwischen all den Kartons und Taschen und sonstigen Packbehältnissen durch die Räumlichkeiten ihrer Interimsbehausung.
Es sollte nur eine Zwischenlösung sein, hatte sie damals vor allem sich selbst gegenüber postuliert. Doch nun dauerte dieser Zustand schon fast sieben Jahre an. Und es war tatsächlich an der Zeit, etwas zu verändern …

Loreena ertönte aus den Boxen ihres asbach uralten Laptops, und die LED-Kerzen hüllten diesen einen großen Raum ins Schummerlicht. Löckchens Papalageno hockte auf seiner Sitzstange in ihrem zugedeckten Vogelbauer, döste vor sich hin und raschelte ab und an mit seinen Flügeln. Eine Räucherkerze nach der anderen, erst kürzlich im Drogeriemarkt um die Ecke erstanden, beräucherten die Szenerie und niemand beschwerte sich über den intensiven Geruch.

Löckchen dachte über die Zahl Dreizehn nach. Die Zehn der Dreizehn. Die Drei der Zehn. Drei Zehen und Zehn Zähne. Oder dreizehn Wünsche von dreizehn Feen, wobei die dreizehnte hoffentlich nicht die Ungeliebte und unerwünschte im Bunde sein würde. Beziehungsweise dreizehn Dinge, die Löckchen gern für sich selbst verändern wollen würde, die sie gern endgültig loslassen und gehen lassen wollen würde.
Die Zahl dreizehn war für Löckchen eine besondere. Es war eine Primzahl, und sie liebte Primzahlen. Insgesamt nur in sich selbst und die Zahl eins teilbar, und das mochte sie sehr. Das hatte etwas von Eigenwilligkeit, fühlte sie, und das wiederum passte sehr gut zu ihr, dachte sie.
Außerdem würde sie genau den dreizehnten Wunsch, den sie in den Nächten davor – wie die anderen auch – geträumt hatte, eben nicht geschrieben auf der Häutchen einer Zwiebel ihrem Papalageno zu fressen geben, sondern ihn in der Nacht vor der Ankunft der drei heiligen Könige im Morgenland auf einer Serviette ihres Lieblingsrestaurants verewigen und als Serviettenflieger durch die Lüfte auf seine Reise schicken, bis der Regen die Tinte verwäscht und den nassen Flieger der Mutter Erde übergibt.

So jedenfalls dachte Löckchen, würde es werden, als es im Treppenhaus vor ihrer Wohnungstür laut polterte und irgendwer mindestens fünf Mal etwas gegen die Tür zur ihrer Interimsbehausung warf.
Löckchen jedenfalls wunderte sich nicht, als sie auf ihrer Fußmatte vor dem Eingangsbereich ihres Einzimmerapartments kaputte Walnussschalen vorfand und plötzlich drei nackte Geister vor ihr standen.
Papalageno kreischte aus dem Inneren ihrer Behausung herüber, dass das die Herren Morgen, Gestern und Heute seien und spie ihnen jeweils einen Anzug vor die Füße, als Löckchen sie eintreten ließ.
Heute griff nach dem farbenfrohen Arrangement und streifte es über. Wohingegen gestern sich ganz in Schwarz kleidete und Morgen das Nebengrau bevorzugte.

Als die Geister nun angezogene Herren waren, gingen sie der Reihe nach zum Fenster der kleinen Wohnung und öffneten dieses gemeinsam, sodass der Nebel der Räucherkerzen entweichen und sie so besser sehen konnten.
Sie standen barfuß im Raum, und jeder der Herren hatte 6 Zehen an dem jeweiligen linken und rechten Fuß. Die dreizehnte jedoch hielt jeder für sich in seinen Händen und schenkte diese dem Löckchen. Allerdings nicht ohne ein Wort dazu zu verlieren.

Gestern sprach mit brüchiger Stimme: „Hätte, hätte Fahrradkette. Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gefangen.“
Und Löckchen dachte: „Ich lasse das Gewesene los, lasse es fortgehen und schließe meinen Frieden mit der Vergangenheit.“
Dann dröhnte Morgen zu ihr: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen.“
Und Löckchen sinnierte: „Was weiß ich schon, was morgen sein wird. Ich möchte nicht mehr drei Kilometer im Voraus sein mit meinen Siebenmeilenstiefeln.“
Und schließlich lachte Heute: „Leben jeden Tag so, als sei es dein letzter.“
Und Löckchen strahlte ihn an: „Genauso und nicht anders.“

Die drei Herren hielten ihr ihre angezogenen Rücken hin, damit sie auf ihnen ihre dreizehn Wünsche verewigen konnte, um sich dann schließlich wieder in Walnüsse zu verwandeln – in passender Anzahl zu den Wünschen .
Gefüllt mit guten Dingen bewahrte Löckchen die Schalen im Futterbeutel von Papalageno auf, um zu gegebener Zeit eine nach der anderen auszulosen und ihrem erträumten Ritual dazu zu folgen …
Und jedes an Papalageno verfütterte Zwiebelhäutchen würde einem der 12 Monate im neuen Jahr entsprechen. Doch den Inhalt der Dreizehnten, tja der …

Aber ihr wisst ja, der Wind, der Wind, das himmlische Kind hat seinen eigenen Kopf.

© CRK, G, 12/2020

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