Hiob und seine Botschaft

Mein lieber Charleston,

heute erhielt ich vom Herrn Hiob eine Botschaft. Eine? Nein! Gleich zwei Todesnachrichten an einem Tag. Und ich schrieb zwei Gedichte darüber. Ich bin erschüttert.
Die letzte der beiden Nachrichten allerdings trifft mich noch schwerer als die erste, weil sie mich an mein eigenes Schmetterlingswürmchen in Form einen abgegangenen Miniembryo erinnert, vielleicht gerade einmal in der sechsten Woche, oder so. Keine Ahnung.
Dieser hing noch an einem Stückchen Mutterschleim, als ich sie damals mit meinem versoffenen, ich glaube, zwanzigjährigen Hirn in der Toilettenschüssel des Kinderheimes vorgefunden hatte, in dem ich damals mein Praktikum absolviert habe.
Naja, jedenfalls nach Jahren des nicht oder nur vage Erahnens dieser Begebenheit schreibe ich nun heute diese Zeilen. Ich verstehe mich selbst nicht. Wie konnte ich das nur so erfolgreich von mir wegdrängen und in meiner Vergessenheit vergraben?

Das folgende Gedicht ist nicht nur dem ungeborenen Wurm der Freundin meiner weltbesten Freundin gewidmet, sondern auch meinem eigenem Schmetterling, für den ich damals nicht mal einen Namen gehabt habe …

Es grüßt dich sehr nachdenklich
Dein Dodo

Hiob und seine Botschaft

Flieg kleiner Schmetterling!
Mitten in die Handfläche deiner Mutter
und hinauf zu den anderen Sternen
dieser geschundenen Erdenwelt
Denn größer wirst du leider nie werden,
um als Heim die Herzen deiner
dir Zugeneigten zu beziehen
Auch wenn sie dich nie
werden Lachen und Weinen hören
und dir niemals beim Spielen
zuschauen können –
außer sie stellen es sich
bei geschlossenen
Augenlidern vor –
haben sie dir längst
einen Namen
in die Wiege
gelegt

 

Flieg kleiner Schmetterling!
Dein Kokon ist leider
viel zu früh zerrissen
und hat dich ausgekotzt
in diese unbarmherzige
Welt hinein

 

Ich hoffe, sie schenken dir
oder vielmehr den dir Zugeneigten
einen Ort, an dem sie um dich
und dein noch nicht gelebtes Leben
wehklagen dürfen

 

Denn es drückt sie sehr

 

© CRK, BS, 07/2020

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