Herbert

Das ist der Kaktus, den mir Riddikly schon vor Wochen offenbart und geschenkt hat, obwohl ich ihr von Anbeginn unserer Freundschaft gestanden habe, dass ich keinen Grünen Daumen besitze.
Jetzt steht dieses Ding mitten auf meinem Couchtisch und ist das Sinnbild für den Kugelfisch in Hab-Acht-Stellung, den sie in mir zu sehen glaubt. Keine Ahnung, woher sie dieses Wissen nun wieder nimmt. Egal …
Jedenfalls thront nun diese Topfpflanze inmitten meiner Wohnung und will von mir geliebt werden. Das kann ich noch drei Kilometer weit gegen den Wind riechen und manchmal spüre ich es auch.
Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen. Eine Topfpflanze! Ein Kaktus oder auch ein Kacktus, eben ein Stuss, der mir in die Bude kackt. Ein stacheliges Etwas, dessen Mehrzwecknutzen ich im Augenblick nicht erkennen kann und auch nicht will. Ich frage mich allen Ernstes, was ich mit diesem Ding soll?
Lieb haben! Ja, ja … ich ahne es. Pflegen und gut umsorgen! Aber wie geht das gleich noch einmal? Ich bin mir nicht sicher. Ich erinnere mich allerdings dunkel an längst vergangene Schulzeiten, in denen es immer geheißen hat, dass Pflanzen eben auch Wasser benötigen.
Na gut, denke ich mir und gönne dem Herbert das.
Ich ertränke seine Wurzeln täglich in diesem kühlen Nass – in dem Glauben, dass das gut so ist – und wundere mich darüber, warum der Herbert so missmutig dreinschaut. Ich kann die Anklage in seinen nicht vorhandenen Augen sehen und auch in seiner nicht existenten Stimme hören. Aber ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun könnte.
Bis ich einer meiner seltenen Eingebungen folge und dem Herbert an seine traurigen Stacheln kleine, rote Schleifchen binde, und mir dabei denke, dass er jetzt sogar lauter Stilblüten austreibt.
Ich freue mich ob dieses Anblickes und bemerke dabei gar nicht, dass ich währenddessen auch meinem inneren Kugelfisch ein paar dieser Schleifchen auf dem Körper festgepinnt habe. Nun ja, denke ich mir so, es ist zwar noch nicht Weihnachten und auch noch nicht aller Tagen Abend, aber dennoch sieht das ganz hübsch aus.?
Wochen später, als der Herbert nur noch trauriger dreinschaut und kein Stück gewachsen ist, habe ich eine erneute Eingebung. Ich stelle diese Topfpflanze ins Fenster und drehe sein Gesicht in die Sonne. Die Idee mit dem Wasser hatte ich allerdings schon vor Tagen aufgegeben, und gönne ihm nun die Dürre meiner Unwissenheit.
Aber auch dies will nicht wirklich fruchten. Mittlerweile ist Herbert ganz schrumpelig und Gelb. Seine Stilblüten sind von den nun schlaffen Stacheln heruntergerutscht, und ich bin echt ratlos.
Ich habe ihn wohl zu Tode gepflegt?
In der darauffolgenden Nacht träumt es mir, dass Herbert eins wird mit dem Kugelfisch, den Riddikly in mir gesehen hat, und ich erwache schweißgebadet …

© CRK, 08/2020

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