Missmutig

Die Fee lächelte. Sie saß ihrem Charleston gegenüber und hörte ihrer beider Gedanken zu:
„Wir jammern auf hohem Niveau, wenn wir meinen, wir seien gerade traurig, weil wir mit uns allein sind und uns damit justament einsam fühlen“, sagte sie in diesem Moment zu Charleston, als er sich seinen verschwitzen Haarschopf eben nicht unter das kühle Nass seiner Dusche halten und den Rest seines Körpers hinterherschieben wollte, sondern mittels seiner Rollläden die Wohnung verfinsterte und Prodigy mit der Hilfe seines Computers durch die Wohnung wummern ließ.
„Atme!“, dachte er. „Ich will atmen!“, sagte er laut. „Ich will leben und aktiv sein!“, brummte er missmutig seiner Fee hinterher, als sie in die Küche lief, um ihren geliebten Rote-Beete-Salat zu zaubern.
„Ich will meine Freunde wiedersehen und unter Menschen sein und sie auch umarmen und liebhaben!“, jammerte Charleston weiter.
Er kämpfte mit seinen übellaunigen Dämonen und vermisste die Liebe in seinem Herzen. „Die anderen leben doch auch ihr Leben, treffen ihre Freunde, haben sich gern und umarmen sich selbst und auch andere Menschen. Nur ich hocke mal wieder in meiner Ecke und beklage mein Dasein, weil ich meinen Hintern nicht hochbekomme und wieder aktiv werde, weil mich mein Auch-haben-wollen-und-vor-sich-hin-träumen ausbremst und ich mit mir selbst überfordert bin. Das nervt mich gerade sehr an. Ich nerve mich selbst an, und ich bin unzufrieden mit mir selbst, weil ich heute noch keine einzige Bewerbung auf den Weg gebracht habe. …“
Es vergingen einige Minuten des Schweigens, bis die Fee abermals lächelte und ihrem Charleston eine große Schüssel mit frisch zubereiteten Rote-Beete-Salat hinstellte und damit begann, ihm eine von Dodos Geschichten zu erzählen:

„Die Perlen meines Lebens

 Ich kannte mal eine z(w)ittrige Miesmuschel mit dem Namen Kormo. Diese hockte beständig auf dem Ankerseil eines uralten Fischerbootes, das vor Jahrzehnten einmal als Schabracke getauft worden war. Man konnte noch die verwitterten Lettern, die einmal feuerrot gewesen sein mussten, auf der Bordwand des Buges erkennen.

 Kormo war eine große Miesmuschel und von Seepocken übersäht und glaubte sich in ihrer Gesellschaft selbst zu genügen. Sie lebte seit vielen Jahren im brackigen Wasser des Großen Binnenmeeres ihrer Zeit und ernährte sich von den Missetaten der Spatzenhirne. So nannte Kormo die Menschen.
Seit Jahren unterhielt sich Kormo mit sich selbst und spielte mit seinem Essen Stripp-Poker, dass, immer wenn er eine Pechsträhne gehabt hatte und das kam ziemlich häufig vor, die Seepocken im Anschluss ausbaden mussten. Diese warfen dann ganz gschamig ihre Panzerung ab und machten sich auf dem Dach von Kormos Behausung zum Affen des Großen Binnenmeeres.
Doch niemand außer er selbst lachte darüber. Das wiederum machte ihn launisch wie das Aprilwetter. Meist hatte er dann gar keine Ahnung davon, wo seine Unausgeglichenheiten überhaupt herkamen und vor allem warum sie urplötzlich auftauchten und ihn mit ihren Nadelkissen piesackte, wie ein Kaktus, der sich so bettet, wie er sich und andere zu lieben glaubt.

 

 Kormo war also mal wieder mies drauf, hatte sich in ihrem Muschelhaus zurückgezogen und aß die Tränen des geschundenen Binnenmeeres auf, die auch ihre eigenen gewesen sein könnten. Dabei kaute sie auf den Sandkörnern ihrer Zeit herum und schied diese nacheinander wieder aus.
Bis auf eines, das behielt sie bei sich, tief in ihrem Inneren versteckt und hegte und pflegte es, wie sie es bei ihren eigenen Kindern nicht getan, sondern diese als Larvenparasiten in die Welt hinaus entlassen hatte.
Doch dieses eine Sandkorn war etwas Besonders.
Kormo ummantelte es mit seinen Herzenslaunen und umschrieb es mit vielen Schichten seiner wechselhaften Emotionen, bis es eine schillernde Perle geworden war – trotz oder gerade wegen seiner inneren Widrigkeiten.

 

 Als schließlich die namenlose Fischerin ihr Fischerboot in dem kleinen Hausdock am Ufer des Binnenmeeres rundumerneuern wollte, entdeckte sie die z(w)ittrige Miesmuschel am Seil ihres Bordankers und wollte aus dieser gerade ein ihr mundendes Süppchen kochen, als Kormo ihre Geschichtenperle ausspuckte und diese der Fischerin vor das Messer rollte …

 

 Es bleibt offen, zu hoffen, ob Kormo und seine Existenz als oft miesgelaunte Miesmuschel verschont werden. Die Geschichtenperle allerdings ist hier gar fein zu lesen und verweilt vielleicht auch in den Sinnen des Lesers dieser Worte …

„Siehst du?“, sagte die Fee zu ihrem Charleston und tippte ihm von der Seite her auf die Schulter. „Du bist gerade meine Miesmuschel, und dafür liebe ich dich“, fuhr sie fort. Dabei legte sie ihren Arm um seine Schultern und schob ihm mit ihren Füßen eine halbvolle Schüssel mit lauwarmem Wasser für sein Fußbad hin.

© CRK, Le, 08/2020

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