Die Annalen eines Märchens

Küss meine Füße, ich bin ein verzauberter Froschkönig

Sanft umwebt mich die Melodai in Schiss-Moll mit ihrem Garn aus haarigen Angelegenheiten und bettet mich ins kalte Hotspotlicht. Dem Pappmache-Rumpelstilzchen zu Füßen. Mitten in die Arme der Märchenprinzessin hinein. Unter den Augen all dieser Tore – mit dem Blut der Lemminge in ihren Adern und keinen Deut gescheiter als ihre Predigerahnen.
Überall nehme ich die Feuchtigkeit dieser Tage wahr und sehe Nebelkerzen im Reigen der Düsternis tanzen, bevor sie vom Wind ausgelöscht werden und in die Annalen dieser Geschichte eingehen. Niemand sagt mir, was richtig und was falsch ist. Das ganz allein, ahnt nur die Holda, wenn sie am Brunnen vor dem Tore auf dem leergefegten Marktschreier-Platz steht und den Denkfaulen dieser Heerscharen aus Lämmern ihr Pech in die Augen träufelt, so dass diese nur noch Schwarz sehen mögen und das Licht am Ende des Tunnels als einen auf sie zurasenden Zug verkennen.

Ich schwitze unter der Maske, und mein Herz stolpert, als ich vor dem Tapferen Schneiderlein zum Stehen komme und bei seinem vertrumpften Riesen mit der davidschen Steinschleuder für die nötige Sauerstoffberieselung in seinem Hirn sorge.
Und ich bin versucht, mich mundzahm zu geben, damit Rapunzel, die mir wie eine Mama Morgana vor den Augen herumtanzt, an diesem mondlosen Adventsabend ihr Haar von ihrem Elfenbeinturm herablässt, um sich von mir entwünscheln zu lassen.
Doch es will mir einfach nicht gelingen. Denn es groovt mir – aus der grauen Nachbarschaft herüberschwallend – der musikalische Freiheitsslang der jungen Leute ins Ohr und lenkt mich ab, so dass ich das Mädel ausversehen als Waschweib enttarne, das lieber am Brunnen vor dem Tor dieser Kleinstadt herumlungert und jedem, der es hören will, das Ringelreihen der Versleins anderer Leute zerdichtet und ihren Lemmingen die Makula mit falschen Worten verkleistert.

Die Zerlebtheit meines Daseins macht sich in jeder Zelle meiner Existenz bemerkbar, und ich gähne beim Anblick dieser virulenten Welt mit ihren verqueren Köpfen in einem fort. Ich spüre ständig die Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen, und die Sorgenpusteln zwischen meinem schütteren und schlohweißen Haupthaaren werden immer fetter und größer.
Ich sehe, wie sie mit randvollen Einkaufswagen durch die hohlen Gassen dieser Stadt eilen und sich dabei gegenseitig anrempeln, um es sich augenscheinlich nett in ihren kleinen Welten einzurichten. Ich sehe, wie die Menschen ihre Trabanten, die allesamt in eigenen Filterblasen schweben, teilweise bis aufs Messer mit ihren allwöchentlichen Megaphonen und ihrer sekündlichen internettelnden Anonymität verteidigen, damit ihnen auch ja niemand, der eventuell eine andere Weltensicht hat, etwas anhaben kann.
Dabei stellen sie die gewesene Welt auf den Kopf. Denn Links macht plötzlich gemeinsame Sachen mit Rechts und prescht dann mit voller Kanne ab durch die Mitte dieser Schafsherde, um hinter Allem und Jedem die verschwörerischen Nebel der Lullabys zu vermuten. Und das macht mich sehr müde. Bis in die Unendlichkeit aller Tage hinein …

Doch ein Stern ist noch nicht vom Himmel gefallen. Mein Sterntaler. Mein Sternentalerkind. Das Kind meiner Kindheit. Das, was ich einmal gewesen bin und was ich wieder sein möchte, wenn die Menschen endlich damit aufhören, sich und ihre Welt gegenseitig zu entzaubern und zuzubetonieren mit ihren Standpunkten, Meinungen und Weltdraufsichten.
Und manchmal, in tiefer Nacht, schleicht sich mein Sternentalerkind in die Welt hinein und berieselt die Wege der Menschen mit dem Sternenstaub aus seiner endlos wallenden Haarmähne. Dann erblühen Eisblumen an den Fenstern der Lebenszellen meines Wirkens, und diejenigen der Menschen, die noch Samenkörner der Hoffnung in ihren Hosentaschen herumtragen, können dann die Musik der Natur hören und  mit den Tieren reden und die Welt mit Kinderaugen erfahren.

Wenn ich dann meine Lider vor dieser Welt verschließe und das Träumen anfange, erwacht das weiße Totem in mir und ruft geschwind seine Schwestern und Brüder herbei. Sie treffen sich dann auf dem Gipfel der Wetterspitze des Ahnengebirges, tanzen um mein schlafendes Antlitz aus Kindertagen.
So erwecken sie den Glauben der Menschen an mich zu neuem Leben und schenken mir damit die Kraft zum weiteren Voranschreiten in der Zeit.
Denn ich bin der Geist der Menschlichkeit, Nächstenliebe und ungezählt verschiedenen Lebenswege dieser Welt. Ich trage viele Namen und kann die Kompassnadel im Leben der Menschen sein oder gar in meinem eigenen …

Und wenn die Geschwisterbande meines weißen Totems dann nachts durch die Träume der Menschen und deren Kinder und Kindeskinder jagen, wird vielleicht alles wieder gut oder zumindest etwas besser auf dieser Welt?
Ja, ich weiß. Ich lebe ein Märchen. Aber so male ich meine Welt bunt an, und das macht es mir leichter.

© CRK, G, 12/2020

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