Verlorene Mehrlinge

Glommbatsch war ein kleiner Riese mit seinen gerade mal zweihundertundsiebzig Zentimetern Wuchshöhe. Dafür aß er allzu oft für zwei und manchmal aber auch für drei oder selten gar für vier seiner Sorte und genauso viel fühlte er dann auch.
Er hatte ein großes Herz und auch eine sehr große Sucht nach dem Sehnen.
Und oft ahnte er in diesen Fällen nicht, wonach er eigentlich begehrte und was ihn ruhelos werden ließ, wenn ihm der Rest Bohnensuppe vom Vortag in den Himmel schoss und dessen Ranken sein Kartenhaus aus Gedanken umsprossen und ihm seinen altbekannten Seelenschmerz bereiteten.

Oft ersann er sich dann eine große Riesin, der er seine allergeheimsten Geheimnisse anvertrauen konnte, bei der er sich geborgen vor der Welt fühlen durfte und die ihn tröstete, wenn ihn irgendwer mal wieder ärgern tat.
Glommbatsch hatte ihr sogar einen Namen gegeben. In seiner Welt hieß sie Zyklara und hatte manchmal eine und ab und an auch zwei alte und ältere Schwesterriesinnen, die er allesamt ebenso Zyklara geheißen hatten und die er hoch verehrte und genauso wie die erste Zyklara auf einen Granitsockel stellte, den er als Ehrerbietung für sie alle aus dem Seelenfelsen seines Eilandes gemeißelt hatte.
Doch Zyklara und ihre Schwesterriesinnen waren nicht real. Sie existierten nur in Glommbatsch seiner phantastischen Welt und niemand außer er selbst konnte sie sehen und hören.

Eines Tages allerdings landete während eines Altweibersturmes eine Arche auf seinem Felseneiland Not und der Giraffenkapitän läutete mit seinen Hörnern die Schiffsglocke, damit die Leere der Arche der Lehre um Glommbatsch Platz machen konnte, um ihn und seine unsichtbaren Riesenfreundinnen in ihrem Inneren aufzunehmen. Denn der ambivalente Sturm drohte die Felseninsel umzustülpen und ins Chaos zu stürzen.

Nur die Eisprinzessin des nahen Nordmeeres wusste um das Geheimnis von Glommbatsch und seinen Riesenschwestern. Also, dass sie allesamt einem Felsenwurf entsprungen waren, dabei aber nur der kleine Riese Glommbatsch überlebt hatte, weil seine Säuferriesenmutter, sich währenddessen in ihm selbst reinkarniert hatte und er diese wiederum, frühzeitig als tote Maus aus sich selbst heraus geboren hatte. Deshalb hatte die Eisprinzessin dem Riesen auch ihre Arche mittels ihres Boten geschickt.
Glommbatsch ahnte davon nichts, als er diese betrat und sich überhaupt nicht wunderte, dass sie aufgrund seines Gewichtes und der Last seiner unsichtbaren Riesenfreundin und deren Riesenschwestern nicht in den Fluten des Sturmes untergehen wollte.

Der Giraffenkapitän grinste ihn an und lallte seinen Willkommensgruß, als er erneut mit seinen Hörnern die Schiffsglocke schlug und dem Glommbatsch kräftig aus seiner Buttel voll Schiffsgrog einschenkte, so dass der Riese nur allzu bald mit dem Kapitän der namenlosen Arche um die Wette lallte, bis ihm speiübel und schwindelig wurde und er seine riesigen und ungeborenen Zyklaras über der Bordwand ins Meer erbrach.
Dort begannen diese ihrem Instinkt zu folgen und im stürmischen Mehrsein des Riesen Glommbatsch zu baden, bis er ihnen bedürftig hinterdrein blickte und ihnen mittels Kopfsprungs in das kalte Nass folgte.

Die Magie dieses Augenblickes verzauberte den Giraffenkapitän und seine Arche in eine gepunktete Grinsekatze, die kopflos über den Wellen des Altweibersturmes schwebte und in einem fort Staubwolken von Sternenglitzer nieste.
Dieser Glitzer wurde von den Winden hin- und hergetragen und über die Riesenschwesternfreundinnen gezuckert, so dass sich ihr Geistdasein langsam in greifbarer Körperlichkeit manifestierte.

Glommbatsch staunte nicht schlecht, als er plötzlich kein zurückgelassener Mehrling im Mehrseins-Meer gewesen war, sondern ihm mit einem Male seine Schwestern freundlich auf die Schultern klopften und ihm zu ihnen selbst gratulierten, während sie mit ihren Händen gegen die Glocken Im Kirchturm seines Eilandes schlugen und ein Geläut der Schwengel verursachten.

Heinrich rieb sich übermüdet die Augen. Er wunderte sich, als er langsam erwachte, dass er der Länge nach in sein Hochbett lag und dort auch hineinpasste, ohne dass dabei irgendwas zu Bruch gegangen war.
Er entfitzte seine Beine aus dem Bezug seiner Bettdecke und realisierte dabei, dass er gar nicht Glommbatsch der Riese war, sondern einfach nur er selbst, der gute Heinrich, der einen merkwürdigen Traum gehabt hatte und dessen Bett so bald nicht brechen würde, dafür aber die Bande seines Herzens …

© CRK, Le, 09/2020

 

Reizworte:

– Ambivalent

– bedürftig

– Eisprinzessin

– Instinkt

– Katze

– Magie

– Staubwolke

– Sucht

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung