Ich bin nicht allein

Das weiße Kaninchen nuckelte an meiner Brustwarze und lächelte dabei selig.
„Ja, ich weiß, ich sehe ein weißes Kaninchen, und gelegentlich trägt es auch einen geblümten Pyjama mit großer rot-weiß gestreiften Bommel-Mütze über den Ohren.“
„Logisch ist mir klar, dass das eigentlich unmöglich ist, denn einerseits bin ich männlichen Geschlechts und kann demzufolge auch gar keine Muttermilch geben. Und andererseits gibt es keine Kaninchen, die in Menschenkleidung herumhoppeln beziehungsweise aufrecht auf ihren Hinterläufen hin- und herlaufen und obendrein auch noch mit mir reden, auch wenn es oft nur Nonsens ist, was es vor sich hinbrabbelt.“
„Stimmt, ich sollte ihm keinen Namen geben, denn so personifiziere ich es erst recht. Aber es heißt bei mir nun einmal König Richard und ist mit der Zeit mein bester Freund geworden. Ich kann und will das auch nicht ändern, denn es ist in diesen schlimmen Tagen das einzige Lebewesen, was mich täglich in meiner Realität besuchen kommt“.
„Ja, ich weiß, du kannst es nicht sehen, nur ich bin dazu in der Lage. Na und? Was ist schon dabei? So bin ich wenigstens nicht gar zu sehr mit mir selbst allein. Denn du und all die anderen kommt mich ja nicht mehr auf einen realen Kaffee besuchen, und mit euch in euren virtuellen Wohnzimmern abhängen, mag ich auch nicht mehr. Das macht mich ja gerade besonders hungrig nach meinem weißen Kaninchen. Verstehst du?“
„Seit wir alle nicht mehr unsere Wohnungen und Häuser verlassen dürfen, weil draußen alles von Mutter Natur verseucht wurde, ist mein Leben ein anderes geworden. Denn die ganze Welt trägt nur noch eine Maske, sogar in der Virtualität des eigenen Wohnzimmers zu Hause. Eine Maske für die eigene Familie. Eine für die Freunde und Kumpels. Eine für die Arbeit. Und so geht das munter weiter, bis wir am Ende gar nicht mehr unser ursprüngliches Gesicht erkennen können, weil wir uns über die Jahrzehnte zu sehr an die Gegebenheiten dieser kranken Welt angepasst haben.“
„Weißt du, ich möchte atmen und ich sein. Und ja, ich liebe King Richard, der mir mit seiner Bedürftigkeit eben auch zeigt, dass ich beides bin. Mann und Frau in einem, auch wenn ich gar keine weibliche Brust mehr besitze und einen wohlgeformten Drei-Tage-Bart im unverfälschten Gesicht trage und eben nur ich das so erleben und fühlen kann“.
„Ja, es ist mir egal, ob du das auch so siehst wie ich oder eben nicht. Ich bin wenigstens ein authentisches ich, auch wenn ich gleich von der Normität abgeholt werde und ins Umerziehungslager weggesperrt werde. King Richard wird mir folgen, …

© CRK, Le, 08/2020

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