Don’t Worry

Eh-Komma-Null-Fünf-Sieben-Neun-Zwo. Das ist die Losnummer, die ich gezogen habe. Und jetzt sitze ich hier im Schatten meiner Wohnung und warte auf die Dinge, die da kommen oder auch eventuell nicht kommen mögen.
Warten.
Das ist einer meiner Lieblingszustände, und ich bin ganz besonders gut darin. Ich schaue schon jetzt immer wieder auf mein Händie, dass ich eben nicht von Mändie geschenkt bekommen habe und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden und Millisekunden bis zur großen Entscheidung, nach der sie mich eventuell anrufen werden oder aber eben auch nicht.
Mich macht das ganz kirre, und es ist gerade mal kurz vor sechs Uhr in der Frühe.
Draußen ist es immer noch ganz schummrig. Die Tage werden nun spürbar kürzer. Auch wenn die Hundshitze immer noch drohend über den Dächern dieser Stadt liegt, und doch ist es momentan noch angenehm kühl draußen. Gottseidank. Aber der wolkenlose Himmel verspricht anderes.
Meine Fußgelenke sind noch vom Vortag geschwollen. Ich weiß, ich bewege mich zu wenig. Aber die drückende Hitze dieser Tage und eben das Warten auf etwas, was bei meinem Glück ganz bestimmt den Namen Godot trägt, macht mich ganz lethargisch.
Mein Wespenschiss vom Wochenende juckt sporadisch und erinnert mich daran, was ich gern wiederhaben möchte und was ich schon jetzt vermisse, obwohl ich es noch gar nicht verloren habe, weil ich es noch nie besessen habe.
Kann man überhaupt etwas verlieren, was man wohl nie in seinem Leben besitzen wird, weil es einfach nichts Dingliches ist, sondern ein Gefühl, was einem geschenkt wird oder eben auch nicht? Und geht es überhaupt darum, dieses etwas zu besitzen, wie ein Stück Eigentum? Ich zweifle daran … weiß aber nichts Genaues darüber.
Mir ist warm, und vereinzelte Schweißtropfen rinnen über meine sich schälende Haut. Ich vermute, dass auch sie die Millisekunden zählt, bis sie zu Sekunden, Minuten und sogar Stunden werden. Bis das Telefon klingelt oder eben auch nicht.
Ich könnte mich sinnvoll ablenken. Mit Arbeit zum Beispiel. Ich könnte beispielsweise noch weitere Bewerbungen schreiben oder mein Selfie vom Wochenende bearbeiten oder, … Damit die Warterei mich nicht gar zu sehr quält. Doch genau das mag mir momentan nicht gut gelingen.
Aber immerhin. Ich schreibe diesen Tagebuchblogeintrag hier und schlage somit meine Zeit tot, damit die Millisekunden spürbar schneller zu Sekunden, Minuten und Stunden werden und mich nicht noch kirrer machen, als ich eh schon bin.
Meine erste Kakao-Espresso-Spezialmischung habe ich verinnerlicht. Mein Kreislauf ist halbwegs in Schwung, und ich bin irgendwie auch wach. Niemand sagt mir, was ich jetzt zu tun habe. Noch nicht mal meine Lust.
Das Warten füllt alles aus und vermischt sich mit den über Achtzig Grad Fahrenheit in meiner Wohnung. Sogar meine Youtube-Playlist spielt nicht lückenlos meine Musik, sondern stockt zwischendrin immer wieder. Und das Telefon will und will einfach nicht klingeln.
Die Uhren stehen auf sechs Uhr und dreißig Minuten.
Bobby singt gerade: „Don’t worry, be happy“, und ich muss augenblicklich niesen. Er hat Recht, und ich mache mir jetzt noch einen meiner Spezialmischungen. Vielleicht schwellen davon ja auch meine Fußgelenke wieder etwas ab? Das ungelernte Pflegerherz zeigt mir allerdings den Stinkefinger und legt „Make me bad“ von Korn auf den imaginären Plattenteller.
Es ist jetzt genau sechs Uhr und fünfundvierzig Minuten. Ich weiß noch immer nicht, was ich als nächstes tun soll, aber irgendwie hellt sich meine Stimmung etwas auf, und ich lächele …
Denn meine Lieblingstante pflegt in solchen Situationen immer zu sagen: „Es wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.“
„Wir werden es sehen“, flüstere ich in die Musik hinein und erhebe mich, …

© CRK, Le, 08/2020

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