Mit Vierundfürzisch fängt das Leben an

Mit 44 Jahren da fängt das Leben an

Mein lieber Dodo,

„Moin, moin. Na, gut geschlafen?“
„Jup! … das habe ich mitbekommen, dass du beziehungsweise wir beide jetzt vierundfürzisch Lenze zählen. … Klar, du siehst dich dennoch eher als Dreiunddreißigjährigen und willst auf immer und ewig so alt bleiben. Ich dagegen trage die Erfahrung deines ungelebten Tagträumers mit mir herum, der sich alt anfühlt.“
„Ach …, was du nicht sagst! … Alter schützt vor Torheit nicht. Ich weiß.“

„Genau! Man(n) wird nur einmal Vierundfürzisch, und wir sind dabei ganz? Na, was ganz? Ganz Mann oder eher Frau Gans oder vielleicht gar Ganter Ganz und ganz Gans in einem?“
[Lacht laut auf.]
„Nein, natürlich bist du NICHT die dumme Gans und auch nicht der giftige Ganter, der seine Galle über seine Gänsefamilie (er)geifert.“

„Wie meinen?“ …
„Du bist der kleine Froschkönig, den uns unsere Frau Freundin mit der Post geschickt hat und den du an einer Kette um deinen Hals trägst?“
„Hm … Dir ist aber schon klar, dass dich dann unsere Auserwählte jeder Zeit am Schlafittchen greifen kann und dich in der Hoffnung, dann vor einem Märchenprinzen zu stehen, gegen die Wand schleudern kann?“
„Und möchtest du denn ein Märchenprinz mit Schleudertrauma sein, der nicht weiß, ob er seiner Rolle, die man ihm mit Bestimmtheit übergestülpt hat, gerecht werden kann und will? Sicherlich nicht, nehme ich mal an.“
[Lacht erneut laut auf.]
„Aber soll ich dir mal was verraten? Frau Freundin mag gar keine Märchenprinzen, die auf weißen Rössern daher geritten kommen. Denn Prinzen, die aus Phantasiewelten – wie deinem Dodolonthium – entspringen, sind nicht alltagstauglich, haben keine Fehler, begehen auch keine, sind perfekt und machen sich nicht dreckig. Denn sie sind Ideale. Und Idealen kann man sich nur – bis in die Unendlichkeit hinein – annähern, sie aber nie treffen und sie auch nicht wirklich lieben. Und du willst doch unbedingt liebgehabt werden, oder?“

„Siehst du. … Frau Freundin hat dir den Anhänger also bestimmt nicht geschenkt, weil sie dich als den Prinzen aus ihrer oder vielmehr deiner Mähr sehen will. Nein, sie mag dich und mich genauso zerknittert, wie es ihr eingepacktes Geburtstagsgeschenk gewesen ist. Imperfekt und authentisch. Mehr ist dazu nicht zu sagen, glaube ich.“
„Und genau deshalb hat sie mir auch neulich nahe gelegt, dass ich mich endlich unserer Familie anvertraue und ihnen sage, was mit mir und dir los ist.“
„Klar ist dabei genau das eingetreten, was ich schon im Voraus geahnt hatte. Unsere Familie findet es teilweise zwar mutig, das ich mit ihnen darüber gesprochen habe und ich mich auf unser beider Weg gemacht habe. Aber sie sehen uns eben gänzlich als Gans und nicht als Ganter, und wir bleiben – nach ihrer aktuellen Aussage – auf immer und ewig ihre Tochter, ihre Nichte oder eben ihre Cousine. Was soll man da schon machen? Einen alten Hut kann man auch nicht einfach so umkrempeln und dann davon ausgehen, dass er sich dabei schon wohlfühlen wird.“

„Ja, da hast du allerdings Recht. Das alles braucht viel Geduld und wohl auch Zeit, die ich ihnen lassen muss.“
„Stimmt, wir beide haben einen großen Vorsprung gegenüber unserer Familie, schließlich beschäftigen wir uns mit unserem nonbinären Transdasein schon einiges an Zeit, wenn auch viele Jahre mehr unterbewusst als wirklich bewusst. Nur Geduld ist natürlich nicht gerade mein zweiter Vorname, das weißt du doch genauso gut wie ich. Schließlich stecken wir beide in derselben Haut und sind ein und dieselbe Person.“
„Gewiss …, Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und den sollten wir in all unserer Komplexität nicht verlieren.“
[Lacht noch einmal sehr laut auf.]
„Genau. … Tragen wir erst einmal ein ordentlich gestutztes Dreitagebartgesicht mit uns herum und haben keine weibliche Brust mehr, haben wir ein ganz anderes Ständig in uns und zu uns selbst und sind dann mehr denn je wir selbst. Dann wird man uns wohl auch eher als das ansehen müssen, was wir nun einmal sind. Das hoffe ich jedenfalls. „
„Nein, gesagt habe ich ihnen das so direkt nicht, aber gedacht habe ich es mir und gewünscht, als ich meine kleine Geburtstagsansprache gehalten und versucht habe, mich ihnen zu erklären.“
„Aber wie soll ich meinem über Achtzig jährigen Onkel auch vernünftig erläutern, dass ich eben noch nie sein Mädchen gewesen bin, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen, wenn ich ihm nicht in seinem Glauben belasse? Ich lächele dann einfach etwas hilflos vor mich hin, schäkere mit ihm herum, umarme ihn und habe ihn so lieb, wie er nun einmal ist.“

So ist das gestern alles gelaufen. Tja … ein langer Weg bis hin zur Akzeptanz. Die Zeit wird es schon richten und uns vermutlich auch zeigen, wohin uns unser Weg noch führt. Ich hoffe es jedenfalls …
Das soweit mal von mir, mein lieber Dodo.

Es grüßt dich ganz herzlichst
der Charlie

© CRK, BS, 07/2020

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