Begegnung

Begegnung

Begegnung

Nova saß nackt auf dem Felsplateau. Er hatte die Beine zum Schneidersitz ineinander verschränkt und betete zu seinen guten Geistern, dass sie ihm bitte bald einen Schauerguss aus kaleidoskopartigen Bohnen-Linsen schicken mögen. Denn er nagte einerseits am Hungertuch seines Daseins und andererseits wollte er sich aus ihnen eine starke Himmelsleiter erwachsen lassen, damit er nach Erleuchtung streben konnte.
Am Ende des Plateaus ragte eine wettergegerbte Felswand in den Himmel, und in ihr waren 7 verschlossene Türen eingelassen. Bis auf eine von ihnen sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich. Durch diese eine allerdings fiel heimeliges Licht auf den Felsenboden, auf dem Nova saß, denn sie war halbtransparent.
In ihrem Licht regte sich etwas. Es sah aus wie der diffuse Schatten von Novas Stelzenmann, der eine lebende Krake als Stola auf seinen Schultern mit sich herumtrug, die ihn mit Sirenenstimme zu sich rief.
Währenddessen flackerte auf der Felswand am Ende des Felsenplateaus ein Strudel aus Regenbogenfarben auf, der sich mit einem immerwährenden Farb-Sog bewegte. In ihm blitzten stakkatoartig immer wieder Frauengesichter auf und frohlockten ihrem Filmstreifendasein.

Aber Nova hatte Angst, dem Ruf der Krake zu folgen. Denn dafür hätte er die zwei Sphinxen passieren müssen, die links und rechts von ihm auf dem mit Seerosen überwucherten Felsenboden hockten. Sie schienen wie mit dem Plateau verschmolzen zu sein, so reglos waren sie. Von ihnen ging ein tiefes Brummen aus. Es schien aus ihren verwurzelten Herzen zu kommen. Und sie strahlten die Hitze des vergangenen Tages ab und glimmten in dieser Nacht bläulich.
Nova wusste, wenn er diesen Weg nehmen würde, würde er tausend Tode leben, um schließlich in den Tunnel des weißen Kaninchens zu geraten, das ihn in den Eisgarten seiner Schneekönigin führen würde, damit er ihr dort in Demut dienen könne …

Niemand konnte sagen, wie lange Nova schon so dagesessen hatte, als eine der Sphinx plötzlichen ihren basaltenen Kopf zu ihm herabsenkte und mit geschlossenen Augen seine Witterung aufnahm. Dann klappten ihre Lider, wie die einer steifen Gliederpuppe nach oben, und gaben zwei mandelförmige Bernsteine preis.
„Bestehe meine Prüfung, und du bist erlöst von diesem Weg“, sprach sie, und ihr bläulicher Schimmer begann zu pulsieren. Als sie sich im blassen Schein des Sternenfirmamentes über ihnen räkelte.
Nova schluckte. Er hörte einen Engel in seinem Kopf vom Loslassen und Hinausgehen aus Situationen singen und ihm ward friedlich zumute.

Wieder verging Zeit, und Nova verschloss seine Ohren vor dem Sirenenruf der Krake des Stelzenmannes und konzentrierte sich auf seinen Herzschlag, als sich hinter ihm etwas zu regen begann.
Ein Fakir war plötzlich auf seinem fliegenden Teppich in der Szenerie aufgetaucht, und er legte in rasanter Geschwindigkeit eine Patience nach der anderen, während er mit Fistelstimme zu Nova sprach, dass er dem Engel nur vertrauen möge. Dann verschwand er augenblicklich wieder.
Schließlich begann sich die zweite Sphinx zu regen. Auch sie senkte ihren basaltenen Kopf zu Nova herab, während ihre Lider zwei Bernsteinaugen Preis gaben. „Lass sie los, und du wirst wieder frei sein“, sprach sie mit sanfter Stimme. Und auch ihr bläulicher Schimmer begann während dessen zu pulsieren.

Nova schluckte erneut. Er hatte Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen fest, als er zaghaft seine Stimme erhob und mit dieser sechs der Türen in der Felswand öffnete und sie im Rahmen angelehnt beließ. Die siebente allerdings, eben jene Besondere, schloss er nicht auf.
Dann kämpfte er sich mühsam mit seinen steifen Gliedern vom Felsboden des Plateaus hoch und machte sich an den Abstieg seiner selbst. Das weiße Kaninchen allerdings schaute beständig auf seine kaputte Taschenuhr und eilte Nova – von ihm – ungesehen hinterher …

© CRK, Le, 09/2020

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