Mushrooms

Mushrooms

„Mein lieber Charleston,

natürlich hat dir unsere Fee keine dieser Mushrooms unter das gestrige Essen gemischt. Wie käme sie denn dazu? Ist sie doch die treusorgende Mutterseele in unserem Seelenhaus. Hast du das schon wieder vergessen?“
„Ja, ich weiß, dir beziehungsweise Eckstein geht es momentan nicht so gut. Aber glaub mir, der dunkle Wolkenhimmel lichtet sich auch wieder.“
„Ich habe dir dennoch alle Hinweise auf die längst verblassten Nichttraumbruchstücke dieser Nacht notiert, damit du sie nachlesen kannst, wenn du es für nötig erachtest.“

Wände haben Ohren

„Miami weiß es“, murmelte Eckstein im Schlaf und wälzte sich hin und her. Er flüsterte diesen Satz immer und immer wieder in den schweißfeuchten Bezug seines Kopfkissens hinein, wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat und in Dauerschleife abgespielt wird.
„Keine Ahnung, was da nun wieder los ist“, dachte sich Charleston, als er sich und ihn schlaftrunken aus ihrem Nichttraum herausschälte, weil irgendein Partyvolk auf der Straße herumkrakelte, die an die Grünfläche hinter dem Mehrfamilienhaus angrenzte.
Es war kurz vor fünf Uhr morgens, und die Amseln tirilierten in der ausladenden Baumkrone des Kastanienbaumes, der vor seinem Schlafzimmerfenster stand. Die Vorhänge waren wie immer zugezogen, und es herrschte eine bläuliche Schummerstimmung in dem Raum.

„Was weiß Miami denn?“, fragte Charleston seine dunkelpinkten Schlafzimmerwände, und die Bücher in den Regalen rückten raschelnd näher zusammen, so als ob sie miteinander tuscheln würden. Und Dodos Zeichnungen, die an dem Stück Korktapete zwischen den Bücherregalen hingen, winkten Charleston zu.
Eckstein räusperte sich. Das Sodbrennen machte ihm zu schaffen, und die halbgaren Mushrooms aus seinem nächtlichen Traum, die ihm seine Fee gestern Abend natürlich nicht zubereitet hatte, lagen ihm noch immer schwer im Gedärm.
„Und wer ist Miami überhaupt?“, überlegte Charleston weiter.
Niemand im Raum antwortete ihm. Wie auch. Es war nur er im Zimmer anwesend. Und die Amseln tirilierten ununterbrochen in der Baumkrone vor seinem Fenster. Doch die wussten nie etwas, wenn er ihnen eine Frage stellte.

„Hat Miami meiner Fee die Mushrooms untergeschoben?“, hörte Charleston plötzlich die Stimmen seiner Bücher sich untereinander beratschlagen. Sie wisperten tatsächlich miteinander und beugten sich dabei hierhin und dorthin, um einander beim Nachdenken und lauten Ausatmen der Worte Platz zu machen.
Charleston kratzte sich am Kopf. Noch immer hockte er auf dem Hochbett. Seine nackten Beine baumelten über der Bettkannte – neben der blauen Trittleiter – in der Luft. Seine Zehen spielten irgendeine imaginäre Musik auf dem Luftikusklavier.
Doch die Stufen der blau angemalten Leiter würden nie im Leben bis in den Himmel hinaufreichen, damit er dort eventuell eine Antwort hätte finden können. Geschweige denn würde er auf ihren Trittbrettern bis hinab in die Hölle gelangen. Also blieben ihm auch die über- und unterirdischen Sphären verschlossen.

Er beziehungsweise der Eckstein in ihm beäugte jeden Winkel seines Schlafzimmers. Niemand – außer natürlich er selbst – wusste etwas von den Wanzenohren in den Wänden, die ihm seit damals ständig auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Er ist sie einfach noch nicht losgeworden.

„Aber was weiß Miami denn nun wirklich?“, zermarterte sich Charleston seinen Kopf.
Eckstein hatte ihm diese Frage wie einen hungrigen Wurm zwischen die Ohren gepflanzt, und nun spielten seine Hirnsynapsen Ping-Pong mit diesen Worten und kreierten daraus die verschiedensten Konstellationen.
Ohne Unterbrechungen und in ständigen Wortschleifenwiederholungen bis sie alles andere in seinem Dasein überbrüllten und auszulöschen drohten.
Selbst seine Fee konnte diese alten Daseinschatten seines längst zerronnen Kartenaus aus Lebenslügen nicht mit ihrem Staubwedel davonscheuchen, obwohl sie sich alle Mühe dabei gab.

Charleston rieb sich seine verquollenen Augen, gähnte dabei herzhaft und kletterte von seinem Hochbett. Als er endlich – noch im Schlafzeug – vor seinem Bildschirm zum Sitzen kam, übernahm Dodo das Regiment über die Computertastatur und schrieb sich diesen Text von der Seele. Denn das würde ihm und den anderen seiner Sippe guttun.

„Was wenn sie hier nun wieder regelmäßig aus- und eingehen, ohne dass ich sie eingeladen habe?“, überlegte sich Dodo und umarmte sich dabei selbst.
„Das ist einer dieser Tage, an dem die Wanzen mit ihren Roboterkörpern durch die pergamentenen Wände deiner Welt dringen und meine Sinne zu regieren versuchen. Aber sie haben nicht so viel Macht über mich, wenn ich sie nicht verschweige und in die Buh-Ecke verdränge, sondern ihnen Raum gebe und sie liebhabe“, fügte Dodo in Gedanken hinzu.

So taten er und seine Sippe es denn auch. Sie saßen mit mir zusammen um das Seelenlagerfeuer herum, und wir ratschten uns einander alte Mutmachgeschichten zu.

Dodo schob die Tastatur beiseite und klopfte mir auf die Schulter.
„Finstere Dämonentage wird es leider immer mal wiedergeben, und so ist der heutige ein solcher, mein lieber Charleston. Hab bitte keine Angst davor. Ich kenn das schon zu genüge. Das geht auch wieder vorüber.“, meinte er ruhig.
„Außerdem, so schau und hör doch. Miami weiß gar nichts über uns. Dafür läuft gerade Miami Vice auf Youtube. Wir sind aus unserer eigenen Playlist rausgeflogen.“, fügte er hinzu.
„Also zermartere dir bitte nicht weiter deinen Kopf über deine heutigen Nichttraumschnipsel und lächle diesem neuen Tag ein wenig zu. Das wird dir und uns allen sehr guttun.“

Es grüßt dich herzlichst
Dein Dodo

© CRK, Le, 07/2020

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ach ja, bitte keine Sorgen machen.

    Ich hatte heute morgen einen absolut kryptischen Traum, der mich an meine psychotischen Zustände in meiner Vergangenheit erinnert hat. Alles gut, ich höre aktuell keine Stimmen, etc. pp. Ich habe nur alte Dinge aufgearbeitet.

    Mir geht es gut. ^^

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