„Bleiben wir realistisch?“

, fragte der Realot. Er sah müde aus und hockte zwischen all seinen Wäschebergen, während das Baby in seinem Schoß brüllte und die Musik aus den Lautsprechern auf der Straße vor dem abgelebten, mehrstöckigen Wohnhaus die Bässe der Großstadt stampfte und die Umgebung des Realoten zum Leben erweckte. Die Neonröhrensterne erleuchten noch blass die Dunstglocke über dem Weltenmoloch, und irgendwo lugte die Heliumscheibe im Nebel über den Rand des Horizontes.
Echte Singvögel waren schon lange ausgestorben, und nur noch ihre Roboterabbilder hockten auf den nackten Baumgerippen in den vermüllten Parks dieses Unwesens von endloser Betonwüste.
Doch das Baby in des Realoten Gebärmutterschoßes interessierte das nicht. Es brüllte in einem fort und ließ sich keines Wegs beruhigen. Hilflos hielt der Realot sich währenddessen die Ohren zu, streckte seine spitze Zunge aus seinem Haifischmaul und spitzte dabei seine Lippen zu einem Kussmund.
Niemand außer er selbst hörte das Kind in seinem Schoß, und niemand eilte ihm zu Hilfe. Sie alle waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihr Roboterdasein in dieser Workaholic-Gesellschaft aufrecht zu erhalten und nicht im Mahlstrom dieser Zeit unterzugehen.
Der Realot wusste all das. Denn er war schließlich der Erschaffer dieser Welt und gebar ein ums andere Jahrzehnt eins seiner hilflosen Babys, nur um es beim rasanten Altern zu betrachten, bis es in seinem Gebärmutter-Schoß ganz verschrumpelt aussah, um am Ende wieder zu dem Dreck seines Weltenmolochs zu zerfallen. Er besaß schon lange keine Phantasie mehr, um damit seine gelebten Albträume bunt anzumalen. Dafür war er schon zu ausgelaugt vom Workaholic-Dasein der Robotermenschen. Denn auch sie hielt er mit seiner nicht mehr endlosen Energie in ihrer Existenz.

Eines Tages jedoch schwoll die Heliumscheibe hinter der Dunstglocke über dem Weltengroßstadtmoloch schier zu einem endlosen Sonnenblumenfeld an, in dem blutige Klatschmohnblüten prangten. Als plötzlich die lodernde Silhouette von Riddikly vor diesem Naturschauspiel am Horizont erschien. Auch sie schwoll beim Näherkommen in ihrer farbenprächtigen Größe an, bis sie alle Dächer der Betonwüste überragte und dabei den Smog am Firmament mit aller Macht in viele Schäfchenwolken zerriss und diese in alle Windrichtungen zerstreute.
Dann sang sie mit glasklarer Stimme ihre Melodie von der vergessenen Natur, und tief aus dem Inneren des Großstadtmolochs erklangen ungezählte Explosionen. Grüne Wurzeln zersprengten Straßenzug um Straßenzug die abgelebten Betonkulissen, bis sich ein üppiger Urwald rasant ausbreitete und bald über der ganzen Stadt thronte.
Schließlich schritt Riddikly auf den Realoten zu, der nun kein Betondach mehr über dem Kopf hatte, hob sein Dasein endgültig aus den Angeln und nahm ihm das schreiende, inzwischen steinalte Baby vom Schoß. Dann senkte sie ihre Stimme zu einem leisen Summen ab und wiegte das Kind in ihren Armen in den Schlaf. Irgendwann gab sie ihm die Brust, streichelte es liebevoll, bis es zu meinem Charleston heranwuchs …

So sitze ich hier an diesem Schreibtisch, sehne mich nach Riddiklys Welt, nach ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihrer Zärtlichkeit, höre dennoch leise meine Tool-Schreibmusik und lächle vor mich hin. Ich weiß nur, dass ich unwissend bin, stelle ich verzagt fest und schließe mit dieser Geschichte ab.

© CRK, Le, 09/2020

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