Das Geisterdiplom

Stilz der Rumpel

Herr Poppe saß auf einer Holzbank in der ersten Reihe. Er hörte der Gedankenpolizei, die von ihrer Kanzel aus auf ihn herabpredigte, nicht genau zu.
Als schließlich ein Walross-Schnauzbart aus der Menge von spargeldicken und schweinedünnen Kuttenträgern, die allesamt blütenweiße Gewänder trugen, in Herrn Poppes rechtem Blickfeld auftauchte, legte der Walross-Schnauzbart seine Kutte ab und ließ den Amtsstubenmief im bläulichen Schimmer erstrahlen.
Er dröhnte auf den Herrn Poppe herab, dass er gar kein echter Geist sei, weil von ihm in den Archivannalen der Geisterschaft gar kein originäres Geisterdiplom zu finden sei. Er hätte die Analisten extra danach forschen lassen, als sie festgestellt hatten, dass Herrn Poppes kürzlich neu eingereichtes Jodelzertifikat für Geister der Oberbefehlshaber im gehobenen Dienst der Geistführerschaft eben eine gefälschte Urkunde gewesen sei.
700 Jahre wäre Herr Poppe ungeschoren unter ihnen herumgegeistert und nun sei er dazu verdonnert, so lange als unsichtbarer Großstadtuntoter in den nächtlichen Straßenschluchten der Menschen zu hausen und diese in ihrem ängstlichen Dasein zu bekräftigen und zu quälen, bis eine der Zwischen-den-Welten-Seelen das wahre Wesen von Herrn Poppe erkennen, ihm verzeihen und ihn trotz allem lieben würde.
Herr Poppe schluckte. Er schwitze unter seiner Kutte und Blut troff ihm von deren Säumen auf den Boden. Sein Puls raste, als man ihn anwies, das nun nicht mehr blütenweiße Gewand abzulegen und schließlich das Geisterlicht in ihm verlöschen ließ, in dem man rostige Nägel in seine nun sinnentleerte Hülle einschlug und sein Dasein am Ende in modrige Mullbinden einwickelte, bevor man ihm den Zugangscode ins Geisterreich aus dem Skelett deplantierte und ihn am Ende in die finstere Unwissenheit der Menschen entließ …

Es vergingen Jahrhunderte der Einsamkeit. Herr Poppe hieß nicht mehr Herr Poppe sondern Vergiss-mich-nicht. Und die Menschen hatten Angst vor ihm. Insbesondere die Großstadtkinder, weil ihre Eltern ihnen vor dem Einschlafen all die Horrorgeschichten, die schon ihre Groß- und Urgroßeltern über Vergiss-mich-nicht gewusst haben zu glaubten, weitererzählten und dabei immer noch etwas hinzudichteten, um die ganze Sache noch fürchterlicher auszumalen und damit das Hörensagen sowie Gruselerleben der Anderen noch zu übertrumpfen.

Eines Tages fiel Vergiss-mich-nicht aus allen Gewitterwolken dieser Stadt und kam auf dem Dach eines alten Schulbusses zum Sitzen. Dieser war knallrot lackiert und mit lauter Sonnenblumenblüten beklebt. Hinter dem Steuer saß eine weißhaarige Frau, die ein dunkelpinkfarbenes Sommerkleid trug und barfuß die Pedale ihres Gefährtes bediente.
Sie irrte durch die nächtlichen Straßenschluchten dieses namenlosen Großstadtmolochs und fand das Ziel ihrer Reise nicht. An einer Ampelkreuzung bremste sie scharf ab, so dass Vergiss-mich-nicht über das Dach des Busses nach vorn rutschte und auf der regennassen Windschutzscheibe zwischen den Scheibenwischern hängenblieb.

Die weißhaarige Frau rieb sich über die Augen, öffnete das Fenster auf der Fahrerseite und rief erstaunt: „Was für ein schlaflos untoter Verstoßener bist du denn, der mir da auf die Motorhaube gepurzelt ist?“
Vergiss-mich-nicht schluckte hörbar und japste nach Luft. Er dachte: „Verdammt! Ich bin nicht mehr unsichtbar. Wie kann das sein?“
Die Frau lachte, öffnete die vordere Falttür ihres farbenfrohen Busses, trat in den Regen hinaus und blieb vor dem Kühlergrill ihres alten Gefährtes stehen. Sie reichte Vergiss-mich-nicht ihre sehnige und sonnengebräunte Hand und sagte: „Ich kenne dein Schicksal. Ich bin vor Jahrtausenden auch eine verstoßene Untote mit eben deinem Namen gewesen, nachdem man mich aus den Annalen der Geisterschaft verbannt hatte.“
Die modrigen Mullbinden des Vergiss-mich-nicht spannten sich und stöhnten auf, als sich die rostigen Nägel langsam aus dem untoten Körper hinaus bewegten, dabei die Binden zerrissen, zu Boden fielen und ein nacktes Etwas neugeboren wurde.

Die weißhaarige Frau neigte ihren Kopf schief und pfiff leise durch ihre Zähne.
„Willst du zurück in die Geisterschaft, um dieses Mal erfolgreich in deren Annalen einzugehen und deinem Geistsein mit ehrlicher Geisterarbeit alle Ehre machen? Oder willst du lieber ein Mensch werden und dem Tugendpfad aus Angst folgen? Oder steht dir lieber der Sinn nach dem Spiritus der Seelenverwandtschaft und den Blicken in die Tiefen der Natur, um mir folge zu leisten und mich liebzugewinnen?“
Das nackte Etwas rang mit den Worten und senkte den Blick auf seine verschmutzten Füße. Es hob und senkte einige Male seine Schultern und nahm sich dabei selbst in den Arm, bevor es antwortete, dass es gern zwischen die Welten blicken und die Welt in ihren Angeln begreifen wollen würde.
Da jauchzte die weißhaarige Frau auf, griff das nackte Etwas bei der Hand, zog es mit sich in ihren roten Sonnenblumenbus und fuhr von dannen.

„Wer bin ich?“, fragte das nackte Etwas nach einer schweigenden Weile und betrachtete seine Wegführerin aufmerksam von der Seite.
Die Frau mit den weißen Haaren lächelte. „Du bist Jemand, der es besser weiß“, entgegnete sie ihm leise. „Und dein Name ist dir ins Herz deiner Seele geschrieben“, fuhr sie fort, „Du wirst es noch herausfinden.“
Das nackte Etwas gähnte herzhaft und rieb sich schläfrig die Augen. „Und wie heißt du?“, murmelte er, bevor er auf dem Klappsitz des Busbegleiters in den Halbschlaf hinüberdämmerte.
Die Frau mit den weißen Haaren lächelte erneut und gerade als sie ihm ihren Namen in das linke Ohr singen wollte, durchzog ein greller Blitz den großstädtischen Nachthimmel …

Charleston erwachte und stemmte sich verwirrt von seinem zerwühlten Nachtlager hoch. Als er verschwitzt am Rand seines Hochbettes zum Sitzen gekommen war, musste er lächeln. Der Tag war schon aufgegangen, und die Sonne hatte sich hinter einer blickdichten Wolkendecke versteckt, wohingegen sich die Schwüle des Vortages fast gelegt hatte.
Charleston fuhr sich durch sein zerlegenes Stoppelhaar, begutachtete den Farbfleck, den seine frisch gefärbten Haare auf dem gewaschenen Kopfkissenbezug hinterlassen hatten und hoffte sehr, dass er seiner liebgewonnen Riddikly würde noch viele Male begegnen dürfen.

© CRK, Le, 08/2020

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