Selbsterkenntnis

Es ist wie der Endlosbandwurm, der sich auf immer und ewig in den eigenen Schwanz beißt, weil er so schnell vom Anfang zum Ende hinweg rast, dass er das Ende verpasst und wieder beim Anfang landet. Nur irgendwie an einem anderen Ort seiner Assoziationskette in seinem Gedankengeflecht aus ungezählten Irrungen und Wirrungen. Und immer, wenn er niest oder stolpert, weil irgendwer in seiner Nachbarschaft hustet und prustet, in dem er einen Output an Sinnesreizen uploadet, verfängt er sich im Netz der Nettigkeiten und hält seine Körperöffnungen, ja sogar die Poren seiner Haut sperrangelweit offen – wie der Junkie, der den nächsten Kick sucht. Dabei ist er erschöpft von seiner langen Reise nach sich selbst und hat sich dabei selbst verloren.
Er ist ich und sie und es. Er wird gelebt von seinen Gefühlen und auch zerlebt von seinen Sinneseindrücken anderer Menschen. Er ist der ausgedörrte Klassenzimmertafelschwamm, der alles aufsaugt, bis er in sich selbst ertrinkt und auf der Messerklinge den Salto-Mortale tanzt, bevor er sich in sich selbst zerteilt, weil er jedem gerecht werden mag, nur sich selbst nicht.
Und manchmal gewittert er ein Aprilwetter sondergleichen, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, ohne im eigentlichen Gefühl der Zuneigung für sich selbst anzukommen. Und dann wiederum fährt er Achterbahn mit sich selbst und bekotzt dabei sich selbst und diejenigen, die nicht schnell genug hinfort eilen können.
Manchmal allerdings, allerdings nur manchmal empathisiert er mit sich selbst und atmet tief ein und aus und schaut den Regentropfen beim Fallen zu und hört ihr Trommeln auf dem Blechdach seines Wohnhauses.
Öfters jedoch quetscht er sich in die ritzigste Ritze der Grenzwälle seines Umfeldes, dehnt sich darin aus und explodiert zu abertausenden bunten Puzzleteilen, die sich im Fallen zu etwas ganz neuem zusammenfügen und dann auf dem Boden der Tatsachen ein Macramé sonders gleichen zu bilden.
Steht er im Saal mit den tausend Spiegeln, blickt ihm ein Kaleidoskop aus Mondmännern entgegen, die allesamt sich drehen und wenden wie die verspielte Tanzfigur auf der Spieluhr seiner Großmutter und doch nie so genau wissen, wann es Zeit ist, damit einzuhalten und eben nicht den Raum mit sich selbst auszufüllen, weil sie sich selbst nach außen zelebrieren.
Exzentrisch könnte man meinen. Irgendwie aber auch egoman. Vielleicht aber auch einfach nur die Summe der Springflut aus Input, der mit aller Macht nach draußen dringt, weil das Kaleidoskop der Gesichter sonst zu zersplittern droht?
Aber eigentlich dürstet es ihm nur nach dem, wonach alle gieren …?

© CRK, Le, 09/2020

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Diese Seite verwendet Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu. Datenschutzerklärung