Deutsch

„Muss ich denn, muss ich denn wirklich zum Hintertupfinger hinaus, Hinterschlüpferinger hinaus, und du mein Arschgeweih von Großkotz bleibst alldieweil hier?“, grölte die angetrunkene Falottin, als sie durch die hohle Gasse wankte, die sie eben nicht zum heiligen Gral hinan führte, sondern geradewegs zum nachbarschaftlichen Abort, um sich dorten zu überheben und sich sämtlichen sprachgewaltigen Mülles zu entledigen.
Es sollte eben, laut ihres Hallodri-Bosses, alles hübsch deutsch in seiner Eckkneipe zugehen. „Nur was war denn heutzutage noch wirklich Deutsch?“, das fragte sie sich allen Ernstes und ihr Schädel brummte und summte dabei, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie selbst hatte ja schon mindestens ein Fünftel bajuwarische, ein Fünftel sächsische und drei Mal ein Fünftel pommersche Wurzeln im Blute.
„Ja, ja, sie war eindeutig ein hochgradiger Migrant eines Deutschtums, dass es im Prinzip nie gegeben hatte“, meldete sich ihr Gewissen zu Wort, als sie die die defekte Toilettenspülung betätigte, und der Spülkasten nur ein klägliches Röcheln von sich gab.
Dazumal sie regelmäßig ihrem Lieblingsthailänder ums Eck einen Besuch abstattete, weil sie seine vegetarischen Gemüsesuppen sehr liebte. Und auch der türkische Gemüsehändler drei Straßen weiter genoss regelmäßig ihre finanzielle Freizügigkeit oder ab und an auch mal der Inder in seinem Buchantiquariat.
Oder aber sie zog mit ihrem ägyptischen Windhund, dem sie, in einem gar fürchterlichen Anflug ihrer Arachnophobie, den Namen Telema gegeben hatte, um die Häuser, um scheue blonde Stadtrehe und rote Stadthasen zu jagen, nur damit ihr Boss und Liebhaber etwas Abwechslung innerhalb des Tellerrandes seiner Begierde bekam.
Uihhhh, wie quiekte er jedes Mal theatralisch lüstern, wenn sie ihm ihre Beute zum Abendmahl nackt und von der Sonne gut krossgebratenes kredenzte, damit er sich daran laben konnte. Sie wusste, dass er ein Schwein gewesen war, dass nur auf den Anstoß ihrer Blöße wartete, um sie triumphalisch in die Niederlage zu zwingen und sich als angeblicher bourgeoiser Sieger über ihrer Weiblichkeit zu fühlen.
„War das Deutsch genug, um wirklich Deutsch zu sein?“, fragte sie sich, als sie fahrig die Tür zu ihrer Behausung im elften Stock des baufälligen Wohnsilos am anderen Ende der Stadt aufschloss und sich erschöpft auf ihr Bett fallen ließ und beschämt in einen traumlosen Schlaf verfiel.

© CRK, Le, 08/2020

Reizworte:

  • Anstoß
  • bajuwarisch
  • bourgeois
  • Falottin
  • Großkotz
  • Niederlage
  • Triumphalisch
  • Windhund

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