Vom Beutel, der keine Tasche ist, sondern ein Netz

Herr Beutel war ein hagerer Mann, der sein schlohweißes Haar schulterlang trug und sich selbst ständig irgendwohin verlegte, damit er sich auf weiter Flur in der Einöde seines Eilandes im wilden Meer der Bergjaner immer wiederfinden konnte. Denn nur so war es ihm möglich, auf die Gelege des Paradiesvogels unter den Vögeln in seiner Eiland-Voliere zu stoßen.
Meist bestanden diese aus bunten Kieselsteinen, manchmal aber auch aus freilich gekonterten Bildnissen seiner Couleur und wörtlicher Luft und Liebe. Letzteres war Herrn Beutel am liebsten, denn das war seine Leibspeise. Davon konnte er monatelang zehren, bis es abermals zum akrobatischen Ausbruch in seinem Paradiesvogel kam.
Desderwegen trug Herr Beutel auch ständig eine seiner weiten Latzhosen am Leib. Die hatten sehr große Hosentaschen, in denen er sein Guthaben an gelegentlichen Kiesel- und anders gearteten Eiern seines Paradiesvogels als Labsal für die mitunter langanhaltenden Durststrecken bunkern konnte.

Herr Beutel war nämlich der Schatten seines Paradiesvogels. Der sich einerseits von ihm nährte, andererseits ihn aber auch in sich gefangen hielt, damit er seine Gelege essen konnte.
Eines Tages jedoch geschah es, dass ihm auf einem seiner seltenen Streifzüge über das wilde Meer eine Matrjorne begegnete. Diese bewegte sich schwebend auf das walnussgroße Boot des Herrn Beutels zu. Das Meer hatte schon seit Tagen getobt und Herrn Beutel in seiner Nussschale zwischen Wellenkämmen und -tälern hin- und hergeworfen.
Als jedoch die Matrjorne – die Oberhäuptin der Zwitterwesen aus Nornen und Matrjoschkas – unmittelbar vor seiner Nase schwebte und einen Veitstanz sonders gleichen aufführte, legte sich der Orkan im wilden Meer augenblicklich. Sie schnippte mit ihren Fingern, das Wasser teilte sich zu einer hohlen Gasse und setzte dabei Herrn Beutels Boot sanft auf dem Schlickmeeresboden ab.

Herr Beutel staunte nicht schlecht, als er seinen linken Fuß auf den Schlick setzte und die Ode der Meerjungfrauen plötzlich erklang. Sein Gehör lockte ihn die Gasse des geteilten Meeres entlang bis er schließlich an eine Spiegelwand herantrat und sich selbst darin erblickte. Wie in Trance krempelte er die Hosentaschen seiner Latzhose um und fand darin nur löchriges Gewebe vor. Seine Schultern hingen nach vorn und die sehnigen Arme berührten fast den Meeresboden zu seinen nackten Füßen. Er sah alt aus und fühlte sich auch so.
In diesem Augenblick sah er auf der Oberfläche der Spiegelwand, dass die Matrjorne hinter ihm aufgetaucht war und ihre Hände auf seine gebeugten Schultern gelegt hatte. Herrn Beutels Ohren hörten noch immer die Ode der Meerjungfrauen, als die Matrjorne eindringlich in seinen Kopf zu ihm sprach, dass er nur seine rechte Hand auf die Fläche des Spiegels legen müsse, dann würde er sich selbst erfahren.

Die Knie wurden dem Herrn Beutel weich, als er der Stimme der Matrjorne folgte und ihn plötzlich ein Stromschlag durchfuhr. Der Gesang der Meerjungfrauen war plötzlich gar keine Ode mehr, sondern nun erklang das Gekreische einer Sirene, die hungrig ihr Haifischmaul aufgesperrt hatte, um ihn immer hungrig zu verschlingen.
Herr Beutel wollte schreien und davonrennen, doch es war zu spät. Die Sirene hatte ihm bereits ihre tausend Tode beschert, und nun ruhte er in ihrem Mutterleib, bis sie ihn schließlich nach sieben Tagen in Form von ungezählten bunten Kieselsteinen wiedergebar und aus dem Inneren seines ehemaligen Paradiesvogels an das Ufer des Feuerflusses spie.

Die Kinder der Nachtwanderer erfreuten sich daran, weil sie dort gerade in diesen Augenblicken spielten und die Kieselsteine allesamt einsammelten, um hübsche Murmeln aus ihnen zu schleifen. Dafür wollten sie den Schleifstein ihres Urvaters verwenden, den der Dorfschmied immer für die Schwerter der Krieger des Stammes verwendete.
Und so kam es, dass die Kinder um die Wette murmelten, damit der Sieger unter ihnen schlussendlich ihre Mär vom Beutel der Matrjorne erzählen konnte, der nur aus ungezählten Löchern bestand und ihr als Tarnnetz ihrer Schicksalssagen diente.

© CRK, BS, 06/2021

Vom End‘ in der Schuld

Orginal Charleston inside

Ja-Aber wurmt es
in meinen Hirngängen,
wenn ich gern können wollte,
wie ich wollen tät,
wenn alles nicht so wäre,
wie es nun einmal ist

Ja-Waber rhabarbert es
in den Windungen meines Gedärms,
wenn die Wut vom Wind angefacht
wieder aufglüht, um lodernd
jede meiner Zellen zu besetzen

Ja-Glaber liegt es mir auf der Zunge,
doch der Schlund in mir giert jede
meiner Polemiken mit mir selbst
hinunter in die Düsternis
meines Schattenreichs

Ja-Glaub mir doch bitte,
bricht es aus meinem Bild
im Spiegel hervor
Vergöttere weiter
die Limone des Himmels
auf immer und ewig,
nur vertragen wirst du sie nie –
mit deiner Allergie,
denn du bist ein Urvieh
der Vampirie

So stehe ich hier-
wie ein begossener Pudel –
vor dem Kern meines Leids
und reiche dem Spiegel
einen Satz lauter
Kaktussetzlinge
und zupfe –
währenddessen –
jedem einzelnen
von ihnen
nacheinander
die Stacheln
aus,

weil ich mich
endlos wähne
im Sehnen
nach meiner Tschuld
im Ig und Ung –
via Message
in a Syrup Glas –
an dich

© CRK, BS, 06/2021

Vom Leid des Schachtelteufels

Bluna 2

Herr Ochse war ein kleingewachsener Schmächtling. Er hatte sich eine Teichrose an das Revers seines zerknitterten Sonntagsstaates geheftet und war so erst kürzlich auf die Walz seiner ahnenden Schatten gegangen.
Unterwegs hatte er sich an der Wegscheide zum Hain der Zwergenfänger eine weiße Taube von ihnen ausgeliehen und sie auf seinem kahlen Schädel nisten lassen. So war er nie allein gewesen, wenn ihn seine nackten Füße unterwegs mal wieder quälten, weil sie an der Scharfkantigkeit seiner Sphären zu leiden hatten. So hatte er in diesen Fällen stets einen Klecks Taubenschiss in der Hand gehabt, um sich damit seine Wunden zu salben und sie sich danach ein wenig zu lecken.

Herr Ochse war ein Pilger des Himmel- und Hölle-Spieles gewesen, der seine Waagschale noch nicht austariert hatte, umso besser zwischen dem Jinner und dem Yanger seines Wesens balancieren zu können. Wobei es zumeist sein eigenes Fegefeuer gewesen ist, dass er durchwanderte und nicht das anderer Leute oder gar der Welt selbst.
Und so manches Mal hatte er dabei seinen ureigenen Hausdrachen von der Leine gelassen, damit dieser sich in der Brunst des Feuers austoben konnte. Schließlich ist er sein Schoßhündchen aus dem Schattenreich gewesen.

Und so kam es, dass Herr Ochse sich eines Tages wie ein Pfingstochse herausputzte, um dem Jammertal seines Höllenfeuers auf dem Rücken seines Haustieres zu entkommen. Als er jedoch mit fürzisch Fieber knapp links am Rattenschwanz seiner ehemaligen Rasereien vorbeigeflogen kam, wurde ihm ganz bange ums Herz und sein alter Heinrich – der Diener des Ahnenhauses seiner Blutslinie – pflockte mehr und mehr Eisen um seine Seele herum in das Fleisch der Hülle seines Herrn.
Das Eisen jedoch vertrug die – auf Herrn Ochses Kopf nistende – Taube nicht. Ihr anfangs noch weißes Gefieder wurde davon mit der Zeit ganz rostfarben, und das Gurren in ihrer Kehle immer krächzender. Bis schlussendlich eine Rostkrähe auf Herrn Ochses Kopf herumhüpfte und dabei mit einem kräftigen Schnabel auf ihn einhackte.

Von der anschließenden Sauerei mag ich hier gar nicht weiter schreiben. Nur so viel:
Herr Ochse hatte Glück im Unglück eines Anfängers der positiven Weltensicht. Denn ihm begegnete auf seinem Höllenritt die milde Gabe der Frau Metta, die ihm einen Vogelbauer mit einem Beutel voller Brosamen mit auf den Weg gab, damit dieser der Rostkrähe gut beikommen und sie mit seinen Wegzehrung anfüttern konnte.
So kam es, dass das rostfarbene Gefieder der wetternden Krähe langsam schwand, um dem Apricot eines Flamingo-Federkleides Platz zu machen. Die Krähe wusste nicht, wie ihr geschah, als sie sich plötzlich in die Länge zog, und sie dabei die Gestalt eines Flamingos annahm.

Und der Flamingo tat schlussendlich ziemlich desillusioniert, als er versuchte, auf dem Kopf von Herrn Ochse zu balancieren, um der Rostkrähe Leibspeise bis zum letzten Brosamen an Wahrheiten zu verdauen. Denn dieser ritt noch immer in wilder Hatz seinen Hausdrachen und konfrontierte sein Glück im Un des Lebens mit jeglicher Provokation der Grenzen zum Erträglichen.
Der Flamingo fühlte sich mächtig geknödelt, auch wenn Herr Ochse seine bisher umtriebigen Triebe gar nicht so gehörig ausgeizte. Einzig der Hausdrache von Herrn Ochse tat etwas affektiert, fragte er sich doch, ob sein Reiter es ernst mit dem Flamingo meinte. Schließlich hätte er ja auch gut und gern mit ihm als Putter minigolfen können, so wie es die rote Königin im Nachbarreich stets in dem Vorgarten ihres Schlosses zu tun pflegte. Denn er wusste nur allzu gut, dass Herr Ochse in diesen Dingen ein wahrer Schachtelteufel sein konnte, wenn ihm eins seiner Böhnchen verquer im Gedärm saß und ihn quälte.

© CRK, G. 05/2020

Reizworte:

 

  • Pfingstochse
  • knödeln
  • affektiert
  • Anfängerglück
  • ausgeizen
  • desillusioniert
  • Provokation
  • apricot

Royal

Man in Greyblack

Ohne Ro-h,
sprach der Floh,
als er der Mantis
das Ego des A-a-ls
auf die Brust setzte und
sie zu speisen begann,
bis ihr sein Ypsilon über war
und sie nur noch
einen alten Knochen
übrig gelassen hatte.

Zurück blieben nur
ein Huscherl
mit großen Ohren,
das ständig möhrte,
wenn ein Gedanke
in ihr röhrte und
die Demut in Re.

Und so tanzten sie
unterm Regendach
in den Untergang
der Sonne hinein

© CRK, BS, 05/2020

Schokomund

Balla, Balla,
sagte der Nutella-Schnalla,
als er Renftl für Ärschl
in den Schlund sich schob hinein
und mit der Kraft
der Bubber zermahlmte

Balla, Balla,
schmiegten sich
Brocken für Bröckchen
ins Gedärm hinein
und gaben den Antrieb,
den Schnalla fein zu machen
für den Spieglein
an der Wand

Balla, Balla,
schimpfte da der Schnalla
und tanzte Ringelreihen
mit sich selbst,
bis er schmatzte
unterm Regenbogen
seines Bildes an der Wand
und laut am Berg verschnaufte,
um den schwarzen Hund
auf der Zunge
seines Schokomundes
zu entlausen

© CRK, G, 05/2020

Talis Männer

Gefährliches Leben

Tali war ein Klassenzimmer-Tafel-Schwamm auf zwei Beinen, der einerseits einen aufrechten und dann wiederum zu Zeiten einen halb gebeugten Gang auf zwei Beinen und einer Krücke aus dem verlängerten Arm der Emotionen anderer pflegte.
Letzteres immer dann, wenn er die Grauzonen seines Umfeld in sich aufsaugte. Ohne Filter. Ohne jegliche Grenzen seiner selbst und die anderer Leute zu beachten. Im konturlosen Modus der ausgedörrten Wüstenei seines bisherigen Daseins.
In diesem Zustand konnte sich Tali seine Männer, die da wären: der Dschingko des Lebens, ein Kindermund des Plappergeis, die Perlensau seiner Rampe und ein Schildbörger der Schläue sowie der Krötenmann mit dem Kakteenherz, gierig einverleiben und sich das Wissen über sie immer wieder a Detail einimpfen.
In diesen Augenblicken wollte Tali seine Manie über seine Sicht der Dinge, der Welt und ihrer Menschen pflegen, obwohl er es eigentlich besser wusste. Aber wie das manchmal so war, wenn seine Perlensau auf ihrer Rampe grunzte und wenn dabei die Fahrradkette des „Es hätte doch sein können, das“ zerriss …

Jetzt stand Tali wie ein vollgesogener Klassenzimmer-Tafel-Schwamm da. Vor versammelter Mannschaft seiner Talismane und tätschelte und hätschelte ihnen ihre geschundenen Leiber. Bis sie ganz klein und leicht in seinem Herzen wurden, so dass Tali sie sich wieder um seinen Hals hängen konnte. Ohne am Stock gehen zu müssen, geschweige denn je wieder zu wollen.
Aber sage niemals nie, dachte er sich im Stillen. Wer weiß schon, was morgen sein könnte, wenn heute noch dieses oder jenes geschieht …

© CRK, G. 05/2020

Ja-Aber

Ja-Aber

rhababert der Schwerz
und oppositioniert mich
fort vom Hier mit mir,
hin zu dir im Ungemut,
nehme ich an
und hätt gern dein
Wohl im Mut
für das Gewandt
im Zu der
Zweiheit

© CRK, G, 05/2020

Vom Kino der Daumen

Daumenkino

Herr Laut-Ohnetritt drehte sich fünf Mal um die eigene Achse, bevor er seufzte und seine Hände in den weiten Taschen seiner Latzhose vergrub, um dort sein berühmtes Daumenkino der Emotionen zu spielen.
Im Moment war es einerseits die Wut, die er mit der Hilfe der Finger seiner linken Hand durchknetete und mittels des Daumens auf die Leinwand seiner linken Hosentaschen projizierte. Andererseits malte er mit seiner rechten Hand die vielgerühmte Buchstabensuppe seines wehen Sehnens auf das Innenfutter seiner rechten Hosentasche.
Er war ratlos darüber, wem er nun von beiden zuerst zuhören sollte. Seinem linken Daumen oder der rechten Hand, die ihm sowieso nie gehorchte, geschweige denn gehörte. Denn er hatte sie seiner drallen Nachbarin von gegenüber vor Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion abenommen, weil er sie damals stets und ständig mit seinen meergrünen Mausaugen hinter den dicken Brillengläsern angehimmelt, sie ihn jedoch nur die kalte Schulter gezeigt und ihn gemeinsam mit den großen Kerlen ihrer Hausgemeinschaft vermöbelt hatte.
Nun fummelte dem Herrn Laut-Ohnetritt diese geborgte, rechte Hand ständig in seinen Anliegen herum, wiegelte ihm seine Emotionen auf, indem sie ihn im Land der Träume gefangen hielt, um ihn dort den Rest der Welt zu besorgen.
Herr Laut-Ohnetritt war nicht glücklich darüber. Aber seine rechte Hand, die er sich von seiner damals noch drallen Nachbarin ausgeliehen hatte, hatte ihn buchstäblich in der Hand. Denn nur sie wusste, wo seine ehemalige Nachbarin abgeblieben war, und nur sie kannte den Weg dorthin, wo die Gänseblümchen auf dem Hügel blühten und der Klatschmohn die Wahrheit betörte.

So sah sich der Herr Laut-Ohnetritt eines Tages in der Situation wieder, wutentbrannt einen liebesunwilligen Knauserer aus dem Daumenkino seiner rechten Hosentasche hinausgeworfen zu haben, um schließlich mit dem linken Daumen in seiner Raserei ausversehen das Kino seiner linken Hosentasche kaputt zu machen.
Mit hängenden Schultern stand er nun da und sah zu, wie alle seine Kreationen um ihn herum auf den Tischen und Stühlen sowie sonstigem Mobiliar seines Heimes Polka tanzten, waren sie doch von der Wut befreit worden und genauso wie sie an keins seiner Hosentaschenkinos mehr gebunden gewesen.

Und Herr Laut-Ohnetritt ersoff schließlich schier an diesen leisen Umständen und drehte sich dabei sieben Mal um seine eigene Achse, um daraufhin seiner ehemaligen Nachbarin zu folgen und mit ihr zusammen die Gänseblümchen zu zählen und dem Klatschmohn zuzuhören.

 CRK, G, 04/2021

Der Zuneigung abgeneigt

Lebe dich selbst - Medley I

Schnaggel die Wand an und zerschwurbel mir nicht mein Haupt, sprach Sapphrodite zum Dreamly Mumulumba, bevor sie sich mit Wut im Gedärm unter die Käseglocke zauberte, nur um der Raserei eins auszuwischen und sich nicht mit der Ehre der Zuneigung bekleckern zu müssen.
Du sollst mich nicht brauchen, fügte Sapphrodite aus dem Äther noch hinzu, bevor sie ihre Käseglocke mit lauter Abziehbildern ihres Schmerzes zukleisterte, nur damit der Dreamly Mumulumba sie aus den Augen verlor und sie sich leichter aus dem Herzen reißen konnte.
Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht, …., dröhnte es dem Dreamly Mumulumba in den Ohren. Ich will dich nicht verlieren, auch wenn ich das gar nicht kann, flüsterte er leise und legte sich den Schal der Sapphrodite um den Hals, bevor er in dem Schildkrötenpanzer seines Raumschiffes innerlich explodierte und sich in alle Winde fort zerstreute.
Er würde wohl nie? wieder auf diesen Trabanten zurückkehren, fragte er sich, als ihm einfiel, dass er den Stock und den Hut seiner Schülerschaft in ihrem Reich zurückgelassen hatte und machte sich auf die Reise, um sich selbst zu finden.
Seid den Frauen zugeneigt, wie ihr euch selbst auch geneigt seid und lernt von ihnen, denn sie sind der Spiegel eurer Selbst, maulte Dreamly Mumulumba die Sterne an und bog vor dem Nebel der Kassiopeia links ab, um nach Hause zu fliegen, ohne genau zu wissen, wo das sein könnte.

© CRK, BS, 04/2020

Ein Pikser

Piks

„Ein Piks Leben“, flüstert der Schmieks
im Gedenken an Morgen, bringt mir
Erleichterung der Pracht an Sorgen,
damit die Sonne scheint mir ins Gedärm hinein
und mich vom Poloch an rundum
erleuchtet und erneuert

„Ein Piks Liebe“, flüstert er weiter und
eröffnet mir gewiss das Tor der Bleibe,
flutet mich dabei mit hiebevollen Farben
bis mir überfließt die Pumpe und
ich tropfe voller Wörterdrang,
auf dass ich mich erretten kann

„Ein Piks Verantwortung“,
murmelt noch der Schmieks hinzu,
und das Herzelein verstolpert sich in mir
Es holpert über Stock und Stein,
bis ich dem Pups im Darm bin erlegen,
der die verquere Fülle an Gefühlen
hinaus in die Welt entlässt

Da erträumt der Schmieks sich
noch „Ein Piks Freiheit?“
und versammelt mich im
Bauchladen meiner selbst
Die große Freiheit kann ich fast
mit meinen Händen mir erschaffen,
und doch ist das Tor zur Welt
der Zuhäuseriche noch allzu fern

© CRK, G, 04/2020

Der Lauf des Kreises

Ostara

Tara Os atmet Humus über das Land
und bettet darin all die bunten Eier ihrer Hasen.
Doch die größten und schönsten unter ihnen
setzt sie den bekronten Ostmännern ihrer Insel
in die Augenhöhlen, damit sie sehend werden
und lässt die Dornen ihrer Kränze erblühen.

„Kein schöner Land“, singt der Einäugige unter ihnen
und ruft den Weißen Raben aus den Gedanken
seiner Erinnerungen herbei,
der mit seiner Freya auf den großen Schwingen
aus dem Mondenland herangenaht kommt und
die Kätzchen der traurigen Weiden erblühen lässt.

Zu Kreuze getragen wird das alte Sein
von den Jüngern der Tara Os, damit das neue
in den Flammen der Erleuchtung aufgehen kann,
wie das Korn der Samen im Schoß von Mutter Erde.

© CRK, G, 03/2020

Stress-Test

Klierum, Klarum, Klärum,
wer viel schfresst,
dem passt nix mehr

Klär mich fest,
kann viel Gnarf benamsen
Und Nerv schfresst mir
die Blümchen vom Kopf,
der nun mondig mir
aufn Schultern brangt

Mag nicht den Schmatz in der Hand,
sagt mir mein Schädel
Aber die Schnaube aufm Dach,
spricht mein Mond zu mir
und herzt mein Drama
durch und durch …

© CRK, G, 03/2020

Verschneckst du‘s noch?

Tschecksn hext dus mir wex,
ich bin perplex, weil wottig
in den Knochen und
wanisch im Schädel

Ne Message in the Schmottel
lag auf meiner Schwelle zur Tür
zum Dasein unserer selbst,
habe allerdings keine Anleitung
der Übersetzung dazu gefunden

Schmottelst du mir oder
wottel ich dir?

Hyroglyphyrex sagt die Polente
meiner Gedankengänge
Ponturolex allerdings mein
Schweineherz
Und Schwontifix meine
Grube im Magen

Ja, watt denn nu?
Verschwauerst du mir
oder beschrauer ich dich?

Ich Bahnhof
Du Mond

Aber die Frage bleibt:
Was kommt dann?

© CRK, G, 03/2021

Wenn es sprießt

Der Schlabbergugg zündete die bunten Flugkerzen an und stellte sie mit seinen Pranken behutsam inmitten die Kaskaden aus Schwarzen Nebelschwaden, die sich wie Schlangen vom Fuße des Schreins der Wiederkehrer zum Ufer des Klärisees wanden, um sich schließlich mit dessen Wassern zu waschen.
Die Lichter der Flugkerzen flackerten im Widerstand der Finsternis der sich dahinwindenden Schwaden und schrieben sich immer wieder Wörter der lauten und leisen sowie holperigen Herzschläge zu. Doch Schlabbergugg hatte nur Augen für die fliegenden Horden aus Mohdschegiebchen, die seinen Kopf umschwirrten und sich dabei gegenseitig mit ihren verrußten Pünktchens und erröteten Antons bewarfen und die Sternlein vom Himmel der Mitnacht lachten, damit diese ihnen auf dem Höllentrip der Verdammnis heimleuchten konnten. Er wedelte ihnen mit den Tulpen auf seinem Kopf entgegen und lud sie ein, sich auf seinem Haupt niederzulassen.

Das Frühjahr hatte sich längst mit Übellaunigkeit eingeläutet, und des Schlabberguggs Herz floss über vor dem Sehnen nach der Samigkeit zweier Seelen in seiner Brust.
Die eine machte ihn lose in Zeit und Raum und wünschte ihn stets und ständig in die Fürsorglichkeit der Arme seiner weißen Braut, damit er sich so klein, wie er sich wünschte mit ihrer Obhut bedecken konnte.
Die andere war ständig auf der Flucht vor der Stille, vor seiner Liebe nach sich selbst und wusste nicht so recht, ob sie genau dort sein wollte, wo er seine Schritte tat. Sie rauchte Schlabbergugg in ihrer Pfeife und ward glücklich, wenn er die Nebelschwaden am Klärisee schwarz färbte, um seine Wiederkehrer damit zu verwirren.

Die weiße Braut hatte Schlabbergugg nicht im Klärisee gebadet, sondern ihm vernünftig zugeflüstert, wie er des Pudels Kern ganz ohne Gewalt brechen und zum Erblühen bringen könne. Doch Schlabbergugg zweifelte an seiner Fähigkeit dazu und engagierte seine Bücherwürmer, alles im Lesegarten seiner Welt noch einmal zu durchforsten. Denn er hatte nicht bedacht, dass ein Baum der Liebe des Selbst auch Platz im Leben benötigt …

© CRK, G, 03/2020

Reizworte:

  • Tulpe
  • Marienkäfer
  • Höllentrip
  • Frühjahr
  • engagieren
  • vernünftig
  • rauchen
  • glücklich

Vom Amortisieren

Cordula war natürlich keine Bordula und ihr Blum kein giftgrün oder anderer spüriger Stoff, wenn sie sich mal wieder in die Waagschale ihres Esels warf und „ IHHH AH!“ oder vielmehr übersetzt „Ich auch, hier!“ brüllte, um die Oper der Dramatik mit Bravour aufzuführen und sich dabei klein zu machen, auch hilflos und einzig allein davon betroffen.
Cordula hatte nämlich ihre langen Haare über die Jahre hinweg zu imaginierten Rasta-Zöpfen heranwachsen lassen, die sie gern über die Zeit mit ihren nulpigen Tulpen dekoriert hatte, damit es eben jener einen Märchenprinzessin leichter fallen würde, ihren verzauberten Märchenturm an den Haaren zu erklimmen und ihr dabei gleich noch den Strauß aus den Blumen der Verehrung zu pflücken.

Cordula beobachtete die Marienkäfer, wie sie in der Luft tanzten und sich gegenseitig mit ihren schwarzen Punkten bewarfen. „Mohdschegiebchen müsste man sein“, dachte Cordula sehnsüchtig und rieb sich ihre müden Augen. „Die haben sich ihr Glück auf die Flügel gemalt und schwirren durch die Lüfte des Lebens.“

Das Frühjahr hatte längst Anlauf genommen, und trotz der launischen Überreste des Gevatter Winters waren überall die Tiere aus ihren Unterschlüpfen gekrabbelt und machten ihre Nester, Wohnhöhlen und Freiluftpaläste unter dem Blätterdach von Mutter Natur hübsch, damit es in ihrem Leben mit Esprit fließen und sprießen konnte.
So auch bei Cordula Blum. Seit gefühlten Stunden spielte sie die sterbende Schwänin unter der Brause, und ihre Haut war davon schon ganz schrumpelig geworden, so dass die Wassertropfen auf ihr Berg- und Tal- sowie Achter-Bahn fahren konnten.

Erst der kräftige Griff des Herrn Störrbart in ihren Nacken, um sie aus der Dusche zuziehen und somit die Wasserrechnung nicht weiter zu strapazieren, beendete abrupt Cordulas Trip durch die Hölle ihrer Gelüste.
„Die Überschwemmung machst du weg!“, polterte Herr Störrbart sie an, „Oder willst du Ärger mit unseren Untermietern bekommen, weil ihr kleines Reich der Heimat durch dein Zutun abgesoffen ist?“

Herr Störrbart rauchte vor Zorn, während die Pfeife erloschen in seinem stoppeligen Mundwinkel hing. Er trug zerschlissene Gummistiefel an den Füßen und das Beinkleid eines Milchviehbauern. Sein behaarter, beleibter Bauch war von einer Gummischürze umspannt und der  kräftige rechte Arm steckte bis zum Bizeps in einem blutverschmierten Gummihandschuh.
Denn er hatte gerade seiner besten Berta im Stall beim Kalben geholfen und das Jungtier flugs weggesperrt, damit er auch weiterhin mit ihren gewohnten Siebenundzwanzig Litern Milch am Tag rechnen konnte.

Das beschlagene Badfenster stand inzwischen sperrangelweit offen und von draußen klang das Blöcken des Jung- und Muttertieres herein, bis die Tränen über Cordulas Wangen liefen, die sie jahrelang hintergeschluckt hatte.
Sie reckte ihr nasses Kinn, richtete sich kerzengerade auf und schüttelte energisch ihren dünnen, ausgefranzten Haarschopf, bevor sie sich mit Gewalt von ihrem Mann loslöste, ihn gegen die Wand stieß, wobei ihm der Badspiegelschrank aus Aluminium auf den rasierten Schädel krachte.

Cordula bekam einen Schreck, als sie erwachte und der Hahn ihres allmorgendlichen Rundrufes aus den Lautsprechern ihrer Klingelanlage krakelte. Sie beschloss diesen Ton schleunigst zu wechseln, und zog mit einigen Handgriffen das über Nacht blutig gewordene Spannbettlaken von der Matratze ihres Hochbettes.

Vernünftig wäre es jetzt, den Kakao, den ihr die benachbarte Hausfreundin auf die Türschwelle gestellt hatte, zu trinken und das Porridge ihrer Kochkünste nebenan zu genießen.

Auf dem Küchentisch ihrer Freundin stand ein bunter Strauß Hollandtulpen in einer Keramikvase, die ihre Freundin vor Jahren selbst mit Möwen bemalt und glasiert hatte.
„Heinrich, der Wagen bricht“, dachte Cordula und streichelte ihre millimeterkurze Stoppelfrisur. „Nein, es ist das Band aus Eisen, was mein Herz zusammenhält“, dachte sie weiter, als sie den letzten Löffel Porridge aß und dabei in das Grau der Bläulichkeit der Augen ihrer Freundin schaute.

Abermals erschrak Cordula und zuckte zusammen. Der Auspuff ihrer fliegenden Höllenmaschine eines Lonely Riders hatte sich losgelöst, streifte dabei die eine oder andere Sternschnuppe, bevor er scheppernd auf dem Erdenmond herabfiel und dort einen Krater hinterließ.

In dieser zerklüfteten Mondlandschaft erwachte Cordula Blum nun endgültig und machte sich daran, sich aus dem Staub der vergangenen Meteore ein Heim zu bauen. Irgendwer hatte ihr vor Jahren einmal eine Handvoll Pflanzensamen in den Rockschoß ihres damals schon abgetragenen Jacketts genäht. Und dessen Nähte waren mit der Zeit brüchig geworden, so dass sie nun die kostbare Saat über den sternenstaubigen Boden des Trabanten verteilten.

Mit den ersten Sonnenstrahlen zeigte es sich, dass sich der Boden unter Cordulas Füßen langsam begrünte und mit jedem ihrer Schritte ein Paradies aus ihrem Dasein erwuchs. Das freute Cordula ungemein, und sie summte die ganze Zeit vor sich hin.
Dabei klaubte sie all die Hab-mich-lieb-Bommel-Hasen mit ihren bunten Knollasen und bodenlangen Lauschern auf, die mit Cordulas Paradies über Nacht dem Meteorstaub des Mondes entwachsen waren. Und sie drückte diese Tierchen so sehr an ihr Herz, dass sich diese mit einem leisen Plopp in ihre fleischliche Hülle integrierten und etwas zu amortisieren halfen, was Cordula nicht genau benennen konnte oder vielleicht auch gar nicht wollte, damit sie sich schlussendlich selbst umarmen und liebhaben konnte.

© CRK, G, 03/2021

 

Reizworte:

  • Marienkäfer
  • Höllentrip
  • Frühjahr
  • engagieren
  • vernünftig
  • rauchen
  • glücklich
  • Tulpe
Elster baut das Nest aus
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Früherlinger Theater

Mimpfen sagte Schrimpfen und
stummte mit seinem Fampfen drei Mal auf,
bevor er Kawommte und
seine Freinde „Alles Tutti“ schrien
Niemand wimmte,
als sie sich bewerften mit Fetti im Klon
und die Messer schwärften,
bevor der Fop sie flippte
und der Schnipp
das Mimpfen
zerschwoppte

„So sei es!“,
sagte der Widerlopf,
„Wir schwachen der Munde noch ling
und songen dabei Tsching-Tsching.“

Das Huberwart der Zoberschwaft
heißt Krawullt und fiese Mentucke,
bis Schwananiens Pimmel eschwühln,
ihre Schwarten zerschwachen
und alle sich anlächeln –
auch die Schwelden
mit ihrem Tuck an Mücken

© CRK, G, 03/2020

Klartex

Ich sehne mir etwas in Erwartung herbei,
wovon ich mein Leben lang träume,
bekomme aber meist etwas ganz anderes zurück,
und übersehe somit,
dass ich dabei reich beschenkt werde.

Was davon ist geträumtes Leben
und was ist gelebter Alltag?
Fragt der ehemalige Tagträumer in mir
und knäult den Faden der Ariadne wieder auf.

Wie oft muss ich noch diesen Kreislauf durchleben?
Muss ich wirklich müssen oder darf ich vielmehr wollen?
Also wie oft will ich die Wiederholungen erleben?
Wo ist das Murmeltier, dass mich täglich nicht grüßt,
um mir den Weg hinaus dann doch zu verraten?

Ich verstehe den Sinn dahinter nicht.
Wäre es nicht jetzt auch mal Zeit gewesen,
dass ich dran bin? Womit dran? Wohin dran?
Wo führt das Ankommen hin?

Ich bin ein unwissender Tropf.
Mal sind mir meine Schuhe viel zu klein
und dann wiederum viel zu groß
oder zu schwer und klobig …

Nie passt es wirklich, und
nie ist es die richtige Zeit

Ich verstehe das alles nicht.
Oder vielleicht doch?

Ich bin müde, will schlafen.
Aber morgen ist ein neuer Tag zum Leben.

© CRK, G. 03/2021

Da setzt du dich mit dem Arsch drauf

Der wüchsige Klein hatte sich mit geklauter Zuckerwatte vollgestopft, weil seine Lauscher an der Wand noch immer nur das hörten, was er eben nur hören wollte. Dass er sich in seinem smarten Hirn ersonn, damit am Ende alles – in Seinem Sinne – gut werden würde.
Doch der arschige Engel von nebenan aus Hintertupfistan, hatte sich mit seinem breiten Hintern drauf gesetzt, hatte ihm alles durcheinander gewurschtelt und haute ihm dann auch noch die Wahrheit wie einen nasskalten Waschlappen um die schlafenden Ohren.
„Aua! Das tut weh“, dachte der wüchsige Klein und machte den arschigen Engel mit dem breiten Hintern zum Arschengel seiner Welt und erlag dennoch Kraft seiner Kohlsuppe nicht seinen Gedankenblähungen darüber, ob er den Arschengel am liebsten zum Teufel jagen würde oder nicht lieber doch auch weiterhin gern haben würde.
Er war zum X-ten Male bäuchlings in der Misere gelandet, vermied es allerdings dennoch, all seine bisherigen Arschengelinnen ad Acta zu legen und in seinem Palast aus irrigen Gehirnwindungen zu archivieren und eben nicht in blauäugiger Erwartung, dass er irgendwann einmal für sie reif sei, zu versauern.
Stattdessen blies er Trübsal und malte Rauchzeichen in die Luft. Signale für sein zerschundenes Herzelein, das bitte bald aufhören möge, den Weltuntergang ihm auszumalen ….

© CRK, G 2/2020

Reizworte:

  • Arschengel
  • Zuckerwatte
  • kleinwüchsig
  • blauäugig
  • archivieren
  • blasen
  • Blähungen
  • bäuchlings

Haariges Statement

Tschill mal!

Schallali-und-Schallala. Der Oldie-Sender von Mutti erfüllt ihre Küche mit seinen Klängen, und selbst bei geschlossener Türe kann ich sie dort drinnen rumoren hören.

Ich bin seit 5:30 Uhr wach und versuche mich innerlich zu sortieren. Aus meinem Händie rauscht die Natur hervor … und meine Freundin ist mir in diesem Augenblick sehr nahe.
Wir gehen – in meiner Vorstellung – zusammen ein Stück des Weges und lassen den Fluss neben uns und unsere Schritte miteinander reden. Wir atmen uns einander und halten uns gegenseitig immer mal wieder an den Händen. Der Wind und die Krähen spielen miteinander in den nackten Baumwipfeln, während die Sonne das Winterwonderland langsam antaut und Skulpturen in Kaskaden aus Eiszapfen an die großen und kleinen Äste der Bäume zaubert.

Die Spezialmischung aus Kakao und Espresso sowie Malzkaffee dampft in meinem Gute-Laune-Montag-Morgen-Thermobecher, und ab und an klopft der Specht aus meinem Händie an die Wand meines Kaffeebechers. Oder vielleicht auch an meinen Schädel selbst? Das weiß ich nicht so genau.
Ich wundere mich nicht darüber, dass der Fluss neben uns nun auch in meiner Blase rauscht, und ich mir mit meiner Hand über meinen geschorenen Schädel streichele. Niemand sonst darf das tun. Auch nicht meine Freundin.
Denn ich höre trotz meines geräuschvollen Händies die Stimmen meiner Familie, die in einem fort murmeln, dass es schrecklich sei, wie ich jetzt aussehen würde. Ihrer Meinung nach eben wie ein Russe. Mutters O-Ton. Oder ein Gefangener aus alten Kindertagen kurz nach dem Krieg. O-Ton mein Vater. Oder irgendein anderer O-Ton.

„Was bitte habe ich mit deren Erinnerungen und Vorurteilen zu tun?“, frage ich mich, als aus dem Händie mein Papierflieger gen Zimmerdecke rauscht und einen Kondensstreifen Milch aus Hafer und Mandeln an die Wände des Wohnzimmers malt. Aus der Küche ist Muttis Klappern mit dem Geschirrs zu hören.
„Flieger schenk mir die Sonne, grüß mir die Freiheit und das Licht!“, denke ich mir. Oder war es nicht eher: „Bruder zur Sonne zur Freiheit“, überlege ich zaghaft, als mein heißes Spezialgebräu mir die Kehle hinunterrinnt und mir dabei fast die Zunge verbrüht.
Dabei ist mir doch nur die Haarschneidemaschine beim Nachrasieren der noch nicht nackten Schädelkonturen ausgerutscht und hat mir eine Scharte in die Stirnfront geschoren. So bin ich ja erst schier gezwungen gewesen, die gewünschte Länge meiner Haare auf eben genau drei Millimeter herunterzukürzen.
Selbsterfüllende Prophezeiung nenne ich das. Denn ich wollte schon immer mal einen kahlen Schädel haben, damit mein Denkerhirn in meinem Charakterkopf Platz hat und mein Gesicht in die hohe Stirn hinein atmen kann.

„Ist mir doch egal, wofür andere mich halten“, denke ich und trete wütend von einem Bein aufs andere, als meine Freundin in meiner Vorstellung nach meinen eiskalten Händen greift und diese in ihren wollenen Stickjackentaschen anwärmt.
„Sollen sie doch an meinem Äußeren kleben bleiben – wie die Obstfliegen am faulen Obst“, überlege ich. Dabei frage ich mich aber, warum gebürtige Männer dieses stigmatisierende Vorurteil nicht auch zu hören bekommen, wenn sie sich mehr oder weniger bewusst und gewollt von der Pracht ihres Haupthaares befreien.
Niemand würde beispielsweise meinen Herrn W als einen Radikalen – egal welcher Couleur – schimpfen oder als einen krebskranken Mann, weil er schon seit meiner frühesten Erinnerung an ihn mit einer Glatze durch sein Leben läuft.

Meine Freundin lässt – in meiner Vorstellung – meine nun warmen Hände wieder los, und in der Küche nebenan ist es jetzt niemand mehr. Irgendwoher erklingt ein leises Glockengeläut, als die Geräuschkulisse meines Händies plötzlich abbricht.
Und ich sage mir, dass alles seine Zeit hat. Jetzt sind eben nicht meine sonst gewohnt bunten Statements allerlei haarigen Ausgeflipptheiten der Status meines Charakterkopfes, sondern dank den Auswirkungen des bösen Virus vielmehr fast nackte Tatsachen.
Egal ob nun nur für vorrübergehend oder für sonst wie lange … Und egal was andere darüber denken, sagen oder meinen, verlauten lassen zu müssen beziehungsweise zu dürfen …

© CRK, BS, 02/2020

Fackel den Mann nicht ab,

oh Fackelmann, und
komm mir bloß nicht
mit der langen Klapper an

Und sieh‘ nicht hin,
wenn ich mich ergötze
am Gerotze meines
Lementierungswahns

So dass, oh ach,
mein Fackelmann,
der Needelismus
Einzug hält
im Schrobenhausen
meines Oberstübchens

So komm mein lieber Fackelmann,
bespiel‘ mich mit dem
Lirum-Larum-Löffel-viel,
bis ich mit einem Puff zerplatze
und drollig gar zerfalle –
in mein Gefecht aus Worten,
die nichts sagen,
und dem weisen Grau deiner Blicke

© CRK, G, 02/2020

Nachts ist alles eins

Frahja Fallentin

Frahja Fallentin träumte gar zu leicht
von der Keit im Heiter ihrer Fruse Angesicht,
bevor das Grauen am Morgen verlosch im Huckepack
der Frahja ihre beiden Seelen in der Brust
und mit seiner frostigen
Winterwonderwelt bedeckte

Zuvor jedoch sexelten die Frauen sich an,
ehe die Fahja ihren Fallentin
aufs Bett im Kornfeld schickte
und die Flinte ihrer Zwagen
mit der Kimme ihres
Zielwurfs gern verwarf

Spann ich mein Nachtgarn oder wachte ich,
so fragte Frahja Fallentin sich selbst,
als die Fruse peu a peu wie eines Aquarell
in den Fluten unter der Dusche verschwamm
und nur noch sie selbst sich spürte

© CRK, G, 02/2021

P.S. Habt einen feinen Freundschafts-Liebhab-Liebes-Tag im Kreise von euch selbst und euren euch lieb und teuren Menschen. Liebet und ehret euch selbst, dann klappt das andere auch. ^^

Frönchen

Zick-Zack Plapperkack,
reiß mir bitte nicht die Rübe ab
Denn das gäbe sonst ein Hauen und Stechen
mit dem Mann aus Murks und Korks

Zick-Zack Schabernack,
dramatisch angemalt ist nun der Kack,
sieht aus wie der Papagei von neben
und plappert kluge Worte in einem fort –
aneinandergereiht auf einer Endlosschnur –
die ich mit dem Herzen nicht verstehe

Zick-Zack Pulverfass,
drum hat der Bums auch leergefegt
die nun hohle Schale meiner Nuss,
so dass der Knoten des Gemüts
mir ist ins Nichts des Lichts verglüht

Das Zack hat das Zick auch nun entzwickt,
und schmußt es gar zartbitterlich an
Du lauter Kack in mir, ich schmiede dir
ein Frönchen für ein nächstes Mal
auf dass du dich nun
fruhen kannst in Frieden …

© CRK, G, 02/2020

Ruf mich an!

Eyhjott legte seinem Sorgenfresser all die Herzsirenen auf die Zunge und hieß ihn, darauf herumzukauen, bis er dem Herzragout würde Einhalt gebieten. Aber nur wenn das rote Telefon mit seiner Standleitung ins Vergissmeinnichtland klingeln würde. Und nur wenn er sich selbst dabei nicht verlegen würde. Und nur wenn er gerettet werden würde. Von Wem auch immer. An die Kraft seiner eigenen Wassersuppe dachte er dabei in keinem Fall.
Er stand nackt am offenen Fenster und fing die hereinwirbelnden Schneeflocken mit seiner Zunge auf. Sein Kreuz war zerschunden und blutete an einigen Stellen, als er sich bückte, um seiner Muschi das Fell zu scheren, damit er sie wie einen Nacktmull auf dem Friedhof der Kuscheltiere zu Markte tragen konnte.

Eyhjotts kahler Schädel war mit roter Tinte bemalt, wohingegen er seinen Busen mit Ruß beschmiert hatte. Denn er würde sogleich seinen Veitstanz der Begierde nach Nähe aufführen, um seine holden Weiblichkeiten zu umgarnen. Er war nämlich viele. Und sei es nur in seiner Vorstellung. In seiner Fantasie war die Welt eh viel erträglicher … als die nasse Kälte dieser Tage.
Eyhjott konnte so oft wie er wollte, die Gestirne anbeten. Das rote Telefon würde dennoch nicht läuten. Denn ihm war der Code zu seinem Herzen in die nahe gelegene, uferlose Strömung gefallen. Und niemand hätte ihm sagen können, wohin ihn seine Nussschale genau deshalb noch treiben würde.
Zumindest an Tagen wie diesen war er taub für die Botschaften seines Lebens, und auch das Warten auf Godot half ihm dann nichts. Denn er selbst war sein eigener Godot, und noch nicht einmal im Traum würde er auf die Idee kommen, sich in Geduld zu üben und auf sich selbst zu warten …

© CRK, G, 02/2021

Hautjucken

Hautjucken

Flockes linker Daumen schmerzte. Die scharfen Worte seines Geistesführers hatten ihn mal wieder geschnitten, als er sich mit seinen Fingerkuppen die Fußknöchel, Schienbeine, Leisten und den Rücken blutig gekratzt hatte und er nicht wusste, warum ihn das Fell gerade jetzt juckte.
„War es überhaupt ein „Ausgerechnet jetzt“? Oder war es nicht vielmehr ein gewisser Dauerzustand gewesen, den er sich nur schön geträumt und ordentlich zu Recht gelegt hatte, als es ihm noch leichtgefallen war?“, fragte er sich und zog die Stirn kraus.
Er stand inmitten einer Rabatte aus Maiglöckchen im Wintergarten seiner Heimstatt und kniete vor einem Schrein voller Schein seiner Brüder und Schwestern, als er sich immer wieder selbst geißelte, weil er es nicht mehr aushielt.
Seine Seele machte den Hummelflug bei dem Gedanken daran, dass er führungslos in der Burg seiner Ordensgemeinschaft umherirren würde und seine luftdicht abgeschottete sowie vom Leben da draußen hermetisch abgeriegelte Kemenate nicht mehr auffinden würde, wenn er die Nabelschnur zur Filterblase aus den Gedankenwelten seines Geistesführers dauerhaft kappen würde.

Flocke war ein Findelkind der Realität gewesen, dass sein halbes, damals noch junges, Leben die eigenen Träume gehütet und in ihnen gelebt hatte, bevor ihn der zukünftige Führer seines Geistes mit dem Sternenstaub aus der heiligen Zuckerdose seiner Herrlichkeit von Ignotius von Bitterfeld erweckt hatte, um ihn zum Fußsoldaten seiner Heerscharen aus Lemmingen zu machen. So war Flocke vor einigen Zeiten aufgewacht und hatte die Welt mit den beschwörenden Augen seines geistlichen Anführers betrachtet – gefolgt von den ungezählten Horch-und-Gugg-Wanzen unter seiner Matratze.

Doch inzwischen ahnte Flocke längst, dass seine Rosen dieser Welt für ihn duften würden, wenn sie denn einen anderen Namen gehabt hätten, doch er griff immer wieder in die Dornen ihrer hohen Stiele und verstand dabei nicht, dass sie ihm nur das zurückgaben, was er ihnen immer wieder in den Nährboden ihrer Wurzeln untergepflügt hatte.
Und er begriff ebenfalls nicht, dass die Realität außerhalb seiner Ordensburg das alles anders erlebte. Denn er betrachtete die Welt mit dem Horizont des Etuis der Taschenuhr seines Führers. Und es wunderte ihn nicht, dass es ihm nicht längst wie die Schuppen eines geschlachteten Silvesterkarpfens von den Augen gefallen war, um die subjektiven Wahrheiten, aus denen die Kartenhäuser seines Geistesführers erbaut gewesen waren, allesamt einzusammeln und sie in den Kröpfchen der ungezählten Geschwader aus Schneetauben verschwinden zu lassen, die seit Tagen durch die Landen stürmten, um alles in ihre stille Decke aus gefrorenen Tränen einzuhüllen.

Das Wort (Lebens)Lüge erschien Flocke noch immer zu hart, als plötzlich der Erzengel Jophiel vor seinen Füßen aus dem Boden erwuchs und ihm mit seinen Flügeln links und rechts jeweils im Wechsel sieben gepfefferte Ohrfeigen verabreichte.
„Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters“, sprach er dabei leise, „und ist immer subjektiv gefärbt“, fuhr er fort.
Dann streichelte er Flocke mit seinen Flügeln sanft über die geröteten Wangen und küsste ihn auf den spröden Mund.
„Egal ob du nun mit einer Maske oder demaskiert durch dein Leben (w)eilst“, flüsterte Jophiel weiter und Blut rann ihn über die elfenbeinfarbenen Wangen, während sein langes, ebenholzschwarzes Haar über die Rabatte aus Maiglöckchen wallte, um alles in seiner Historie einzuweben und zu durchdringen.
„Sieh, es hängt alles miteinander zusammen und lumesziert in seinem alles umspannenden Myzel untereinander“, fuhr er fort. „Eins bedingt das andere, und alles hat seinen Sinn. Auch das Jucken deiner Seele.“

Flocke erschauerte. Seine Handinnenflächen begannen zu schwitzen, und seine Seele galoppierte ihm davon. Fasziniert betrachtete er die Welt aus Jophiels Augen und alles um ihn herum war im Begriff der Auflösung. Und während Flocke im Bett der nahen Holda sanft entschlummerte, schneite es pochende Gehirne und denkende Herzen auf die Erde …

© CRK, G, 01/2020

 

P.S. Der Reizwortgeschichte nachempfunden. Aber nicht alle Worte im Detail umgesetzt und manche auch weggelassen.

Maiglöckchen
Hummelflug
gepfeffert
umgefallen
aufregend
starten
Zuckerdose
Etui

aufwachen
Dornen
lügen
Ordensburg
vertreiben
toxisch
Faszination
Historie

Fürbitte

Flieg kleiner Kolibri,
flieg hin zu ihr
bis ans Weltenende und
träufle ihr den Nektar
auf die spröden Lippen,
auf dass sie atmen möge  –
immer weiter –
sich Zug um Zug
ins Dasein zu ringen,
und dem Salz der Suppe
ihres Lebens
viele Male noch
Butter bei die Fische
zu gönnen.

© CRK, G. 01/2020

Weihnachtstern

Weihnachtstern

Kommt ein Lichtl von irgend daher –
egal ob wie oder gar wann oder wo –
setzt sich schulterwärts dir ins Gemüt
und leuchtet dir den Weg –
egal ob über Stock und Stein,
ob mit einem Lachen in den Augen
oder im Tal der Tränen schwimmend

Alles kommt und geht auch wieder fort
und pflanzt dir Spuren in dein Herz
Doch das Licht, ja das Licht
das hüllt dich ein in seine Wärme
Drum sei nicht traurig, weil ein Allein
dir sitzt gar fest auf deiner Brust
und dich das Glauben macht,
was es dir zu fühlen aufgibt

Denn dann,
wenn du es am wenigsten erwartest,
kommt der Weihnachtsstern für dich
am ehesten ums Eck und
entlockt dir fein ein Lächeln
und führt gewiss einen Freund
vorbei an deiner Herzensgegend,
so dass er klopfen kann
an deine Tür

© CRK, BS, 12/2020

Die Zehen der Dreizehn

Straße der 13 Wünsche

Die Standuhr schlug vier Mal. Sie gongte immer vier Mal zur vollen Stunde. Auch nachts. Und es war justament mitten in der längsten Finsternis des Jahres. Doch Löckchen trieb es schlaflos zwischen all den Kartons und Taschen und sonstigen Packbehältnissen durch die Räumlichkeiten ihrer Interimsbehausung.
Es sollte nur eine Zwischenlösung sein, hatte sie damals vor allem sich selbst gegenüber postuliert. Doch nun dauerte dieser Zustand schon fast sieben Jahre an. Und es war tatsächlich an der Zeit, etwas zu verändern …

Loreena ertönte aus den Boxen ihres asbach uralten Laptops, und die LED-Kerzen hüllten diesen einen großen Raum ins Schummerlicht. Löckchens Papalageno hockte auf seiner Sitzstange in ihrem zugedeckten Vogelbauer, döste vor sich hin und raschelte ab und an mit seinen Flügeln. Eine Räucherkerze nach der anderen, erst kürzlich im Drogeriemarkt um die Ecke erstanden, beräucherten die Szenerie und niemand beschwerte sich über den intensiven Geruch.

Löckchen dachte über die Zahl Dreizehn nach. Die Zehn der Dreizehn. Die Drei der Zehn. Drei Zehen und Zehn Zähne. Oder dreizehn Wünsche von dreizehn Feen, wobei die dreizehnte hoffentlich nicht die Ungeliebte und unerwünschte im Bunde sein würde. Beziehungsweise dreizehn Dinge, die Löckchen gern für sich selbst verändern wollen würde, die sie gern endgültig loslassen und gehen lassen wollen würde.
Die Zahl dreizehn war für Löckchen eine besondere. Es war eine Primzahl, und sie liebte Primzahlen. Insgesamt nur in sich selbst und die Zahl eins teilbar, und das mochte sie sehr. Das hatte etwas von Eigenwilligkeit, fühlte sie, und das wiederum passte sehr gut zu ihr, dachte sie.
Außerdem würde sie genau den dreizehnten Wunsch, den sie in den Nächten davor – wie die anderen auch – geträumt hatte, eben nicht geschrieben auf der Häutchen einer Zwiebel ihrem Papalageno zu fressen geben, sondern ihn in der Nacht vor der Ankunft der drei heiligen Könige im Morgenland auf einer Serviette ihres Lieblingsrestaurants verewigen und als Serviettenflieger durch die Lüfte auf seine Reise schicken, bis der Regen die Tinte verwäscht und den nassen Flieger der Mutter Erde übergibt.

So jedenfalls dachte Löckchen, würde es werden, als es im Treppenhaus vor ihrer Wohnungstür laut polterte und irgendwer mindestens fünf Mal etwas gegen die Tür zur ihrer Interimsbehausung warf.
Löckchen jedenfalls wunderte sich nicht, als sie auf ihrer Fußmatte vor dem Eingangsbereich ihres Einzimmerapartments kaputte Walnussschalen vorfand und plötzlich drei nackte Geister vor ihr standen.
Papalageno kreischte aus dem Inneren ihrer Behausung herüber, dass das die Herren Morgen, Gestern und Heute seien und spie ihnen jeweils einen Anzug vor die Füße, als Löckchen sie eintreten ließ.
Heute griff nach dem farbenfrohen Arrangement und streifte es über. Wohingegen gestern sich ganz in Schwarz kleidete und Morgen das Nebengrau bevorzugte.

Als die Geister nun angezogene Herren waren, gingen sie der Reihe nach zum Fenster der kleinen Wohnung und öffneten dieses gemeinsam, sodass der Nebel der Räucherkerzen entweichen und sie so besser sehen konnten.
Sie standen barfuß im Raum, und jeder der Herren hatte 6 Zehen an dem jeweiligen linken und rechten Fuß. Die dreizehnte jedoch hielt jeder für sich in seinen Händen und schenkte diese dem Löckchen. Allerdings nicht ohne ein Wort dazu zu verlieren.

Gestern sprach mit brüchiger Stimme: „Hätte, hätte Fahrradkette. Hätte der Hund nicht geschissen, hätte er den Hasen gefangen.“
Und Löckchen dachte: „Ich lasse das Gewesene los, lasse es fortgehen und schließe meinen Frieden mit der Vergangenheit.“
Dann dröhnte Morgen zu ihr: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen.“
Und Löckchen sinnierte: „Was weiß ich schon, was morgen sein wird. Ich möchte nicht mehr drei Kilometer im Voraus sein mit meinen Siebenmeilenstiefeln.“
Und schließlich lachte Heute: „Leben jeden Tag so, als sei es dein letzter.“
Und Löckchen strahlte ihn an: „Genauso und nicht anders.“

Die drei Herren hielten ihr ihre angezogenen Rücken hin, damit sie auf ihnen ihre dreizehn Wünsche verewigen konnte, um sich dann schließlich wieder in Walnüsse zu verwandeln – in passender Anzahl zu den Wünschen .
Gefüllt mit guten Dingen bewahrte Löckchen die Schalen im Futterbeutel von Papalageno auf, um zu gegebener Zeit eine nach der anderen auszulosen und ihrem erträumten Ritual dazu zu folgen …
Und jedes an Papalageno verfütterte Zwiebelhäutchen würde einem der 12 Monate im neuen Jahr entsprechen. Doch den Inhalt der Dreizehnten, tja der …

Aber ihr wisst ja, der Wind, der Wind, das himmlische Kind hat seinen eigenen Kopf.

© CRK, G, 12/2020

Die Annalen eines Märchens

Küss meine Füße, ich bin ein verzauberter Froschkönig

Sanft umwebt mich die Melodai in Schiss-Moll mit ihrem Garn aus haarigen Angelegenheiten und bettet mich ins kalte Hotspotlicht. Dem Pappmache-Rumpelstilzchen zu Füßen. Mitten in die Arme der Märchenprinzessin hinein. Unter den Augen all dieser Tore – mit dem Blut der Lemminge in ihren Adern und keinen Deut gescheiter als ihre Predigerahnen.
Überall nehme ich die Feuchtigkeit dieser Tage wahr und sehe Nebelkerzen im Reigen der Düsternis tanzen, bevor sie vom Wind ausgelöscht werden und in die Annalen dieser Geschichte eingehen. Niemand sagt mir, was richtig und was falsch ist. Das ganz allein, ahnt nur die Holda, wenn sie am Brunnen vor dem Tore auf dem leergefegten Marktschreier-Platz steht und den Denkfaulen dieser Heerscharen aus Lämmern ihr Pech in die Augen träufelt, so dass diese nur noch Schwarz sehen mögen und das Licht am Ende des Tunnels als einen auf sie zurasenden Zug verkennen.

Ich schwitze unter der Maske, und mein Herz stolpert, als ich vor dem Tapferen Schneiderlein zum Stehen komme und bei seinem vertrumpften Riesen mit der davidschen Steinschleuder für die nötige Sauerstoffberieselung in seinem Hirn sorge.
Und ich bin versucht, mich mundzahm zu geben, damit Rapunzel, die mir wie eine Mama Morgana vor den Augen herumtanzt, an diesem mondlosen Adventsabend ihr Haar von ihrem Elfenbeinturm herablässt, um sich von mir entwünscheln zu lassen.
Doch es will mir einfach nicht gelingen. Denn es groovt mir – aus der grauen Nachbarschaft herüberschwallend – der musikalische Freiheitsslang der jungen Leute ins Ohr und lenkt mich ab, so dass ich das Mädel ausversehen als Waschweib enttarne, das lieber am Brunnen vor dem Tor dieser Kleinstadt herumlungert und jedem, der es hören will, das Ringelreihen der Versleins anderer Leute zerdichtet und ihren Lemmingen die Makula mit falschen Worten verkleistert.

Die Zerlebtheit meines Daseins macht sich in jeder Zelle meiner Existenz bemerkbar, und ich gähne beim Anblick dieser virulenten Welt mit ihren verqueren Köpfen in einem fort. Ich spüre ständig die Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen, und die Sorgenpusteln zwischen meinem schütteren und schlohweißen Haupthaaren werden immer fetter und größer.
Ich sehe, wie sie mit randvollen Einkaufswagen durch die hohlen Gassen dieser Stadt eilen und sich dabei gegenseitig anrempeln, um es sich augenscheinlich nett in ihren kleinen Welten einzurichten. Ich sehe, wie die Menschen ihre Trabanten, die allesamt in eigenen Filterblasen schweben, teilweise bis aufs Messer mit ihren allwöchentlichen Megaphonen und ihrer sekündlichen internettelnden Anonymität verteidigen, damit ihnen auch ja niemand, der eventuell eine andere Weltensicht hat, etwas anhaben kann.
Dabei stellen sie die gewesene Welt auf den Kopf. Denn Links macht plötzlich gemeinsame Sachen mit Rechts und prescht dann mit voller Kanne ab durch die Mitte dieser Schafsherde, um hinter Allem und Jedem die verschwörerischen Nebel der Lullabys zu vermuten. Und das macht mich sehr müde. Bis in die Unendlichkeit aller Tage hinein …

Doch ein Stern ist noch nicht vom Himmel gefallen. Mein Sterntaler. Mein Sternentalerkind. Das Kind meiner Kindheit. Das, was ich einmal gewesen bin und was ich wieder sein möchte, wenn die Menschen endlich damit aufhören, sich und ihre Welt gegenseitig zu entzaubern und zuzubetonieren mit ihren Standpunkten, Meinungen und Weltdraufsichten.
Und manchmal, in tiefer Nacht, schleicht sich mein Sternentalerkind in die Welt hinein und berieselt die Wege der Menschen mit dem Sternenstaub aus seiner endlos wallenden Haarmähne. Dann erblühen Eisblumen an den Fenstern der Lebenszellen meines Wirkens, und diejenigen der Menschen, die noch Samenkörner der Hoffnung in ihren Hosentaschen herumtragen, können dann die Musik der Natur hören und  mit den Tieren reden und die Welt mit Kinderaugen erfahren.

Wenn ich dann meine Lider vor dieser Welt verschließe und das Träumen anfange, erwacht das weiße Totem in mir und ruft geschwind seine Schwestern und Brüder herbei. Sie treffen sich dann auf dem Gipfel der Wetterspitze des Ahnengebirges, tanzen um mein schlafendes Antlitz aus Kindertagen.
So erwecken sie den Glauben der Menschen an mich zu neuem Leben und schenken mir damit die Kraft zum weiteren Voranschreiten in der Zeit.
Denn ich bin der Geist der Menschlichkeit, Nächstenliebe und ungezählt verschiedenen Lebenswege dieser Welt. Ich trage viele Namen und kann die Kompassnadel im Leben der Menschen sein oder gar in meinem eigenen …

Und wenn die Geschwisterbande meines weißen Totems dann nachts durch die Träume der Menschen und deren Kinder und Kindeskinder jagen, wird vielleicht alles wieder gut oder zumindest etwas besser auf dieser Welt?
Ja, ich weiß. Ich lebe ein Märchen. Aber so male ich meine Welt bunt an, und das macht es mir leichter.

© CRK, G, 12/2020

Diverse Verhexungen

13te Monat

Die Wilde Hatz der zwölf Hexenköniginnen und ihrer Heerscharen aus Schimären voller ungeheurer Untiere und Geister hatte längst begonnen, als Kein, der dreizehnte Monat im zukünftigen Jahresrad, den es hätte nie geben dürfen, eilig seine sieben Sachen zusammenraffte, um mit seinen Hörigen das Weite des Nirgendlandes aufzusuchen und sich und die Seinen in der Vergessenheit des Urvolkes zu verlieren.
Kein war der Vater lauter ungeborener Sekunden, Minuten, Stunden und Tage sowie Wochen, die allesamt – laut Kodex der herrschaftlichen Hexinnen  – nie hätten existieren dürfen, es aber auf Grund eines Irrtums von Seiten der Oberhexenkönigin trotzdem taten.
Siegrun, die Anführerin des Geheimbundes der Hexenköniginnen, hatte nämlich inmitten ihrer Zeremonie zum heiligen Julfest des Bündnisses der Zweifaltigkeit aus Phallus und Yoni die Himmelscheibe des Andros fallengelassen, und deshalb bei ihrer Berechnung des nächstfolgenden Jahresrades, die Sonne und den Mond in ihren Positionen miteinander vertauscht und somit das Chaos des dreizehnten Monats heraufbeschworen.

Kein würde bei dieser Jagt nicht viel ausrichten können. Es sei denn, ihm würde es gelingen, seinem und ihrer aller Großvater Schmodin den weißen Bart abzuringen und sich selbst anzukleben. Denn dieser besaß die Gabe, alle Wünsche, die man sich zum Julfest erträumen würde, wahr werden zu lassen.
Und Keins größter Traum ist es gewesen, eben doch noch einen willkommenen Platz im neuen Jahresrad zu bekommen und dass er all seine Zeitkinder würde gebären und großziehen können.

Es ergab ein lautes Tohuwabohu auf den Wolkenfeldern vor den Pforten des Himmels. In dieser Nacht sowie in den darauffolgenden erblickten hauptsächlich verlorene Hermas der Sekunden, Minuten, Stunden und Tage sowie Wochen das Licht der Welt zu Schmodins Füßen. Und sie alle hatten zwittrige Götzenbilder mit Phallus- sowie Yoni-Symbolen im Gepäck, um die gutgläubigen Nordmenschen damit zu bescheren.

Die Folgen waren verheerend …

In einem Dorf mit dem Namen Mondklee, in der Nähe der Schluchsee am Kap der verlorenen Seelen, wurden die Nordfrauen und Nordmänner mit einem Schlag toll und meuchelten sich gegenseitig in einem blutigen Sinnesbad ohnegleichen. Dabei verleibten sich die überlegenen Nordfrauen die Phallen der niedergestreckten Nordmänner ein, während sich die stärkeren Nordmänner der Yonis der schwächeren Nordfrauen bemächtigten.
Es kam also zu einer Patt-Situation, und niemand von den Nordmenschen an diesem abgelegenen Ort am Kap der verlorenen Seelen konnte die Oberhand für sich beanspruchen. Bis der letzte Nordmann und die letzte Nordfrau übrigblieben und langsam aus ihrem Rausch der blutigen Sinne erwachten, während alle anderen wie Puppen entseelt im Dreck lagen.

Alles war besudelt. Allmählich errötete der Horizont der Schluchsee, und ein neuer Tag kündigte sich an. Hand in Hand begrüßten ihn die letzte Nordfrau sowie der letzte Nordmann als Frann und Mau des Nordens.

Siegrun, die Oberste der insgesamt 12 Hexenköniginnen, hatte ihr Netz – während des wilden Rittes auf ihrem Hexenbesen – nach dem dreizehnten Monat, den es hätte nie geben dürfen, ausgeworfen und Kein letzten Endes mit ihrer Liebgereiztheit betört.
Nun kniete er ihr am Kap der verlorenen Seelen zu Füßen, während die übrigen elf Hexenköniginnen auf ihren fliegenden Besen einen Bannkreis um ihre Anführerin und deren Gejagten zauberten. Die gesamte wilde Hatz türmte sich nun über ihnen in Form eines Tornados auf und verweilte an Ort und Stelle.

Siegrun zerbrach mit Macht die Himmelsscheibe von Andros über Keins geneigtem Haupt und verwandelte ihn somit zu einem Findling. Danach setzte sie auf der glatten Oberfläche des Felsbrockens die Himmelsscheibe wieder zusammen, und es entstand das Mosaik eines neuen Weltbildes.
Der erste Frann und die erste Mau allerdings wanderten aus, gründeten an den Ufern des Feuerflusses ein neues Geschlecht und gebaren einander ungezählte Nachfahren. Sie wurden begabte Flusspferdreiter und pflegten einen regen Austausch mit Mutter Natur …

© CRK, G, 11/2020

Wunsch-Sein

Zwillingsstamm

oder für dich

Meine Zeit flieht dahin,
während die Stadtpflanze in dir
(un)geduldig voran lebt,
bis sie –trotz ihrer vielen Narben im Gemüt der Krone  –
ein stattlicher Baum auf zwei Stämmen
eines Standpunktes geworden ist
und jeden bedächtig Eiligen dazu einlädt,
die Geschwister nicht einmal in ihrer halber Gänze
zu umarmen und sich an ihnen zu laben.

Ich möchte ein Hexer sein,
um dein Leid hinfort zu zaubern,
damit wir wieder zusammen schweigen
und uns die Augenblicke teilen können,
in denen wir miteinander sind –
ohne viele Ja-Abers als Schild und Harnisch.
Ohne was wäre, wenn …
Ohne das Gestern zu verdammen
und in die Zukunft zu schauen.

Ich bin der, der an dich denkt –
immer wieder aufs Neue.
Ich will deine Kraft sein –
im Mut derer,
die verzagen

Mit Schmögen
Charleston

© CRK, G, 11/2020

Hilfe! Wenn sie losgelassen …

Schlambello leckte sich seine spröden Lippen. Niemand hatte ihm mitgeteilt, dass er etwas gegen den Rattenschwanz in seinem Kopf tun sollte. Denn dieser roch und schmeckte nach Eisen und lockte die Blutdörsten aus den Verstecken seiner hinterwinkligen Gedankengänge, so dass sie derartig entfesselt ihr Unwesen in den wilden Landen seiner Abgründe treiben konnten.
Noch nicht einmal Schlambello selbst interessierte sich für seine eigenen blutroten Gedankenperlen. Denn auch er gierte, so wie alle anderen Delinquenten, die von den Blutdörsten angeschmiert worden waren, nach den ungezählten Großstadtyachten inmitten der Betonwüsten dieser Welt.
Schon von weiten erspähte Schlambello ihre blütenweißen Segel, die wie die Unschuldswesten der Blutdörsten wirkten und ersehnte sich eins dieser schweren Leinentuche, um sich selbst damit zu demaskieren.
Denn seine ihm anvertraute Blindschleiche, die er sich einzuverleiben suchte, würde ausflippen, wenn er ihr mit dem Brausepulver der mannigfaltigen Wahrheiten die Spitze ihrer gespaltenen Zunge würzen würde, damit sie aus seiner Sammlung an Weltsichten und Wetterfahnen rezitieren und predigen konnte.
So allerdings blieb es bei einer halbherzigen Ermahnung von den Pol-Enden-Affen, die allesamt der Einheit wegen ein C am Revers trugen.
„Säggsisch geht jedenfalls anders!“, skandierte dagegen der Kreis und reckte seine runden Feuermale gen Himmel.

© CRK, Le, 11/2020

Reizworte:

  • Segelyacht
  • blutrot
  • Perlen
  • Leinen
  • Betonwüste
  • ausgeflippt
  • Brausepulver
  • Sammlung

Engel

Wo anfangen und aufhören?

Reise, reise, immer weiter,
kommt das Ringlein prompt
zum verlorenen Schrund
im Land des Nirgendwo

Bis ich die losen Enden
meines Knäuels aus Fäden
in den Händen halte und
das Blut mir zwischen den Fingern
und Schenkeln von hinnen rinnt
und nach dunnen gelangt,
um den Weg zu erfragen …

Wohin mein Herz?
Was zuerst mein Kognito?

Was muss mit?
Was darf bleiben?

Ich packe meine Koffer und
greife in Furcht nach dir
Du breitest deinen Schutz
über mich aus und nimmst
meine Hand in deine

Zusammen gehen wir
ein Stück der Scheide
meines Weges

© CRK, Le, 11/2020

Glückspilz

Glückspilz - Nomestino

Nomestino war nicht schlau.
Die Nebelschleuder schnurgewunden
gar das Hindernis in seinem Rücken,
bedrängte ihn und ließ ihn wandern –
von der einen Hand zur andren,
von jenem Ort zum Forthin dorten.
Alle sahen dies Problem,
ihm selbst jedoch schwamm
ein Schwarm aus Fischen durch den Kopf,
so dass er sie gedanklich gar nicht fangeln konnte.
Alldieweil die Sorgenbande ihm wie Ziegenbärte
aus dem Schädel wuchsen und Glückspilze
derer Pusteln gleich in seinem Antlitz sprossen.
Verpfropft war also Nomestinos Turm der Kühle
mit seiner Selbst an Reaktionen und
dem Unvermögen seines Nichttuns

© CRK, Le, 10/2020

Liebe dich selbst, so wie deinen Nächsten

„Sie liebt mich, sie liebt mich nicht.
Sie mag mich sehr, sie mag mich nicht.
Sie hat mich gern, sie kann mich gern mal haben“,

dachte Bommel, als er dem Gänseblümchen
die Blütenblätter einzeln ausriss
und sich mit jedem Male
immer noch ein bisschen mehr
dramatischer fühlte als vorher
und sich dabei auch ausmalte,
wie sie den Mann, der neben ihm stand –
und ein Teil seiner selbst hätte sein können –
an seiner statt in den Himmel hob,
weil dieser in ihrer Vorstellung
eine große Männlichkeit besaß
und sie ganz nebenbei auch charmant
um den kleinen Finger wickeln konnte,

wohingegen ihn selbst die gelbe Sucht zernagte.

Er war nicht der Mann ihrer Träume,
ihm hing kein Schwanz zwischen den Beinen.
Er war oft nahe am Wasser gebaut,
schrieb leidenschaftliche Texte an die Wände seines Seins
und malte anderen die Welt seiner Phantasie auf ihre Seele.

Er würde sich nie selbst genügen und somit auch ihr nicht,
das war auch gar nicht ihr Ansinnen und dennoch
seine große Sehnsucht, bevor er sie in seinen Träumen
an die Hand nahm und sich selbst dabei umarmte.

© CRK, LE, 10/2020

Statement

Enjoy your Home - aus der Reihe der Selfies - Spaßselfie - Ein Statement zu Corona. Stay at Home.

Mr Böhnchen liebte seine Tönchen, wenn er pfiff auf das Gehabe der Alphas seiner Nachbarn. Er mochte es, sich dabei dezent für den Krieg zu bemalen und seine gepflegten Gesichtsstoppeln zur Schau zu tragen.
Gewandet in die Batikhosen seines Zimmermannsdaseins grüßte er jeden Morgen mit seinem bunten Filzzylinder den Catwalk seiner Glitzerwelt. Als Frann und Mauzi in einem. Als eben Mr Böhnchen. Als Einfach-nur-Ich. Ohne Bra im Wonder. Aber mit herzlichem Verstand und logischem Herzen.
So betete er sie an, die holde Weiblichkeit, die er ein- und ausatmet, wie das pure Leben. In dieser Art mochte er die Frauen seiner Welt. So würde er sich selbst lieben und seine Emotionen leben, wie sie sind.
Mr Böhnchen wusste, dass die Alphas seiner Nachbarn auch nur mit Wasser kochten. Er ahnte, dass auch sie sich mal weich und bedürftig fühlten. Nur gestanden sie es sich leider nicht einfach so ein.?
Deshalb trauerte er um sie. Immer wieder. Immer dann, wenn er von ihnen hinter vorgehaltener Hand oder manchmal auch auf offener Straße als Weichei beschimpft wurde.
Niemand würde ihm das nehmen. Noch nicht einmal die gesellschaftliche Gewalt.

© CRK, Le, 10/2020

Inspirierender Artikel:

Die Schlacht um das Buffet des Lebens

Tortenschlacht

Lotte Stotterer verließ den Laden durch die Hintertür.
Sie hatte dort vorher – nach den Anstürmen aus Angst – die leergefegten Regale auf- und ein- sowie umgeräumt. Damit die Optik dem aufmerksamen Betrachter nicht sofort ins Auge sprang. Und sie war dort vorher auch dafür zuständig, das ereiferte Gekeife aus nun leblosen Buchstabensuppen aufzukehren und wegzuwischen.

Mit der Zeit allerdings war Lotte Stotterer eine der Kriegerinnen der Tortenschlachten aus gebackenem Klopapier geworden, das sie regelmäßig aus den Laboren der Fünfsterneköche ihres Großonkels mitgehen ließ.
Nicht um sich daran in irgendeiner Art selbst gütlich zu tun, sondern um damit diejenigen zu beglücken, deren Angst die Seelen derer auffraßen, die dann zu Furien wurden, wenn es um Regale voller Konserven und Konsorten ging.
Lotte kreierte daraus tagtäglich ihre wohlschmeckenden Grüße, die sie anderen ins Antlitz schleuderte, wenn diese ihr Leben horteten und es nicht schafften, sich zu zeigen. Denn die drohende Gesichtslosigkeit war ihr zuwider.

Nur der wortgewandten Sprache war Lotte nicht mächtig. Denn sie war dem Clan der Stotterer entsprungen, die ihren Namen nur stockend haspeln konnten.
Das allerdings tat ihren Tortenschlachten aus gebackenem Toilettenpapier gar keinen Abbruch, auch wenn man sie dafür nicht liebte.

Lotte Stotterer war eine Kriegerin ihrer Zeit. Sie träumte keine Heldenträume. Dafür lebte sie ihr Leben und zeigte auch Gesicht, obwohl sie tagtäglich freiwillig eine Alltagsmaske trug.

© CRK, Le, 10/2020

Eile mit Weile

Molere

Gisella hatte es eilig. Ihr Hals war schon sehr gestreckt, weil ihr Kopf andauernd in der Zukunft verweilte. Mit ihren vier langen Beinen, die mit Overknees bekleidet waren, schritt sie über die Moosebene und hatte dabei ihre Hörner gesenkt, um sie wie einen Schild gegen ihr eigenes Herzinferno zu führen. Sie wollte gegen ihren Windmühlenkampf ziehen, der sich immer wieder mit ihrer Weiblichkeit plakativ zierte.
Sie glaubte, dass ihr niemand zuhören würde, wenn sie diese Halskrause nicht bald in den Fahrstuhlschacht ihres Windmühlenzuhauses werfen und dort verrotten lassen würde.

Gisella hatte null Bock auf die Quelle der Zeit, die schon vor lauter glutroter Mandelmilch überquoll. Aber sie kam nicht umhin, dort in ihrer Eile zu verharren. Denn Molere, der Herrscher über ihren Kampf gegen die Windmühlen ihrer Selbst, war noch nicht erwacht. Ihm wuchs ein Ziegenbart im Gesicht und statt einem Haarschopf trug er Amethyst-Kristalle auf seinem Haupt. Und sein kakteenartig bewehrter Körper ruhte auf dem Findling neben der Quelle, die wie der Süße Brei kein Ende finden wollte.

Molere kannte Gisella gut und verstand sie leidenschaftlich zu führen, wenn sie nicht gerade bockig gegen die Wände und Türen anderer Leute Häuser rannte, weil sie gemocht und geliebt werden wollte.
Er träumte vom Baumgeist seiner tiefsinnigen Trauerweide und ließ die Quelle der Zeit noch eine Weile vor sich hin blubbern, bis er die Augen aufschlug, um Gisella zu besänftigen. Er hatte es damit nicht eilig, obwohl sich die Arbeit schon mächtig gegen die Holztür seiner Mühle lehnte.

© CRK, Le, 10/2020

Video auf Youtube:

Molere bewegt
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Molere

Molere

 

 

 

 

 

Reizworte:

  • Inferno
  • Schild
  • tiefsinnig
  • Fahrstuhlschacht
  • blubbern
  • glutrot
  • leidenschaftlich
  • Mandelmilch

Baumgeister

„Ich wünschte, ich säße jetzt neben ihr unter der Trauerweide, würde ihr einen Tee aus der Thermoskanne einschenken und könnte mit ihr gemeinsam schweigen“, murmelte Malte in den Schal hinein, den er sich ins Gesicht gezogen hatte.
Er saß in einem Taxi gen Waldau und dachte darüber nach, wie er nachts in seinen Träumen sein Gehirn umgekrempelt hatte, um dessen Erinnerungen aus den deckenhohen Regalwänden seiner Gedächtnissäle zu holen, zu entstauben und aus- sowie umzusortieren und teilweise auch neuzuschreiben.

Draußen herrschte eine graue Einheitssuppe und der Nebel ließ sich nicht vertreiben. Doch niemand würde heute mit dem Gebläse loslaufen, um die Laubleichen des Vorjahres fort zu blasen. Denn es war der Tag der verlorenen Seelen.

Malte schloss die Augen. Ihm war wehmütig zumute. Und er fragte sich, was er in Waldau wollen wollte, ob er dort etwas suchen würde oder ob dort jemand auf ihn warten würde. Er wusste es nicht mehr. Dennoch fuhr der Taxifahrer weiter in diese Richtung und durchschnitt die Nebellandschaften – wie das Messer die weiche Butter.
Als sie nach Stunden der Fahrt endlich dort angekommen waren, wo Waldau nach den Schilderungen von Malte so ungefähr hätte liegen sollen, erwachte er aus seinem Dämmerschlaf. Das Taxi hatte inzwischen angehalten und stand auf einem schmalen Feldweg. Dieser machte vor einer Weide mit dem zu Boden hängendem Blätterschleier eine Biegung und verlor sich dann ganz allmählich im Gras.

Als Malte das Taxi verließ, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Der Blättervorhang der Weide öffnete sich und unterhalb des Blätterdachs der Baumkrone stand ein Tischchen mit zwei Klapphockern. Niemand war zu sehen. Ein Stövchen befand sich auf dem kleinen Tisch und darauf stand eine Teekanne, aus der es dampfte. Irgendwer hatte zwei Teeschalen dazugestellt.
Als sich Malte erschöpft auf einen der beiden Hocker setzte, ging ein Raunen durch die Äste des Baumes. Noch immer war niemand weiter zu sehen. Malte schenkte sich etwas von dem Tee ein, umfasste mit klammen Händen die Teeschale, hob sie sich vor das Gesicht und nippte von dem dampfenden Gebräu.

Mit gesenkten Lidern dachte er: „Das ist der Nebel der Landschaft, durch die ich heute gefahren bin. Und dort in der linken Hälfte der Teeschale liegt das vergessene Waldau und rechts davon verläuft die lange, lange Straße. Doch wo ist sie, mit der ich so gern geschwiegen hätte?“ …
Die Trauerweide atmete und summte das Lied der Bäume. Ein Flirren verdichtete über dem zweiten Klapphocker auf der anderen Seite des Tischchens die Luft. Und obwohl die Sitzfläche leer blieb, hatte Malte das Gefühl nicht allein zu sein, und er lächelte.

Er nippte immer wieder an seinem Tee, lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm der Weide und dämmerte ganz allmählich fort. Währenddessen flossen seine Gedanken in zarten Tautropfenketten hin zu den Wurzeln des Baumes und verwoben ihn peu à peu mit Seidenfäden, die ihn an den Stamm der Trauerweide banden.
Als Malte schließlich wiedererwachte, hatte ihn der Geist, der in dem Baum lebte, mit seinen Trieben und Wurzeln und Blättern infiltriert und zu einem Teil von sich selbst gemacht.

Malte, der nun nicht mehr Malte gewesen war, sondern ein Teil der Trauerweide, wollte schreien, doch es erklang nur das Lied der Bäume, und er spürte, wie sich jemand anderes an seinen Stamm anlehnte, etwas von dem Tee aus der dampfenden Kanne in das eine Schälchen goss, um daran zu nippen und mit ihm zusammen zu schweigen …

© CRK, Le, 10/2020

Falls wir ins Gras beißen

Zahn der Zeit

Bommel saß im Zug nach Irgendwo.
Die Landschaften rauschten in Schlieren an ihm vorüber, und Niemand flüsterte ihm zu, dass schon alles gut werden würde, weil eben niemand neben ihm saß und das Nichts dieses Niemand ihn berührte, so als ob ein Jemand ihn an der Nase kitzeln würde und ihm die Zähne der Zeit sanieren oder gar ziehen würde.
War denn dieser Jemand oder Niemand oder Jiemand die Zahnfee aus seinen Kindertagen, die ihn damals des Nächtens heimgesucht hatte, um ihm das Ringelpietz-mit-Anfassen-Spiel beizubringen?
Oder war es die Zahnfee seines Zwillingsherzens, die ihm die Zähne seines verlorenen Geschwisterchens nahelegte, damit er sich nicht mehr so allein fühlte, wenn niemand neben ihm saß und er nur mit sich selbst durch die Lande fuhr und ihn die Sehnsucht nach etwas, was er nie gefunden geschweige denn besessen hatte, weil es nichts zu finden oder gar zu besitzen gab, in die Unendlichkeit hinein antrieb?

Bommel wusste es nicht, als er sich seinen rasierten Schädel kratzte und sein Drachenshirt in den Hosenbund steckte.
Er wusste es auch nicht, als ihn der Walrossschnauzbart von Schaffner nach seiner Fahrtkarte ins Nirgendwo fragte und erzürnt darüber war, dass auf Bommels Ticket nicht Nirgendwo sondern Irgendwo geschrieben stand.
Denn für den Schaffner war das ein himmelweitgroßer Unterschied.
So musste er nun den Lokführer dazu anhalten, bei den Polarlichtern vorbeizufahren, damit er die Nornen-Muhme befragen konnte, wie man nun ins Land des Irgendwos gelangen könne, damit sich Bommel nicht letzten Endes bei des Walrossschnauzbartes Gilde darüber beschweren könne, dass der Schnauzbart des Walrosses ortsunkundig gewesen sei …
Schließlich hätte er das nicht auf sich sitzen lassen können als ein mit den Orden seiner Sippschaft behängter Schaffner der königlichen Zugführergilde und deren Beförderungsmittel.

Bommel war noch immer rat- und rastlos, und sein Zug fuhr weiter durch die Lande, ohne je im Irgendwo anzukommen. Inzwischen saß sogar ein Jemand neben ihm, und es war tatsächlich die Zahnfee aus seinen Kindertagen.
Sie hatte ihm all seine vergangenen Milchzähne fein säuberlich in Reih und Glied auf das Klapptischchen seines Abteils gelegt und war gerade dabei, ihm die inzwischen alten Zähne der Zeit zu ziehen und ebenso in einer Reihe über den Milchzähnen auf die Tischplatte zu legen.

Blut rann Bommel über die Mundwinkel und rinnsalte ihm über das Kinn hinab, bis es schließlich auf sein Drachenshirt tropfte. Der Engel, der den Drachen in diesem Motiv ritt, jaulte los und setzte sich die Hörner des Ungetüms auf sein Haupt. Der Drache allerdings begann zu zischen und dampfte aus seinem Maul. Dann flog er mit dem Reiter auf seinem Rücken los, um Bommels Zähne mit seiner gespaltenen Zunge einzusammeln und zu verspeisen.

Bommel war ganz von Sinnen, und sein Zug nach Irgendwo fuhr justament eine Achterbahnstrecke entlang. Die Loopings brachten ihn fast um den Verstand, als sich der Walrossschnauzbart über ihn und der Zahnfee übergab und buttrig verkündete, dass sie den Zielbahnhof im Irgendwo vermutlich bald erreichen würden.
Da schloss Bommel seine Augen, zog die Notbremse, die über seinem Abteilfenster hing, durch das er hinaus in die Welt blicken konnte. Dann zertrümmerte er mit seiner Faust das Glas und klaubte sich ein Stück der Grasnarbe auf, die den Bahndamm säumte, um sich dieses in den blutigen Mund zu stopfen.
Er starb dabei keinen Heldentod, aber ihm wuchsen währenddessen neue Zähne.

© CRK, Le, 2020

Im Hollerbusch-husch-husch

O.T.

Schummlich war etwas seltsam zumute, als er sah, wie die Geierwally mit ihrem Schnabel auf die Winde von Nordholm, seinem besten Freund, einhakte, ihn mit ihren spitzen Krallen an den Haaren zog und sein Ohrenschmalz mit dem Met aus ihrem Füllhorn hervorspülte.
Ihre Basen tanzten wie wild um sie herum und ritten auf den Winden von Nordholm, so dass er schon ganz ausgezehrt war. Er sah sehr blass aus und Schummlich schnurrte ihm um seine dünnen Beine. Doch selbst sein Barthaar, das eines Säbelzahnstubentigers, drangsalierte Nordholm sehr. Vor allem seine Haut. Es war klingenscharf und ritzte Streifenmuster in Nordholms Beine, so dass er aussah, als sei er bei warmem Sommerwetter nackt durchs Brombeergestrüpp hinter dem Haus seiner Großmutter gelaufen.

Die Geierwally hatte den Pfau ihrer Art mit Leib und Seele verspeist und schmückte sich nun mit seinen Federn. Auch hatte sie sich den Schuppenpanzer eines Hausdrachens zu- und angelegt, damit sie in den Krieg ihrer Ahnen ziehen und das Holz unter ihren Füßen zu Stein werden lassen konnte.
Nichts und niemand würde sie daran hindern, mit ihren Blicken die Zeit zu durchbohren und nun deren Gaul richtig herum aufzuzäumen. Nichts und Niemand. Nur die Zeit selbst würde rebellieren, denn sie ließ sich einfach nicht zurückdrehen.

Schummlich mochte die Geierwally. Denn sie war in seinen Augen sein anderes ich, wenn er mal wieder zwischen Gut und Böse oder Licht und Schatten entscheiden musste und darin gefangen war. Dann trat seine Geierwally für ihn ein und starb den Heldinnentod.

Und Nordholm? Tja, der hockte still auf seiner Insel inmitten des Nordmeeres und konnte nichts dagegen tun, dass niemand auf seine Flaschenpost regierte, weil Papo, das Riesenkraken-Unwesen, diese verschlungen hatte, damit es Nordholms Insel umstülpen und von unten nach oben umkrempeln konnte.
Nordholm trieb im Nordmeer und hielt sich an Schummlich, dem Säbelzahnstubentiger, fest. Dabei zerschnitt er sich seine Hände, bis sich die Geierwally endlich ihrer erbarmte und beide aus dem halbvollen Wasserglas ihrer aller selbst zog und mittels Sturmböen trocken blies.

© CRK, Le, 10/2020

Tschill mal!

Tschill mal!

Der General dampfte rosafarbene Hochdruckdampfwolken aus seinen Ohren und pfiff die Melodie seines Herzens laut vor sich hin. Außerdem sauste ihm sein Frack um die Ohren und niemand konnte ihm dabei helfen, sich zu beruhigen.
Sein Vogel flatterte aufgeregt herum, mal rin in die Kartoffeln seines Vogelbauers und mal raus aus den Kartoffeln. So dass der General davon schon ganz meschugge wurde und sich mit seiner spitzen Zunge, die immer länger wurde vom Durst nach der Normation seines Lebens, gierig das Salz seiner Umstände von den Lippen leckte.
Das waren alles keine Kinkerlitzchen, die er da zu bewältigen hatte, und er war dabei immer bemüht die Einflugschneise seiner Landebahn nicht allzu sehr plattzuwalzen, damit dort danach auch noch das Getier seiner Umgebung leben konnte.

Der General hatte sich eine Clownsnase ins Gesicht gemalt und sah in seinem Blickfeld nur noch den rosigen Kohl aus seinem verwilderten Garten Eden, der nur über das Schneckentreppenhaus zu seiner Kemenate erreichbar gewesen war. Er trug sogar einen Spitzkohl als Hut, der auch gleichzeitig als Vogelbauer fungierte.
Wenn sich hier jemand in Pietät üben würde, dann waren es die Brokkoli-Röschen, die allesamt eine Schleife um den Leib trugen und das subtile Nervenfutter für seinen Vogel darstellten.

Händeringend betete der General seinen inneren Haussegen an, der schief hing und nichts dafür konnte, dass sein General sich immer wieder wie ein Hochdruckdampfkessel fühlte, obwohl er eigentlich dringlichst abchillen wollte und den lieben Gott einen lieben Mann sein lassen wollte.
Im Prinzip hatte er gar keine Ahnung davon, was er gerade zuerst fühlte.

Er war ein Traumwandler, der grobschlächtig mit sich selbst und seinem Umfeld umging, anstatt beschwingt den Strauß Blumen anzunehmen, den ihn sein Leben gerade freundlich entgegenhielt.
Er konnte es niemandem recht machen, und er selbst hakte am meisten auf seiner eigenen Person herum, wie der ausgehungerte Geier in der durstigen Wüste, der nur darauf wartete, dass sein Opfer eine Schwäche zeigte.

Der General unterhielt sich angeregt mit sich selbst und spielte das Murmelspiel mit dem Konglomerat seiner Emotionen, bevor er seinen Spitzkohlhut in sich hineinstopfte und sich den rosigen Kohl aus den Augen klaubte und angereichert mit Chlorophyll in den nächsten Morgen hinausschwankte. Er war grün hinter den Ohren.

© CRK, Le, 10/2020

Reizworte:

  • Fracksausen
  • Kinkerlitzchen
  • Anreichern
  • Ergötzen
  • Leutselig
  • Grobschlächtig
  • Beschwingt
  • händeringend

 

  • Einflugschneise
  • Pietät
  • Subtil
  • Konglomerat
  • Strauß
  • Anregend
  • Treppenhaus
  • General

Eintopf

der eine Topf ist kein Topf,
in dem ich Altgesottenes
verwurste und danach
dürste, es auszulöffeln

Nein!

Dieser Top ist ein Topf,
der ein Loch hat
und keinen Deckel,
dafür aber reichlich
meinen Eintopf
verkleckert und die
Beete in meinem
Garten be(k)eckert

© CRK, Le, 10/2020

Mordula

ist grün vor Wollen, Müssen,
tollem Schmollen und
rollenden Lasten,
drückt mit ihren Händen
gegen mein Sein,
dehnt die Wände und
wendet mein Blatt
hin zum Gummi
und Gewese aus stolpernden
Steinen meines Herzensleids

So ringen meine Hände
auf der einen Seite
mit den Ihren
auf der anderen,
bis mir schwindelt
und ich geschlagen heraustrete
aus dem Wellen, etwas
zu kitten, was nie
kaputtbar schien,

weil wer kämpft schon
ungeschoren gegen
sich selbst

Jetzt humpel ich erschöpft
durch den frühen Morgen
und warte auf bessere Zeiten

© CRK, Le, 10/2020

Verlorene Mehrlinge

Glommbatsch war ein kleiner Riese mit seinen gerade mal zweihundertundsiebzig Zentimetern Wuchshöhe. Dafür aß er allzu oft für zwei und manchmal aber auch für drei oder selten gar für vier seiner Sorte und genauso viel fühlte er dann auch.
Er hatte ein großes Herz und auch eine sehr große Sucht nach dem Sehnen.
Und oft ahnte er in diesen Fällen nicht, wonach er eigentlich begehrte und was ihn ruhelos werden ließ, wenn ihm der Rest Bohnensuppe vom Vortag in den Himmel schoss und dessen Ranken sein Kartenhaus aus Gedanken umsprossen und ihm seinen altbekannten Seelenschmerz bereiteten.

Oft ersann er sich dann eine große Riesin, der er seine allergeheimsten Geheimnisse anvertrauen konnte, bei der er sich geborgen vor der Welt fühlen durfte und die ihn tröstete, wenn ihn irgendwer mal wieder ärgern tat.
Glommbatsch hatte ihr sogar einen Namen gegeben. In seiner Welt hieß sie Zyklara und hatte manchmal eine und ab und an auch zwei alte und ältere Schwesterriesinnen, die er allesamt ebenso Zyklara geheißen hatten und die er hoch verehrte und genauso wie die erste Zyklara auf einen Granitsockel stellte, den er als Ehrerbietung für sie alle aus dem Seelenfelsen seines Eilandes gemeißelt hatte.
Doch Zyklara und ihre Schwesterriesinnen waren nicht real. Sie existierten nur in Glommbatsch seiner phantastischen Welt und niemand außer er selbst konnte sie sehen und hören.

Eines Tages allerdings landete während eines Altweibersturmes eine Arche auf seinem Felseneiland Not und der Giraffenkapitän läutete mit seinen Hörnern die Schiffsglocke, damit die Leere der Arche der Lehre um Glommbatsch Platz machen konnte, um ihn und seine unsichtbaren Riesenfreundinnen in ihrem Inneren aufzunehmen. Denn der ambivalente Sturm drohte die Felseninsel umzustülpen und ins Chaos zu stürzen.

Nur die Eisprinzessin des nahen Nordmeeres wusste um das Geheimnis von Glommbatsch und seinen Riesenschwestern. Also, dass sie allesamt einem Felsenwurf entsprungen waren, dabei aber nur der kleine Riese Glommbatsch überlebt hatte, weil seine Säuferriesenmutter, sich währenddessen in ihm selbst reinkarniert hatte und er diese wiederum, frühzeitig als tote Maus aus sich selbst heraus geboren hatte. Deshalb hatte die Eisprinzessin dem Riesen auch ihre Arche mittels ihres Boten geschickt.
Glommbatsch ahnte davon nichts, als er diese betrat und sich überhaupt nicht wunderte, dass sie aufgrund seines Gewichtes und der Last seiner unsichtbaren Riesenfreundin und deren Riesenschwestern nicht in den Fluten des Sturmes untergehen wollte.

Der Giraffenkapitän grinste ihn an und lallte seinen Willkommensgruß, als er erneut mit seinen Hörnern die Schiffsglocke schlug und dem Glommbatsch kräftig aus seiner Buttel voll Schiffsgrog einschenkte, so dass der Riese nur allzu bald mit dem Kapitän der namenlosen Arche um die Wette lallte, bis ihm speiübel und schwindelig wurde und er seine riesigen und ungeborenen Zyklaras über der Bordwand ins Meer erbrach.
Dort begannen diese ihrem Instinkt zu folgen und im stürmischen Mehrsein des Riesen Glommbatsch zu baden, bis er ihnen bedürftig hinterdrein blickte und ihnen mittels Kopfsprungs in das kalte Nass folgte.

Die Magie dieses Augenblickes verzauberte den Giraffenkapitän und seine Arche in eine gepunktete Grinsekatze, die kopflos über den Wellen des Altweibersturmes schwebte und in einem fort Staubwolken von Sternenglitzer nieste.
Dieser Glitzer wurde von den Winden hin- und hergetragen und über die Riesenschwesternfreundinnen gezuckert, so dass sich ihr Geistdasein langsam in greifbarer Körperlichkeit manifestierte.

Glommbatsch staunte nicht schlecht, als er plötzlich kein zurückgelassener Mehrling im Mehrseins-Meer gewesen war, sondern ihm mit einem Male seine Schwestern freundlich auf die Schultern klopften und ihm zu ihnen selbst gratulierten, während sie mit ihren Händen gegen die Glocken Im Kirchturm seines Eilandes schlugen und ein Geläut der Schwengel verursachten.

Heinrich rieb sich übermüdet die Augen. Er wunderte sich, als er langsam erwachte, dass er der Länge nach in sein Hochbett lag und dort auch hineinpasste, ohne dass dabei irgendwas zu Bruch gegangen war.
Er entfitzte seine Beine aus dem Bezug seiner Bettdecke und realisierte dabei, dass er gar nicht Glommbatsch der Riese war, sondern einfach nur er selbst, der gute Heinrich, der einen merkwürdigen Traum gehabt hatte und dessen Bett so bald nicht brechen würde, dafür aber die Bande seines Herzens …

© CRK, Le, 09/2020

 

Reizworte:

– Ambivalent

– bedürftig

– Eisprinzessin

– Instinkt

– Katze

– Magie

– Staubwolke

– Sucht

 

Hintergrundrauschen

Hintergrundrauschen

Mein Leben rast an mir vorbei. Im Affenzahn der chronischen Energie meiner Duracell-Häschen-Batterien. Und dabei bin ich so müde, dass ich im Stehen einschlafen könnte. Aber ich sitze ja und lasse den erwachten Altweibersommermorgen an mir vorüberrauschen.
Ich hocke auf meinen vier Buchstaben und atme meine Emotionen der Erinnerungen aus und wieder ein. Meine Welt ist der Sitzplatz im ICE, auf dem ich schon seit Stunden verweile und darauf warte, endlich irgendwo anzukommen.
Wie gut, dass mein Gesicht maskiert ist, sonst würde vermutlich jeder, der im rasanten Tempo an mir vorbeisaust, mich danach fragen, wie es mir augenblicklich geht, wie es mir gehen würde, wenn dieses oder jenes so nicht geschehen wäre, … oder eben auch nicht?
Und das könnte ich derzeit nicht ertragen, auch wenn ich dieser Tage der uralte Weltempfänger meiner Selbst bin, der nur noch Rausch- und Knattergeräusche von sich gibt und auf der Biedermeierkommode im Flur meiner Eltern steht, um das Kind in mir durch die angelehnte Kinderzimmertür im Dunkeln mit seinen müden Geräuschen zu trösten, auf dass es eben nicht alleine sei und beruhigt einschlafen könne.
Meine Welt ist mein Sitzplatz im ICE, der in den wilden Süden meiner Vergangenheit rast. Und mich umgeben maskierte Gesichter, die allesamt wie Pinguine aussehen, die energisch ihre Plappermäuler ein- und wieder ausatmen. Lauter Schnäbel, die nicht unbedingt so grün aussehen müssen, wie mein eigener.
Warum nur fühle ich immer wieder die Melancholie der alten Weiber-Sommertage über mich schwappen? Ich möchte lachen, aber es bleibt mir verquer im Halse stecken und die rote Clownsnase habe ich irgendwo zu Hause verlegt?
Ich bin nicht lustig unterwegs und möchte im morgendlichen Dunst dahindämmern, bis mich ihr Lachen aus meinem Dämmerschlaf erweckt.

© CRK, Le, 09/2020

Ilse Bilse, keiner willse

„Ich sitze im Zug“, sagte Ilse und wackelte mit ihrer Hakennase über dem Hosentaschencomputer, während eine Stimme ihr aus dessen Lautsprecher entgegenblökte. „Ich sitze im Zug und bin nicht am Zug“, fuhr sie fort. „Oder vielleicht doch?“, überlegte sie.
Die Stimme aus der Sprechtüte des Computers im Hosentaschenformat hörte ihr überhaupt nicht zu, sondern blökte noch immer, wie der Bock in der Herde, der von dem Weidezaun umzäunt war, aber gern das Gatter dazu mit seinen Hörnern aufstoßen hätte.
Ilse wackelte erneut mit ihrer langen Nase über dem Bildschirm ihres Computers, der bequem in die Hosentasche passte, während ihre dürren Finger wie die Spinnenbeine eines Weberknechtes das Gerät umfangen hielten.

Sie stellte sich gerade vor, dass ihr über den Lautsprecher eine Trilliarden Ohren zuhörten und ihre Worte für bahre Münze nehmen würden. Diese Ohren bildeten in ihren Gedanken viele Haufen von Ohrensternen, Ohrensternensysteme und ganzen Ohrengalaxien sowie Ohrengalaxienhaufen, Ohrennebel und, und, und …
Und sie saß mitten drin in dieser Phantasie und war die auseinandertreibende Kraft ihrer ihr zuhörenden Ohren, bis diese Kraft nicht mehr in die entferntesten Winkel ihres Ohrenuniversums reichte und alles rasant von außen nach innen zu implodieren begann und in den Sog der Welt eines einzigen Sandkorns hineingesaugt wurde, um schließlich erneut die Grenzen des Sandkorns im Getriebe dieser Welt zu sprengen.
Ilse war wie paralysiert von diesen Gedankengängen und bildete sich ein, dass sie schon am Zug sei, aber die Gegebenheiten so schnell an ihr vorbeirasten, weil sie gerade im ICE nach Hintertupfingen unterwegs gewesen war, dass sie gar nicht wusste, wohin sie zuerst zupacken sollte.

Der Schafbock blökte noch immer aus dem Lautsprecher ihres Minicomputers und begann mit seinen stimmlichen Hörnern immer stärker gegen dessen Gehäuse zu stoßen, so dass das Gerät immer stärker zu zappeln begann und sich in alle Richtungen ausbeulte. Es hatte schon die Größe einer moderneren Dame-von-Welt-Handtasche angenommen, als Ilse mit ihrer Hakennase darauf stieß, erschrocken aus ihrer Gedankentrance erwachte und wie ein Kind, das etwas Verrücktes getan hatte, hinter der vorgehaltenen Hand ihrer weltbesten Freundin zu kicherte.

Dann nahm sie ihre Beine in die Hand und hetzte, als der Zug endlich an ihrem Zielort in seinen Bahnhof eingefahren war, auf und davon. Sie rannte, als ob der Teufel hinter ihr her gewesen wäre, über das lebensgroße Schachbrett ihres Traumes auf und davon, bog an der Seuf(z)erbrücke nach Links ab und traf sich selbst in der hohlen Gasse an, die hin zu ihrer Herzgrube führte.
Dort kam sie schließlich ihrem Devil-in-me gegenüber zum Stehen und wunderte sich nicht darüber, dass dieser ihr seine spitze Zunge entgegenstreckte und darauf ihren Hosentaschencomputer balancierte, der inzwischen auf die Größe eines alten Schrankradios angeschwollen war.

Niemand außer ihm reichte ihr die Hand, und er fragte sie mit rauer Stimme, ob sie nicht Freunde seien wollten, die sich einander liebten. Ilse war ganz gerührt von dieser Vorstellung und tänzelte ein wenig um ihre eigene Achse herum, schlug schließlich aber doch in seine Klauenhand ein.
So kam es, dass auch Ilse einen Freund abbekam, wenn auch nur sich selbst.

© CRK, Le, 09/2020

Permeable Tage

permeabel

Wenn Wände permeabel werden,
schreite ich auf rohen Eiern,
bevor der Troubadour in mir
mich schreibt hernieder
von den Kuppen des Daseins
in die Morgenkühle
des nächsten Tages

Ja, die Stimmen kamen mir
im Gestern nahe,
(ver)suchten mich zu stecken
in die klein gefaltete Hutschachtel
unter meiner hohen Lagerstatt,
die ich erst erklimmen musste,
bevor ich darbend schwebte
über dem Land der
verlorenen Dinge

Ich kehrte ihnen
eben nicht den Rücken zu,
sondern nahm sie bei der Hand
und zeigte ihnen meine Welt,
sodass sie mich nicht
zusammenfalten konnten
wie das Origami
meine ungebügelten
Hosentaschen

Vernahm ich doch das Geschwätz
der Mücken und Elefanten,
so drehte ich die Worte um,
bezog sie eben nicht auf mich,
sondern baute daraus
das Lebenshaus des
undichten Dichters

Bis sie in meinem Kopf
verstummten und
mich die Spülung
drücken ließen,

Alldieweil Ideen
nun spießen

© CRK, Le, 09/2020

Reflexion

Ich existiere im Traum wandlerisch,
bin eingewoben im Netz meines Bordolinos,
tue mir dabei aber an Konventionen weh
und trete auch über die Grenzen
meiner Selbst und anderer Leute

Kann dabei nicht innehalten, bin getrieben
von der Atemlosigkeit nach mir selbst,
und krämpfe unbewusst mit dem
Netz aus gefühlt richtigen und doch
rational falschen Mustern

Ich mag die Option auf
süß und sauer und bitter
und salzig – alles in einem,
aber bitte mit Schlagsahne

Aber fühle nur zu oft
einzig das Entweder-Oder,
ein Null-oder-Eins,
aber nie nichts

© CRK, Le, 09/2020

Neue Wege

„Neue Wege gehen wir“, plapperte der Papagei dem Bordolino alles nach und klapperte mit seinem großen Schnabel. Dann streckte er seine Flügel aus, so als ob er sich von der Sonne seiner Umgebung wärmen lassen wollte, legte dieses Mal eben kein Ei und machte einen Kopfsprung in den Bottich, der bis zum Rand mit Teer angefüllt gewesen war.
Charleston zog die Stirn kraus und schüttelte energisch den Kopf.
„Das sind für mich keine neuen Wege“, sagte er. „Ich mag keinen Applaus mehr für etwas bekommen, was ich sonst auch immer tue und dem du nur mal wieder einen anderen Anstrich geben willst, damit es keinem auffällt“, fuhr er fort.
Charleston hatte sich gerade seines Hausmülls der letzten Tage entledigt und eine Kompottschale aufgestellt, die er mit einer Mischung aus Balsamicoessig, Wasser und etwas Spülmittel angefüllt hatte. Dann ließ er die kühle Morgenluft seine Wohnung durchfluten, denn erst jetzt war es ihm aufgefallen, wie stickig es in ihr gewesen ist.
Er duftete wieder gut und setzte sich mit einem seiner Klappstühle auf den zugewetterten Balkon. Bedächtig trank er seine Spezialmischung aus Espresso und Kakao und beobachtete die Elster, wie sie über den Rasen hinter dem Mehrfamilienhaus hüpfte und unter dem ausladenden Blätterdach der Kastanie ihre Nahrung suchte und erbeutete.
Dann trödelte er Bordolinos schief gehäkeltes Platzdeckchen wieder auf und machte aus diesem Erzählgarn ein solides Knäul aus rotem Bindfaden, dass er in der verwitterten Seemannskiste seines Oheims verbarg. Diese stand schon viele Wochen in der Ecke seiner kleinen Küche und wartete darauf, in den Mitbring- und Mitnehmladen um die Ecke getragen zu werden.

© CRK, Le, 09/2020

Zuviel

Bist du eine Wente,
nimmst die Wende ohne Ohren,
gründelst mit dem Schnabel
auf dem Grunde meines ich’s?

Bist du eine Wante,
groß im Wandern
mit den andern
bis zum Horizont
und darüber hinaus?

Nein, du bist kein Wiebelchen
mit dem Gäbelchen zum
Pieken meines alten Schinkens
aus hochgelobten Zeiten!

Du bist auch kein Glöbelchen
was wohldosiert das Pöpelchen
meiner Nase möchte sein!

Viel im Zu des Guten und Bösen!
Du bist viel Meer,
vieles in meinem Mehrsein
und doch einfach nur ich

© CRK, Le, 09/2020

P.S. … für einen Menschen. Deswegen bin ich auch Viele. ^^

Die Inspiration dazu:

 

Ordentliche Kinderstube

Die Welsin machte ihren Kauder zum Kauderwelsch ihrer Eier, bevor die harten Kinderstuben die Kleinen auszupfeifen drohte und sie selbst die Eier mit einer Sorgenfalte im Gesicht auffraß. Bis auf die letzte Kinderstube. Bis aufs letzte Ei.
Dann wälzte sie sich auf dem Grund des Aquariums ihres Daseins, um im nächsten Augenblick die Fenster ihres Anwesens zu putzen. Denn es dürstete sie nach einem Muntermacher in Form von einem bisschen Tagesgelichter. Als sie ihre Tagesration von diesem genossen hatte, zog sie sich unter das Blatt einer der vielen Wasserpflanzen zurück, grinste spitzbübisch, weil sie an ihren Kauder denken musste und ließ den Vorhang aus Algen wieder zu schlieren.
Bald würden sie sich einen erneuten Zeitpunkt für ihr neues Pilotprojekt ausbaldowern.

© CRK, Le, 09/2020

 Reizworte:

  • Kauderwelsch
  • auspfeifen
  • Sorgenfalte
  • Muntermacher
  • spitzbübisch
  • Tagesration
  • Pilotprojekt
  • ausbaldowern

Schmock

Ommm-Froggyfrog

Frösche küssen,
bringt nicht das Müssen
eines märchenhaften
Königskindes hervor
Aber es ist vielleicht gar lehrsam,
wenn es um das eigene Ommm
im Orm dieser Zeit geht
Vielleicht ein bisschen
sportlich dann das Ganze
Aber immerhin
eine Erfahrung wert,
weil diese einen
um sich selbst gar
klüger macht.
Oder etwa nicht?

© CRK, Le, 09/2020

Begegnung

Begegnung

Begegnung

Nova saß nackt auf dem Felsplateau. Er hatte die Beine zum Schneidersitz ineinander verschränkt und betete zu seinen guten Geistern, dass sie ihm bitte bald einen Schauerguss aus kaleidoskopartigen Bohnen-Linsen schicken mögen. Denn er nagte einerseits am Hungertuch seines Daseins und andererseits wollte er sich aus ihnen eine starke Himmelsleiter erwachsen lassen, damit er nach Erleuchtung streben konnte.
Am Ende des Plateaus ragte eine wettergegerbte Felswand in den Himmel, und in ihr waren 7 verschlossene Türen eingelassen. Bis auf eine von ihnen sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich. Durch diese eine allerdings fiel heimeliges Licht auf den Felsenboden, auf dem Nova saß, denn sie war halbtransparent.
In ihrem Licht regte sich etwas. Es sah aus wie der diffuse Schatten von Novas Stelzenmann, der eine lebende Krake als Stola auf seinen Schultern mit sich herumtrug, die ihn mit Sirenenstimme zu sich rief.
Währenddessen flackerte auf der Felswand am Ende des Felsenplateaus ein Strudel aus Regenbogenfarben auf, der sich mit einem immerwährenden Farb-Sog bewegte. In ihm blitzten stakkatoartig immer wieder Frauengesichter auf und frohlockten ihrem Filmstreifendasein.

Aber Nova hatte Angst, dem Ruf der Krake zu folgen. Denn dafür hätte er die zwei Sphinxen passieren müssen, die links und rechts von ihm auf dem mit Seerosen überwucherten Felsenboden hockten. Sie schienen wie mit dem Plateau verschmolzen zu sein, so reglos waren sie. Von ihnen ging ein tiefes Brummen aus. Es schien aus ihren verwurzelten Herzen zu kommen. Und sie strahlten die Hitze des vergangenen Tages ab und glimmten in dieser Nacht bläulich.
Nova wusste, wenn er diesen Weg nehmen würde, würde er tausend Tode leben, um schließlich in den Tunnel des weißen Kaninchens zu geraten, das ihn in den Eisgarten seiner Schneekönigin führen würde, damit er ihr dort in Demut dienen könne …

Niemand konnte sagen, wie lange Nova schon so dagesessen hatte, als eine der Sphinx plötzlichen ihren basaltenen Kopf zu ihm herabsenkte und mit geschlossenen Augen seine Witterung aufnahm. Dann klappten ihre Lider, wie die einer steifen Gliederpuppe nach oben, und gaben zwei mandelförmige Bernsteine preis.
„Bestehe meine Prüfung, und du bist erlöst von diesem Weg“, sprach sie, und ihr bläulicher Schimmer begann zu pulsieren. Als sie sich im blassen Schein des Sternenfirmamentes über ihnen räkelte.
Nova schluckte. Er hörte einen Engel in seinem Kopf vom Loslassen und Hinausgehen aus Situationen singen und ihm ward friedlich zumute.

Wieder verging Zeit, und Nova verschloss seine Ohren vor dem Sirenenruf der Krake des Stelzenmannes und konzentrierte sich auf seinen Herzschlag, als sich hinter ihm etwas zu regen begann.
Ein Fakir war plötzlich auf seinem fliegenden Teppich in der Szenerie aufgetaucht, und er legte in rasanter Geschwindigkeit eine Patience nach der anderen, während er mit Fistelstimme zu Nova sprach, dass er dem Engel nur vertrauen möge. Dann verschwand er augenblicklich wieder.
Schließlich begann sich die zweite Sphinx zu regen. Auch sie senkte ihren basaltenen Kopf zu Nova herab, während ihre Lider zwei Bernsteinaugen Preis gaben. „Lass sie los, und du wirst wieder frei sein“, sprach sie mit sanfter Stimme. Und auch ihr bläulicher Schimmer begann während dessen zu pulsieren.

Nova schluckte erneut. Er hatte Durst, und die Zunge klebte ihm am Gaumen fest, als er zaghaft seine Stimme erhob und mit dieser sechs der Türen in der Felswand öffnete und sie im Rahmen angelehnt beließ. Die siebente allerdings, eben jene Besondere, schloss er nicht auf.
Dann kämpfte er sich mühsam mit seinen steifen Gliedern vom Felsboden des Plateaus hoch und machte sich an den Abstieg seiner selbst. Das weiße Kaninchen allerdings schaute beständig auf seine kaputte Taschenuhr und eilte Nova – von ihm – ungesehen hinterher …

© CRK, Le, 09/2020

Nicht allein

Ich habe mein Herz schlafen gelegt –
auf dem Tisch links neben mir
Es presst seine Ohren flach auf die Holzmaserung,
die aussieht wie der Abdruck meiner Hände
Damit es mich Atmen hört und
sich nicht allein fühlt in der Düsternis
Ein Licht schimmert auch
im Spalt meiner angelehnten Tür

© CRK, Le, 09/2020

Licht bedingt auch Schatten

Der Destroyer war eigentlich gar kein Zerstörer vom Dienst, aber in der Finsternis, die ihn umgab und fest umhüllte, sah er so aus, auch wenn die Discokugeln seines Spiegelsaales ihn bunt beleuchteten und zarte Gänseblümchen auf dem Stahl seines Ungetüms von einem Krampfanten wuchsen, in dem er zu Zeiten wie ein verzweifelter Panzerwagenführer steckte und über die Kontrolle seiner Steuerung kämpfte.
Leider erfolglos.
Wie immer, wenn ihm ein Lichtwesen der anderen Art begegnete und daran glaubte, ihn in einen rosaroten Elefanten ihrer Herden verzaubert zu haben. Doch das sollte dann meist eine geirrte Wirrung der Herzenssinne sein.
So jedenfalls war es auch dieses Mal, wo er doch seine Riddikly mit seiner Energie umgarnt hatte, ohne dass er sie dabei hatte ernsthaft festsetzen und bedrängen wollen. Nur ist sie, so wie jedes Mal in diesen besonderen Fällen, der passende Schlüssel für sein verrostetes Schloss gewesen, und er hatte gar nichts dagegen tun können …

Jetzt jedenfalls stand er inmitten seines Spiegelsaales und zertrümmerte mit der Hilfe seines gepanzerten Krampfanten-Ungestüms jedes seiner Spiegelbilder und hinterließ sein Chaos inmitten einer Wüste aus verrosteten Stahlträgern und nun leeren Fensterhöhlungen und zerschundenen Türen sowie kaputt geschlagenen Discokugeln.
Die Augen seines Ungestüms waren hohl, und doch konnte er sehen, wie es sein pochendes Herzragout verspeiste und dabei jede Regung seines Daseins fühlte.
Nur die Gänseblümchen auf seinem verrosteten Krampfanzug ließen sich davon nicht abschrecken. Sie sangen fröhlich mit ihren Heliumstimmen:
„Ich bin ein Gänseblümchen im Sonnenschein,
und durch meine Blüte fließt die Sonne in mich rein
Ich bin ein Gänseblümchen und mir wird ganz warm
Ich könnt die ganze Welt und dann mich selbst umarmen.
Ich bin ein Gänseblümchen ohne Aggression
Wut, Ärger – was bringt das schon?“

Nichts davon war real, das wusste der Destroyer, der im Prinzip gar keiner war. Aber er fühlte es justament in diesem Augenblick so, als er an seinem Schreibtisch saß und ihm die Tool-Schreibmusik seine Sinne ausfüllte und in die Lücken seines äußerlichen Ungetüm-Panzerung eindrang und den Hohlraum darin und auch das Vakuum seinem Herzen ausfüllte, bis er zum Bersten angefüllt war mit dem Teer der letzten Tage und schließlich wie das Konfetti in einem Luftballon explodierte, den man mit einer Stecknadel gekitzelt hatte.

Riddikly hatte sich aus seiner Energie befreit und hatte ihn währenddessen seiner Krampfes-Rüstung beraubt. Da stand er, der eigentlich Charleston geheißen hatte, nackt vor den gefühlten Trümmern der vergangenen Zeitblase. Tatsächlich lag aber ein buntes Konfettihaufen zu seinen nackten Füßen, und dazwischen lugten Puzzleteile hervor.
Dieses eine Mal spürte Charleston, der nun kein Destroyer mehr gewesen war, Demut in seinem Herzen und machte sich daran, sein Puzzle vom Leben wieder zusammensetzen.
Riddikly allerdings würde ein (un)gelebter Traum in weiter Ferne bleiben …

© CRK, Le, 09/2020

Liebe dich selbst!

Emo-Mensch

Emo-Mensch

Knorke war ein zwei Meter Hüne, hatte aber Streichholzbeine und Betonklötze als Füße. Als man ihn mit den Beinen voran ins Wasser warf, machte es gluck-gluck und weg war er.
Selbst unter Wasser kämpfte er noch den Krampf seines Lebens gegen den Sandsack, den man ihm vor den Bierbauch gebunden hatte. Er boxte von der Seite her auf ihn ein, rang mit ihm um seinen Atem und versuchte die Fesseln, die sie einander umwanden, zu lösen, doch es wollte ihm nicht gelingen.
Stattdessen erblickte er eine Riesenkrake, die für ihn Mandoline spielte und ihm die Ode an den Götterfunken vorsang. Aber Erbarmen hatte sie mit ihm nicht. Und selbst die Clownsfische, die um ihn herumschwammen, befreiten ihn nicht von der Last des Sandsacks, auf dessen Hülle mit Roten Lettern: „Liebe dich selbst“ geschrieben stand.
„Wofür?“, fragte sich Knorke, riss seinen Mund sperrangelweit auf, atmete Wasser und ward in einen Einsiedlerkrebs verwandelt, der sich in sein Schneckenhaus aus vielen kleinen Sandsäckchen zurückzog und mit dem Leben schmollte, weil es ihn schmerzte.

© CRK, Le, 09/2020

Selbsterkenntnis

Es ist wie der Endlosbandwurm, der sich auf immer und ewig in den eigenen Schwanz beißt, weil er so schnell vom Anfang zum Ende hinweg rast, dass er das Ende verpasst und wieder beim Anfang landet. Nur irgendwie an einem anderen Ort seiner Assoziationskette in seinem Gedankengeflecht aus ungezählten Irrungen und Wirrungen. Und immer, wenn er niest oder stolpert, weil irgendwer in seiner Nachbarschaft hustet und prustet, in dem er einen Output an Sinnesreizen uploadet, verfängt er sich im Netz der Nettigkeiten und hält seine Körperöffnungen, ja sogar die Poren seiner Haut sperrangelweit offen – wie der Junkie, der den nächsten Kick sucht. Dabei ist er erschöpft von seiner langen Reise nach sich selbst und hat sich dabei selbst verloren.
Er ist ich und sie und es. Er wird gelebt von seinen Gefühlen und auch zerlebt von seinen Sinneseindrücken anderer Menschen. Er ist der ausgedörrte Klassenzimmertafelschwamm, der alles aufsaugt, bis er in sich selbst ertrinkt und auf der Messerklinge den Salto-Mortale tanzt, bevor er sich in sich selbst zerteilt, weil er jedem gerecht werden mag, nur sich selbst nicht.
Und manchmal gewittert er ein Aprilwetter sondergleichen, von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt, ohne im eigentlichen Gefühl der Zuneigung für sich selbst anzukommen. Und dann wiederum fährt er Achterbahn mit sich selbst und bekotzt dabei sich selbst und diejenigen, die nicht schnell genug hinfort eilen können.
Manchmal allerdings, allerdings nur manchmal empathisiert er mit sich selbst und atmet tief ein und aus und schaut den Regentropfen beim Fallen zu und hört ihr Trommeln auf dem Blechdach seines Wohnhauses.
Öfters jedoch quetscht er sich in die ritzigste Ritze der Grenzwälle seines Umfeldes, dehnt sich darin aus und explodiert zu abertausenden bunten Puzzleteilen, die sich im Fallen zu etwas ganz neuem zusammenfügen und dann auf dem Boden der Tatsachen ein Macramé sonders gleichen zu bilden.
Steht er im Saal mit den tausend Spiegeln, blickt ihm ein Kaleidoskop aus Mondmännern entgegen, die allesamt sich drehen und wenden wie die verspielte Tanzfigur auf der Spieluhr seiner Großmutter und doch nie so genau wissen, wann es Zeit ist, damit einzuhalten und eben nicht den Raum mit sich selbst auszufüllen, weil sie sich selbst nach außen zelebrieren.
Exzentrisch könnte man meinen. Irgendwie aber auch egoman. Vielleicht aber auch einfach nur die Summe der Springflut aus Input, der mit aller Macht nach draußen dringt, weil das Kaleidoskop der Gesichter sonst zu zersplittern droht?
Aber eigentlich dürstet es ihm nur nach dem, wonach alle gieren …?

© CRK, Le, 09/2020

Wenn ich so bin,

dann sehe ich mich
so klein mit Hut – winzig
wie das Sandkorn
im Getriebe meiner Selbst –
so verschwindend wenig von mir,
dass eine Kuh ihren Fladen
auf mich fallen lassen könnte,
um mit diesem und mir zusammen
das Unkraut zu düngen

oder ich sehe mich nicht,
aber fühle die Erschöpfung ,
die von mir selbst herrührt und
sinke wie eine Blei-Ente zum
Grund der Tatsachen hinab,
um blutige Glyphen in die
nackten Wände meines
Karzers zu ritzen,
ohne jedoch etwas gegen
meine wortlosen Emos
der Losigkeit in der
Beziehung zu mir selbst
tun zu können

Dann greife ich den Grashalm,
der sich mir bietet und
arbeite mich an ihm ab …

© CRK, Le, 09/2020

„Bleiben wir realistisch?“

, fragte der Realot. Er sah müde aus und hockte zwischen all seinen Wäschebergen, während das Baby in seinem Schoß brüllte und die Musik aus den Lautsprechern auf der Straße vor dem abgelebten, mehrstöckigen Wohnhaus die Bässe der Großstadt stampfte und die Umgebung des Realoten zum Leben erweckte. Die Neonröhrensterne erleuchten noch blass die Dunstglocke über dem Weltenmoloch, und irgendwo lugte die Heliumscheibe im Nebel über den Rand des Horizontes.
Echte Singvögel waren schon lange ausgestorben, und nur noch ihre Roboterabbilder hockten auf den nackten Baumgerippen in den vermüllten Parks dieses Unwesens von endloser Betonwüste.
Doch das Baby in des Realoten Gebärmutterschoßes interessierte das nicht. Es brüllte in einem fort und ließ sich keines Wegs beruhigen. Hilflos hielt der Realot sich währenddessen die Ohren zu, streckte seine spitze Zunge aus seinem Haifischmaul und spitzte dabei seine Lippen zu einem Kussmund.
Niemand außer er selbst hörte das Kind in seinem Schoß, und niemand eilte ihm zu Hilfe. Sie alle waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um ihr Roboterdasein in dieser Workaholic-Gesellschaft aufrecht zu erhalten und nicht im Mahlstrom dieser Zeit unterzugehen.
Der Realot wusste all das. Denn er war schließlich der Erschaffer dieser Welt und gebar ein ums andere Jahrzehnt eins seiner hilflosen Babys, nur um es beim rasanten Altern zu betrachten, bis es in seinem Gebärmutter-Schoß ganz verschrumpelt aussah, um am Ende wieder zu dem Dreck seines Weltenmolochs zu zerfallen. Er besaß schon lange keine Phantasie mehr, um damit seine gelebten Albträume bunt anzumalen. Dafür war er schon zu ausgelaugt vom Workaholic-Dasein der Robotermenschen. Denn auch sie hielt er mit seiner nicht mehr endlosen Energie in ihrer Existenz.

Eines Tages jedoch schwoll die Heliumscheibe hinter der Dunstglocke über dem Weltengroßstadtmoloch schier zu einem endlosen Sonnenblumenfeld an, in dem blutige Klatschmohnblüten prangten. Als plötzlich die lodernde Silhouette von Riddikly vor diesem Naturschauspiel am Horizont erschien. Auch sie schwoll beim Näherkommen in ihrer farbenprächtigen Größe an, bis sie alle Dächer der Betonwüste überragte und dabei den Smog am Firmament mit aller Macht in viele Schäfchenwolken zerriss und diese in alle Windrichtungen zerstreute.
Dann sang sie mit glasklarer Stimme ihre Melodie von der vergessenen Natur, und tief aus dem Inneren des Großstadtmolochs erklangen ungezählte Explosionen. Grüne Wurzeln zersprengten Straßenzug um Straßenzug die abgelebten Betonkulissen, bis sich ein üppiger Urwald rasant ausbreitete und bald über der ganzen Stadt thronte.
Schließlich schritt Riddikly auf den Realoten zu, der nun kein Betondach mehr über dem Kopf hatte, hob sein Dasein endgültig aus den Angeln und nahm ihm das schreiende, inzwischen steinalte Baby vom Schoß. Dann senkte sie ihre Stimme zu einem leisen Summen ab und wiegte das Kind in ihren Armen in den Schlaf. Irgendwann gab sie ihm die Brust, streichelte es liebevoll, bis es zu meinem Charleston heranwuchs …

So sitze ich hier an diesem Schreibtisch, sehne mich nach Riddiklys Welt, nach ihrer Stimme, ihrem Lachen, ihrer Zärtlichkeit, höre dennoch leise meine Tool-Schreibmusik und lächle vor mich hin. Ich weiß nur, dass ich unwissend bin, stelle ich verzagt fest und schließe mit dieser Geschichte ab.

© CRK, Le, 09/2020

Die Kunst zu existieren

Klundtildma war eine stolze Hexe mit ständig wechselnder Haarfarbe. Wenn sie auf ihrem ganz persönlichen Beutezug aus war, trug sie ihren weinrotem Spitzenrock, die Springerstiefeln und Netzstrumpfhosen sowie eine brustfreie Kunstbrokatkorsage über dem blütenweißen, vergessenen Nadelstreifenhemden ihrer ehemaligen Freier und zog beherzt um die Ecken der Arbeiterwohnsilos ihres Kiezes, um den nächstbesten Typen, der ihr über den Weg laufen würde, in einen der Märchenprinzen auf den Schimmelgäulen der Oberliga dieser Stadt zu verzaubern.
Diese Traumprinzen mussten dann solange in einer Positur verharren, bis Klundtildma ihre Schönheitsreparaturen an deren Posen vollzogen hatte, um sie dann auf hauswandgroßen Polaroids abzulichten und für immer darauf zu bannen. Denn nur so war sie dazu in der Lage, ihre nächtlichen Schreckensgeister der hungrigen Freier zu bändigen und deren sperrigen Mäuler mit den Füllstoffen deren Daseinsformen zu stopfen. Dann sahen diese wenigstens aus wie japsende Silvesterkarpfen, die in ihrem Becken dahinschwammen, bis man sie zur Tötung freigab und als Leibspeise den wohlerzogenen Gästen feilbot.
Klundtildma wusste, dass ihre Welt bitter und hart war. Doch ihre innere Ohnmacht darüber war so groß, dass sie nichts dagegen tun konnte, außer eben ihre alltägliche Kunst über diese Männerwelt zu kreieren, auch wenn damit nichts zu verdienen war, außer üppig harte Sexeleien mit für sie unangenehmen Männern und ‘nen Tritt in den Allerwertesten als Dankeschön.
So döste sie über Tag dahin, existierte notgedrungen in der Nacht und fand kleine Erlösungen in der Arbeit an ihren Polaroid-Hauswänden.

© CRK, Le, 09/2020

Reizworte:

  • Hexe
  • dösen
  • üppig
  • Schönheitsreparatur
  • Ohnmacht
  • Schreckensgeister
  • bitter
  • ausharren

Und der Letzte macht das Licht aus

Sitzt der Gedanke auch manchmal arg verquer,
so furz ihn raus aus Ohren, Nase und auch Mund
Dann bist erlöst du von der Kopfeslast
und kannst dämmern gar zu ruhelos dahin –
auf dem Eiland aus Matratzen,
über der Erbse deiner Selbst –
bis Prinz Quarkfrosch dich mit Küssen voll erlöst
und für dich das Kartenschloss in einer Nacht erbaut
Dann dreht er dich und wendet dich
im Spiegelsaale seines Hohnes,
deines Keites im Eitel und Zissitums
und schenkt dir das Zepter,
dass du werdest seine Störchin
und erlösest ihn von der Qual der Pein(lichkeit)
Es grüßt die Ironie deiner und meiner Selbst
und wünscht uns
– als die Person non grata –
eine gute Nacht

© CRK, Le, 09/2020

Virtuell

Frau X sagt: „Ah“,
meint aber eigentlich: ‚Bee‘.
Wohingegen Herr Z: „Ihhh“, entgegnet
und damit ‚Uhhh‘ präferiert hat.

Das macht die verquirlte
Buchstabensuppe perfekt.

Lauter: Hätte, wollen, können,
sollen, mögen, sowie
ich mein das so und du
sicherlich einfach anders.

Und dann sagt ihr Herz: „Ja-aber!“,
während sie ihn mit nebulösen
Andeutungen verwirrt.

Er versteht sie so und sie
ihn wiederum ganz anders.

Schöne Scheiße!
Und nun?

Es folgt eine Klarstellung?

Während Herr Z die Pforten
seiner Gedanken ihr eröffnet
und die gute Frau X
eindringlich beduselt macht
mit seinen schönen Worten,
nimmt er sie sich
schließlich zur Brust
und vertrimmt ihr
Gesäß gar ordentlich

Dahingegen bricht Frau X aus
und verlässt mit wehenden Fahnen
das Reich seiner Phantasie
„Bei dir Piepts wohl!“,
schreit sie ihn an
und die verbale Schelle
folgt auf dem Fuße

Ja, so kann es gehen
mit den wirren Maden
der Kommunikation

© CRK, Le, 09/2020

Von Schuhen, die nimmer passen wollen

enterich

Da ist es wieder. Ich meine dieses Ziehen im Herzen, wenn mich das Gefühl beschleicht, da nicht mithalten zu können und vielleicht auch nicht den Ansprüchen genügen können.
Wessen Ansprüche?
Vermutlich meine eigenen an mich selbst und ganz vage auch an mein Gegenüber? Denn meine Jemanderine adressiert, glaube ich, solcherlei Dinge nicht an mich, weil sie eben von Natur aus ein Freigeist ist.
Und dann beginnt sich mir die Unsicherheit katzenhaft von hinten anzunähern und um meinen verzagten und dennoch mutigen Stand(punkt) herumzuschnurren und zu miauzen. Damit sich meine Beine ganz allmählich voneinander spreizen und locker auf zwei Inseln des ursprünglichen Standes zum Stehen kommen, um dieses diffuse Gefühl über die unteren Körperöffnungen in mir willkommen zu heißen.
Oder vielmehr nicht willkommen, aber dennoch ihm so den Weg zu ebnen, dass es sich präsent in mir ausbreiten und am Ende jede meiner Körperzellen erobern kann. Bis ich innerlich zittere wie Espenlaub und dabei mich selbst vergesse, und mir harsch über meine Herzenslandschaft fahre und jedes Ja-Aber mit einem Mantel aus Schweigen zudecke.
Ja, ich nehme meine Herausforderungen an. Und ja, ich möchte an ihnen wachsen und auch meine Erfahrungen sammeln. Aber ich habe keine Ahnung, ob ich das auch wirklich kann.?
Die Zweifel wollen sich nicht einfach so zudecken lassen, sondern werden so nur noch lauter, und mein Herz fragt sich: „Was, wenn sie Jemandem begegnet, den oder die sie noch viel toller findet als mich? Verliere ich dann etwas, was ich vom Prinzip her nie besitzen kann und das ich – von der Vernunft her – auch gar nicht wie ein stoffliches Ding haben mag?“
Goldene Käfige fand ich von jeher schon immer scheiße. Doch der böse Giftzwerg in mir, dessen Nahrung Neid und Eifersucht und auch Selbstzweifel und die Unsicherheit sind, findet so eine Bedrängnis toll. Der will allen Ernstes meine Zuneigung zu ihr tatsächlich dort hineinsetzen und vielleicht sie gleich mit dazu, dann abschließen und oben drein noch den Schlüssel dazu wegwerfen.
Und wenn du mich fragst, dann finde ich das sehr grausam. Aber du fragst mich ja leider nicht. Sondern du hockst in deiner Stinkerecke und dickschst dort herum, anstatt den Mund aufzutun und uns mit mir gemeinsam gut zu umsorgen.
Du willst erwachsen sein beziehungsweise werden? Na dann verhalte dich bitte auch so. Und nein! Sie ist nicht er. Sie ist ein ganz anderer Mensch, und das Vergangene wiederholt sich nicht noch einmal. Sie ist dir von Grund auf wohlgesonnen und würde dich nie zu etwas bewegen, zu dem du nicht bereit bist, auch wenn du es dir noch sehr ersehnst, erhoffst und erwünschst. Und sie würde dir auch nicht bewusst weh tun wollen und dich auch nicht anlügen. Ich vertraue ihr da voll und ganz.
Aber du kannst jetzt auch nicht von ihr erwarten, dass sie allein für uns sozusagen stehen bleibt und ihren ureigenen Weg nicht weitergeht, um auf uns zu warten? Also ich meine, sie hat schließlich auch ein Leben und ihre eigenen Bedürfnisse. Das verstehst du doch, nicht wahr?
Ja, ich weiß. Sie ist eine Herausforderung für uns beide. Aber sind das irgendwo nicht all die Menschen für uns, die wir in unsere Komfortzone hineinlassen? Egal, ob wir uns in sie verlieben oder nicht.
Also zieh jetzt bitte die Kinderschuhe wieder aus. Die passen dir doch längst nicht mehr, und komm bitte mal ne Runde Kuscheln. Ich mache uns auch eine Espresso-Kakao-Spezialmischung. Eine dürfen wir heute Morgen ja noch …

© CRK, Le, 09/2020

Morgenstund‘ hat Gold im Mund?

Morgenstund hat Gold im Mund. Wenn der Schlaf gestört wird, man müde ist, aber dann doch aufsteht. Vektorgrafik.

Gegen drei Uhr in der Frühe traf meine Besucherin endlich ein. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich versucht gewesen bin, ihr gleich wieder Heim zu leuchten. Aber es hat alles nicht gefruchtet. Mein gewohntes Nachtlicht zog sie magisch in den Bann und lies sie sobald auch nicht mehr los.
Erst wollte ich ihr ein bisschen von meiner Fußeskühle abgeben, denn ich konnte schon allein auf Grund dieser nur unter erschwerten Bedingungen freundlich zu meiner ungebetenen Gästin bleiben. Aber auch dieser Umstand wollte und wollte nicht fruchten.
Später dann habe ich es mit einer meditativen Versenkung in mich selbst versucht, damit ich diese Störenfriedin allein mit meiner Gedankenkraft vertreiben konnte. Doch auch das half nichts. Im Gegenteil: Ich bin dabei immer wieder so sehr weggedriftet, dass ich immer dann den flüchtigen Eindruck gewonnen habe, kurz einzuschlafen, wenn genau in diesem Augenblick, dass Brummen meiner frühmorgendlichen Besucherin erneut laut an mein Ohr drang.
Und das fand ich sehr frustrierend. So frustrierend, dass ich mit einer gehörigen Wut im Bauch aufgestanden bin, kurz einen Urschrei losgelassen und mich im Bad erleichtert habe, um dann das Nachtlicht schweren Herzens zu löschen und mich mit einer Fliegenklatsche bewaffnet, noch einmal auf meine Schlafseite zu drehen.
Tja, was soll ich Ihnen jetzt kundtun? Dann ist jedenfalls Ruhe gewesen. Die vermaledeite Besucherin hat nun wohl geahnt, dass ich nicht mehr so friedfertig wie bisher mit ihr umgehen würde …
Und im Moment sitzt sie, die Fliege, jedenfalls wie erstarrt auf dem Monitor meines Computers. Keine Ahnung, was die da treibt. Ich jedenfalls schreibe gerade diese Zeilen. Es ist kurz nach sieben Uhr. Ich trinke meine Espresso-Kakao-Spezialmischung, versuche wach zu werden, während über der Stadt eine düstere Weltuntergangsstimmung herrscht.

© CRK, Le, 09/2020

Ein ernsthafter Kalauer

Hexenzahn

Schlabberpapps ist kein Schmackofatz,
aber freundlich zu den Zähnen,
die da eventuell erwähnen,
in Stücken zu scheiden
von den Weiden mit Biss,
weil sie Schiss vor harten Sachen
und nicht enden wollen im Garten Eden –
wie die eh schon laweden Kumpanen
ihrer Brüderschar in aller meiner Munde

So kanns gehen, sagte der Räschn,
jetzt muss ich wäschn dir da warten
bis zur Mitte nächster Woche,
das gekittet wird die Hexenlache meiner Visage,
damit du nicht im Schrecken von mir weichst,
wenn ich dich suche Heim
und du mir bleibst bis dahin (m)ein Dreim

So meandere ich von Hinnen nach Dunnen
und trage meine Liab auf der Zungen
und auch auf den Wungen,
damit ein jeder weiß, ich bin bei dir Daheim,
trotz meiner Kalauer um den Zahn der Hexe –
oh Wauer, du Bauer der Schrumpfhirne dieser Zeit,
mich allerdings mit eingeschlossen
Ach hätt ich doch, ach wollt ich doch
Oder sollt ich etwa nicht?
Uns lieben bis zum bitt’ren Ende,
weil wir sind bekanntlich derer viele
und wollen nicht auf eins hin festgelegt sein,
meinen aber mich oder auch einfach nur dich

© CRK, Le, 09/2020

Weggeduselt

Die Connysphären ragten spitz gen Himmel, bevor Charleston eine von ihnen, hilflos wie er gewesen war, mit aller Macht samt Wurzelwerk dem Boden entriss, um sie sich mit der Spitze voran in seinen schmerzgeplagten Unterleib zu rammen, damit sein blind geborenes Gedärm endlich Ruhe geben würde. Denn er hatte geträumt, dass ein Doktor ihm deswegen darin herumfuhrwerken und das blinde Ende einfach abschneiden würde, bevor noch ein Unglück vor ihm selbst geschehen würde.
Doch dann schreckte er aus seinem düsteren Traum auf, und der Handy-Wecker hatte schon vor einer guten Stunde geklingelt. Die Connysphären standen noch alle in Reih und Glied den Gartenzaun entlang. Niemand hatte sich an ihnen vergriffen. Mitten unter ihnen wartete Riddikly lächelnd auf Charleston. Sie hatte Zimt- und Ingwer in der Tasche ihres Kleides …

© CRK, BS, 09/2020

Abseits der Wege?

Charleston betrachtete sein Werk. Er hatte das Schneegebirge mit einem Zentangle-Mandala besprüht. Über dem blütenweiß bedeckten Felswänden erstrahlten nun Regenbogenfarben und die schwarzen Konturen seines Mandalas, so dass sich alle Sky-Fahrer ihrer Skier und Schneebretter jeglicher Art entledigen mussten und sich seiner Diva gleich bis auf die Haut entblätterten, um diese lebendigen Farben mit ihren nackten Körpern aufzusaugen und dabei gelenkig ihre Kronjuwelen zu schunkeln.
Riddikly klatschte vor Freude in die Hände. Auch sie hatte sich entkleidet und badete nun inmitten dieser regenbogenfarbenen Körperlandschaften. Mit ihren sonnengebräunten, sehnigen Händen und Füßen zerrieb sie dabei die Felsen und Männerleibern zu einem Meer aus Sand und baute schließlich daraus ungezählte von Sandburgenzeitaltern, bevor sie das Zepter aus geschmolzenem Schnee über ihrem schlohweißen Haarschopf schwang und ihrem Charleston in ihr trautes Reich heimleuchtete, ohne dass er ihr Fesseln anlegte.
So schritt sie Hand in Hand mit Charleston durch ihre Weltenlande und begrüßte freundlich die (Hupf)Dohlen in ihrem Garten.

© CRK, BS, 09/2020

Reizwörter:

  • Diva
  • Entblättern
  • F(f)esseln
  • Gelenkig
  • Kronjuwelen
  • Körperlandschaft
  • Sandburg
  • Zepter

Einseitig belastet

Mehr rechtsseitig beladen –
mein Katamaran aus geträumtem Seelenstoff –
mit einem Stakkato aus Gedanken, Wünschen und Nöten,
rast rasant gen Talsohle der vereisten Wellenberge aus Schnee,
nur um beim nächsten Mal von Links wegen mühevoll
den nächsten Schneeberg peu à peu hinaufzudriften
und dann abermals hinabzustürzen –
ohne eine Kufe dabei zu verlieren
beziehungsweise mir gar das Bein zu brechen
oder vielleicht den Arm beziehungsweise das Genick …

Bis mein Körper zur Ruhe kommt und fast
nach rechts sein Gleichgewicht verliert
Also ich meine, es könnte passieren,
tut es in Summe aber nicht
Sondern es klingelt nur mein Händie
und holt mich vom Auslegerboot
und seinen Rümpfen, Kufen
oder gar Skiern herunter –
zurück auf meine vier Buchstaben,
die fest am Stuhl kleben,
während meine nackten Füße
tief im Fliesenfußboden wurzeln

Alles gut, sagt mein Herz,
du hast deiner Meditation
nur ihren freien Lauf gelassen

© CRK, BS, 09/2020

„Heinrich, die (An)Spannung bricht“

Siebzehn Minuten
oder
„Heinrich, die (An)Spannung bricht“

Wie die Eisenringe eines Fasses ohne Boden,
eines nach dem anderen
oder auch wellenförmig,
so als ob ich rücklings auf dem Wasser in dem Fass liegen
und mich treiben lassen würde.
Die Lider geschlossen.
Die Sinne allmählich nach innen gerichtet,
sieben sie die Außengeräusche zunehmend aus,
bis nur noch die ruhigen Atemzüge übrig bleiben und
der Wust aus hitzigen Gedanken auseinanderfällt
wie ein Haufen Mikado-Stäbe,
die ich einen nach dem anderen wegnehme
und eben nicht zu Ende denke
bis nur noch eine Frage übrig bleibt,
nämlich die, wer mich nun
aus der Versenkung zurück holt.
Dann klingelt der Wecker –
eine gefühlte Ewigkeit –
bis ich aus mir heraus
zurückkehre
und den neuen
Tag begrüße …

© CRK, BS, 08/2020

Ich bin nicht allein

Das weiße Kaninchen nuckelte an meiner Brustwarze und lächelte dabei selig.
„Ja, ich weiß, ich sehe ein weißes Kaninchen, und gelegentlich trägt es auch einen geblümten Pyjama mit großer rot-weiß gestreiften Bommel-Mütze über den Ohren.“
„Logisch ist mir klar, dass das eigentlich unmöglich ist, denn einerseits bin ich männlichen Geschlechts und kann demzufolge auch gar keine Muttermilch geben. Und andererseits gibt es keine Kaninchen, die in Menschenkleidung herumhoppeln beziehungsweise aufrecht auf ihren Hinterläufen hin- und herlaufen und obendrein auch noch mit mir reden, auch wenn es oft nur Nonsens ist, was es vor sich hinbrabbelt.“
„Stimmt, ich sollte ihm keinen Namen geben, denn so personifiziere ich es erst recht. Aber es heißt bei mir nun einmal König Richard und ist mit der Zeit mein bester Freund geworden. Ich kann und will das auch nicht ändern, denn es ist in diesen schlimmen Tagen das einzige Lebewesen, was mich täglich in meiner Realität besuchen kommt“.
„Ja, ich weiß, du kannst es nicht sehen, nur ich bin dazu in der Lage. Na und? Was ist schon dabei? So bin ich wenigstens nicht gar zu sehr mit mir selbst allein. Denn du und all die anderen kommt mich ja nicht mehr auf einen realen Kaffee besuchen, und mit euch in euren virtuellen Wohnzimmern abhängen, mag ich auch nicht mehr. Das macht mich ja gerade besonders hungrig nach meinem weißen Kaninchen. Verstehst du?“
„Seit wir alle nicht mehr unsere Wohnungen und Häuser verlassen dürfen, weil draußen alles von Mutter Natur verseucht wurde, ist mein Leben ein anderes geworden. Denn die ganze Welt trägt nur noch eine Maske, sogar in der Virtualität des eigenen Wohnzimmers zu Hause. Eine Maske für die eigene Familie. Eine für die Freunde und Kumpels. Eine für die Arbeit. Und so geht das munter weiter, bis wir am Ende gar nicht mehr unser ursprüngliches Gesicht erkennen können, weil wir uns über die Jahrzehnte zu sehr an die Gegebenheiten dieser kranken Welt angepasst haben.“
„Weißt du, ich möchte atmen und ich sein. Und ja, ich liebe King Richard, der mir mit seiner Bedürftigkeit eben auch zeigt, dass ich beides bin. Mann und Frau in einem, auch wenn ich gar keine weibliche Brust mehr besitze und einen wohlgeformten Drei-Tage-Bart im unverfälschten Gesicht trage und eben nur ich das so erleben und fühlen kann“.
„Ja, es ist mir egal, ob du das auch so siehst wie ich oder eben nicht. Ich bin wenigstens ein authentisches ich, auch wenn ich gleich von der Normität abgeholt werde und ins Umerziehungslager weggesperrt werde. King Richard wird mir folgen, …

© CRK, Le, 08/2020

Herbert

Das ist der Kaktus, den mir Riddikly schon vor Wochen offenbart und geschenkt hat, obwohl ich ihr von Anbeginn unserer Freundschaft gestanden habe, dass ich keinen Grünen Daumen besitze.
Jetzt steht dieses Ding mitten auf meinem Couchtisch und ist das Sinnbild für den Kugelfisch in Hab-Acht-Stellung, den sie in mir zu sehen glaubt. Keine Ahnung, woher sie dieses Wissen nun wieder nimmt. Egal …
Jedenfalls thront nun diese Topfpflanze inmitten meiner Wohnung und will von mir geliebt werden. Das kann ich noch drei Kilometer weit gegen den Wind riechen und manchmal spüre ich es auch.
Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen. Eine Topfpflanze! Ein Kaktus oder auch ein Kacktus, eben ein Stuss, der mir in die Bude kackt. Ein stacheliges Etwas, dessen Mehrzwecknutzen ich im Augenblick nicht erkennen kann und auch nicht will. Ich frage mich allen Ernstes, was ich mit diesem Ding soll?
Lieb haben! Ja, ja … ich ahne es. Pflegen und gut umsorgen! Aber wie geht das gleich noch einmal? Ich bin mir nicht sicher. Ich erinnere mich allerdings dunkel an längst vergangene Schulzeiten, in denen es immer geheißen hat, dass Pflanzen eben auch Wasser benötigen.
Na gut, denke ich mir und gönne dem Herbert das.
Ich ertränke seine Wurzeln täglich in diesem kühlen Nass – in dem Glauben, dass das gut so ist – und wundere mich darüber, warum der Herbert so missmutig dreinschaut. Ich kann die Anklage in seinen nicht vorhandenen Augen sehen und auch in seiner nicht existenten Stimme hören. Aber ich habe keine Ahnung, was ich dagegen tun könnte.
Bis ich einer meiner seltenen Eingebungen folge und dem Herbert an seine traurigen Stacheln kleine, rote Schleifchen binde, und mir dabei denke, dass er jetzt sogar lauter Stilblüten austreibt.
Ich freue mich ob dieses Anblickes und bemerke dabei gar nicht, dass ich währenddessen auch meinem inneren Kugelfisch ein paar dieser Schleifchen auf dem Körper festgepinnt habe. Nun ja, denke ich mir so, es ist zwar noch nicht Weihnachten und auch noch nicht aller Tagen Abend, aber dennoch sieht das ganz hübsch aus.?
Wochen später, als der Herbert nur noch trauriger dreinschaut und kein Stück gewachsen ist, habe ich eine erneute Eingebung. Ich stelle diese Topfpflanze ins Fenster und drehe sein Gesicht in die Sonne. Die Idee mit dem Wasser hatte ich allerdings schon vor Tagen aufgegeben, und gönne ihm nun die Dürre meiner Unwissenheit.
Aber auch dies will nicht wirklich fruchten. Mittlerweile ist Herbert ganz schrumpelig und Gelb. Seine Stilblüten sind von den nun schlaffen Stacheln heruntergerutscht, und ich bin echt ratlos.
Ich habe ihn wohl zu Tode gepflegt?
In der darauffolgenden Nacht träumt es mir, dass Herbert eins wird mit dem Kugelfisch, den Riddikly in mir gesehen hat, und ich erwache schweißgebadet …

© CRK, 08/2020

Wenn Froggy-Frog sich etwas frogt

Froggy-Frog hockte auf einem ausgedienten Frisierschemel im Laden der Frieda Ohnesorg und frogte sich allen Ernstes, ob es gut und richtig sein könnte, sich seine Haut, in der er nun einmal steckte, zurechtschneidern zu lassen.
Er war sich nicht schlüssig darüber. Denn eigentlich gab es an ihr überhaupt nichts auszusetzen. Okay, okay, okay, … außer dass sie vielleicht ein Mü zu groß für ihn geworden war. Er hatte nämlich in diesen letzten Monaten, Wochen und Tagen enorm abgenommen, und auch in den fortlaufenden Sekunden sowie Millisekunden reduzierte er weiterhin sein Gewicht, wenn auch eher minimal. Im Augenblick konnte man dies nur noch im Zeitraffer betrachten.
Froggy-Frog saß also auf eben jenem Schemel, während Frieda Ohnesorg wie eine Gans auf ihn ein schnatterte. Ab und an ließ er dabei seine klebrige Zunge hervorschnellen, um ihre zu Boden fallenden Phrasen einzufangen und zu verspeisen. Doch gesättigt wurde er davon nicht. Fastfood machte ihn im Gegenteil nur noch hungriger, so dass er langsam aber beständig noch mehr an Gewicht verlor.

So kauerte Froggy-Frog auf seinen Gegebenheiten und ließ Frieda Ohnesorg irgendwann doch an seine überschüssige Haut heran. Sie schneiderte daraus lauter kleine Frog-Babys zurecht, die sie zwischen den Blumen auf ihr Dederonkleid steppte, damit der Karle später am Tag etwas zu glotzen hatte, wenn er ihr einen Freier-Besuch abstattete.
Froggy-Frog hingegen liebäugelte mit den Passanten, die draußen auf dem Gehweg am Schaufenster des Ladens der Frieda Ohnesorg vorbeischlenderten, das Geschehen belustigt betrachteten und dabei gar nicht bemerkten, dass sie auch über sich selbst lachten.
Das amüsierte Froggy-Frog sehr, als er schlussendlich von dem ausgedienten Frisierschemel herunter hüpfte und in seine Einzelteile auseinanderfiel, weil ihm seine Haut nun viel zu eng gewesen war und jetzt aus den Nähten platzte, anstatt schlaff und faltig an seinem Körper herunterzuhängen.
Nun frogte sich Froggy-Frog nichts mehr. Eins seiner Froschaugen kullerte auf dem Fliesenboden entlang und glubschte, als es schließlich zum Stillstand gelangte, gen Halogendeckenleuchte, bis auch aus diesem das Leben entfloh …

© CRK, Le, 08/2020

P.S.:

Eine gewisse „Fan-Fiktion“ auf eine gestrige Lesung von MT-Factory mit Frl. Beate. Und einer gewissen Useraufforderung, mich doch zu einem neuen T-Shirt-Design hinreißen zu lassen. *lol* Nun der Text hier ist die Einstimmung darauf. Da ich aber keine Schlüppis kann und Redbubble das auch nicht anbietet, nun also das Oberteil dazu. *sonne* Das Design braucht aber noch ein paar Tage …

Deutsch

„Muss ich denn, muss ich denn wirklich zum Hintertupfinger hinaus, Hinterschlüpferinger hinaus, und du mein Arschgeweih von Großkotz bleibst alldieweil hier?“, grölte die angetrunkene Falottin, als sie durch die hohle Gasse wankte, die sie eben nicht zum heiligen Gral hinan führte, sondern geradewegs zum nachbarschaftlichen Abort, um sich dorten zu überheben und sich sämtlichen sprachgewaltigen Mülles zu entledigen.
Es sollte eben, laut ihres Hallodri-Bosses, alles hübsch deutsch in seiner Eckkneipe zugehen. „Nur was war denn heutzutage noch wirklich Deutsch?“, das fragte sie sich allen Ernstes und ihr Schädel brummte und summte dabei, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sie selbst hatte ja schon mindestens ein Fünftel bajuwarische, ein Fünftel sächsische und drei Mal ein Fünftel pommersche Wurzeln im Blute.
„Ja, ja, sie war eindeutig ein hochgradiger Migrant eines Deutschtums, dass es im Prinzip nie gegeben hatte“, meldete sich ihr Gewissen zu Wort, als sie die die defekte Toilettenspülung betätigte, und der Spülkasten nur ein klägliches Röcheln von sich gab.
Dazumal sie regelmäßig ihrem Lieblingsthailänder ums Eck einen Besuch abstattete, weil sie seine vegetarischen Gemüsesuppen sehr liebte. Und auch der türkische Gemüsehändler drei Straßen weiter genoss regelmäßig ihre finanzielle Freizügigkeit oder ab und an auch mal der Inder in seinem Buchantiquariat.
Oder aber sie zog mit ihrem ägyptischen Windhund, dem sie, in einem gar fürchterlichen Anflug ihrer Arachnophobie, den Namen Telema gegeben hatte, um die Häuser, um scheue blonde Stadtrehe und rote Stadthasen zu jagen, nur damit ihr Boss und Liebhaber etwas Abwechslung innerhalb des Tellerrandes seiner Begierde bekam.
Uihhhh, wie quiekte er jedes Mal theatralisch lüstern, wenn sie ihm ihre Beute zum Abendmahl nackt und von der Sonne gut krossgebratenes kredenzte, damit er sich daran laben konnte. Sie wusste, dass er ein Schwein gewesen war, dass nur auf den Anstoß ihrer Blöße wartete, um sie triumphalisch in die Niederlage zu zwingen und sich als angeblicher bourgeoiser Sieger über ihrer Weiblichkeit zu fühlen.
„War das Deutsch genug, um wirklich Deutsch zu sein?“, fragte sie sich, als sie fahrig die Tür zu ihrer Behausung im elften Stock des baufälligen Wohnsilos am anderen Ende der Stadt aufschloss und sich erschöpft auf ihr Bett fallen ließ und beschämt in einen traumlosen Schlaf verfiel.

© CRK, Le, 08/2020

Reizworte:

  • Anstoß
  • bajuwarisch
  • bourgeois
  • Falottin
  • Großkotz
  • Niederlage
  • Triumphalisch
  • Windhund

Nö-Jö-Wö?

Nö-Stimmung

Lierum Larum Löffelstiel,
wer viel frisst, der ist
auch viel in seiner Fölle,
so als wölle, er ausfüllen
das Gewimmel am
Krahimmel

Sagt er Nö vorm Krawö,
weil ich mir selbst
grad viel zu viel,
sagt sie ja,
denn ihre Nunft
ist manchmal eben nicht
unter ferner liefen,
sondern nahe am
Krawühl des Herzens
und Krawumm
im Kopf

Ja wie nun, frage ich,
Auszeit von mir selbst
oder nicht?

© CRK, Le, 08/2020

Bleiern

Montag Morgen

Töne fallen aus allen Wolken
meines Gedankenhimmels,
mühlen sich durch die Windungen
meines Denkapparates
und stürzen mir schließlich
in den Herzensschlund,
bis ich Emotionen blute
und weidwund mich winde
im Schlaf der Ungerechten

Kein Regenbogen am Horizont
und keine Seifenblasen
in meinen Gedankengängen
Niemand da, der mich tröstet,
nicht einmal ich selbst …

© CRK, Le, 08/2020

Hindernisse

Morf war ein kleinwüchsiger Morfing, der sich morphologisch verändern konnte, wenn er die Entspannung in Person gewesen war. Nur der Stress seines eigenen Daseins konnte ihn daran hindern, seine äußere Körperhülle, der inneren Eingebung und Gegebenheiten anzupassen.
Und just in diesem Augenblick der Prüfung seines Lebens schwitzte sich Morf die Seele aus dem Leib. Lauter Glasperlen rannen ihm über seine angespannte graue Steinhaut und bildeten ungezählte Rinnsale bis hin zu kleineren Sturzbächen, die seine Körperlandschaft zerfraßen, bis er gefühlt nur noch Sand und Staub gewesen war.
Dies ist zwar auch eine gewisse Art von gemorphten Dasein gewesen, aber eben nicht das angestrebte Ziel seines aktuellen Leides.
Morf kniff seine Knopfaugen zusammen, wünschte sich ganz fest, kein Stein mehr zu sein, sondern eine Sonnenblume, doch unter diesen Bedingungen wollte es ihm einfach nicht gelingen.
Denn seine Umgebung war immer noch mit der Hitze des Vortages aufgeladen, die alles niederdrückte und gen Nullpunkt fahren ließ, obwohl sich schon längst ein wohltuender Regen aus Daunenfedern und Seifenblasen angekündigt hatte.
Morf wünschte sich das Ting seiner Morfing-Ahnen herbei. Denn er wollte eben unbedingt eine Sonnenblume sein. Er hoffte nämlich, dass ihn Kandula, seine Elefantistin, die er aus der Entfernung anbetete, so eher pflücken und liebhaben würde.
Doch all seine Bemühungen blieben an diesen Morgen unerhört erfolglos. Er war und blieb ein schwitzender Felsbrocken, wenn auch in Herzform, und Kandula betrachtete ihn, wie an jedem Morgen, mit ihrem liebreizenden Augenaufschlag, als sie an ihm vorbeischlenderte, um sich auf die Suche nach Godot zu machen, weil sie ihn oder vielmehr etwas Unbestimmtes in sich selbst vermissen tat.
So blieb Morf an diesem Sommermorgen der schönste Felsbrocken in seiner Nachbarschaft, der Glasperlen schwitzen konnte und diese auch zum Schmelzen brachte, so dass sich über die Zeit ein gläserner See um ihn herum gebildet hatte.
Aber dennoch war er in der Lage, sich morphologisch zu verändern. Nur war er eben so gut wie nie tiefenentspannt bei seiner Sache. So sehnte er sich Zeit seines Lebens danach, wer anderes zu sein, bis ihn seine gläsernen Schweißperlen vollends zu Staub und Sand zerfressen hatten und ihn seine ehemalige Komfort-Zone in der Sommerbrise tanzen lies und er sie dabei mit seinen Sandkörnern und Staubflusen ganz allmählich bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt hatte.

© CRK, Le, 08/2020

 

 

Der blaue Tod

Plum saß auf seinem Allerwehrtesten und zupfte seiner Sonnenblume ein Blütenblatt nach dem anderen aus, bis sie ganz nackt war und ihr brauner Blütenkorb ihm traurig entgegennickte. In Gedanken sang er dabei: „Ich küsse sie, ich küss sie nicht. Weil lieb ich sie oder auch nicht …?“
Man hatte ihm aus Sicherheitsgründen eine Windelhose angezogen. Denn in dieser schwülwarmen Jahreszeit neigte er oft zu unkontrollierten Ausscheidungen. Sein Gehirn arbeitete bei diesen Temperaturen auf Hochtouren, und niemand konnte mit Gewissheit vorhersagen, wieviel Wissen es dabei preisgeben und aus seiner zentralen Schaltstation hinauskehren würde.

Plum war das letzte Knopfauge seiner Art auf dieser Welt, dessen Denkmaschinerie in seinem Unterleib saß und von dort aus Schaltete und Waltete, wie es ihr in den Sinn kam. In seinem Kopf dagegen befand sich nur eine Mischung aus Schurwolle und rostigen Reiszwecken, so wie auch der Rest seines Körpers mit Schurwolle angefüllt war.
Seine Denkmaschine allerdings bestand aus einem Wirrwarr aus gestrickten Windungen, Höhlungen und Gängen und war in sich verschlungen. In ihrem Inneren brütete sie über ungezählte Batterien von Knopfbabys, die erst noch reifen mussten, bevor sein Denkapparat sie schließlich in die Freiheit entlassen würde.
Er fraß nämlich mit Vorliebe die abgetragene Kleidung anderer Leute, verdaute deren Stoffe zu Schmetterlingspuppen und modifizierte die alten Knöpfe in seinem Inneren zu etwas Neuem. Oft kam dabei das ein oder andere Potpourri-Mosaik heraus, das er dann aus seinen Windelhosen schütteln musste, damit er mit diesen neugeborenen Knöpfen seine Bonbongläser für die neugierigen Kinder dieser Welt befüllen konnte.

Plum war von bäriger Statur und trug ein silbernes Fell. Er war ein Tanzbär, der gedanklich nie stillstand und sich wie ein Perpetuum-Mobile über Tisch, Stuhl und Bett bewegte, damit er seiner geistigen Hyperaktivität genügend Raum gewähren konnte, so dass diese sich gebührend in Szene setzen und auf ihren ureigenen Laufstegen modeln konnte.
Bequem war das nicht für Plum, doch das war ihm herzlich egal. Denn er hasste es, irgendwo stillzustehen und auf Godot zu warten und den lieben langen Tag nur Däumchen zu drehen. Es entsprach einfach nicht seiner Natur.
Und so streunte er durch sein buntes Leben und saugte es auf wie ein ausgedörrter Klassenzimmertafelschwamm, damit er innerlich nicht austrocknete und schiss in einer Tour Knöpfe aller Art in seine Windelhosen.
Es kamen aber auch beständig irgendwelche Kinder zu ihm, die ihre marode Kleidung gegen neues Knopfspielzeug eintauschen wollten, um sich daraus eventuell einen Tarnmantel besetzt mit lauter bunten Teilchen dieser Art zu basteln, damit sie sich vor den Argusaugen ihrer Eltern verstecken konnten.

Plum war ein zufriedenes Knopfauge und lebte in einem Iglu aus bewaldeten Baumzweigen, am Rande von Sag-ja-Rah, dem unendlichen Baum-Meer, das eine natürliche Barriere zur Steinwüste der Uhrzeit bildete.
Er genoss jeden Pinselstrich seines Daseins und lachte wie ein Honigkuchenpferd, wenn er von den Kindern dieser Welt Besuch bekam. Nur manchmal war er sehr wütend darüber, wenn ein Schelm aus seiner Nachbarschaft böses dachte, und ihm den einen oder anderen Felsbrocken aus der entfernten und manchmal doch so nahen Steinwüste der Uhrzeit vor die Türe legte, um ihn daran zu erinnern, dass auch sein Dasein befristen war, so wie das seiner Kinder.
Dann stampfte Plum unwillig mit seiner Bärentatze auf, zerbrach sich dabei sein Denkergedärm und schoss lauter rostige Reißzwecken aus seinem Schurwolle-Kopf in die benachbarten Baumstämme, um damit seine Geistesblitze via Post-its an die Bäume zu pinnen.

Doch es half alles nichts. Auch er konnte die Gesetze dieser Welt nicht brechen oder gar um- beziehungsweise neuschreiben. Eines Tages kam es, wie es kommen musste, und der Gevatter Tod klopfte an sein belaubtes Iglu-Dach.
Plum hieß ihn widerwillig willkommen und fragte ihn, ob er nicht erst noch mit ihm eine Tasse Früchtetee trinken wolle, bevor er zur Tat schreiten würde.
Der Gevatter Tod freute sich darüber sehr, denn normalerweise lud man ihn nie zu einer Tasse Tee ein. Schwungvoll legte er seinen Sternenumhang ab und betrat Plums Iglu, dass sich im Inneren auf die Größe eines halben Märchenschlossen ausdehnte und viele Vorratskammern, Schlafhöhlen und auch Spielhöhlen beherbergte.

Plum machte sich geruhsam daran, seinen Blaubeertee zu brühen und drapierte einige Wurzelknollen und Kräuterlinge auf einer Holzplatte zurecht, die er dem Gevatter Tod in einer seiner größten Spielhöhlen kredenzte.
Als der Tee fertig gewesen war, schenkte er seinem Gast ein Tässchen davon ein und reichte ihm dieses. Der Gevatter Tod unterbrach sein Wiegenlied, dass er für die soeben gefangene Stubenfliege gesungen hatte, denn er wollte seiner Enkelin eine Weggefährtin mitbringen und schenken. Nebenbei nahm er einen kleinen großen Schluck von seinem Blaubeertee, tropfte augenblicklich den Holzdielenboden unter seinem Schemel voll und färbte diesen blau.
Der Gevatter Tod kicherte, als er sein kleines Malheur bemerkte und sagte: „Ja, das bleibt wohl für immer mein Los. Ich kann nichts zu mir nehmen, ohne dass ich den Boden unter mir besudele.“ Dabei streifte er sich mit seiner einen Skeletthand über den nackten Schädel und erschrak, als er gewahr wurde, dass auch die Knochen seiner Hand blau gefärbt waren.

Nun war es Plum der laut auflachte und sich die Teddybärentatzen rieb.
„Du wirst auf immer und ewig ein blaues Skelett bleiben, wenn du mich nicht freigibst“, sagte er im freudigen Tonfall und streckte dem Gevatter Tod seine blaue Zunge entgegen. „Leg mir dein Ehrenwort auf meine Zunge, damit ich es mir einverleiben kann und du an deinen Schwur gebunden bist“, fuhr er fort und wähnte sich als der Schlauste seiner Art, von der er der letzte überlebende Vertreter gewesen ist.
Ein Donnergrollen, das schnell näher kam, erschütterte das Iglu und die nahestehenden Bäume, als der Gevatter Tod sich erhob und anstatt vor Zorn zu erbleichen, immer blauer anlief und solange schneller und schneller werdend vor sich hin japste, bis Plum ihm eine seiner papiernen Mülltüten reichte, damit er in diese ein- und ausatmen konnte.
Als sich der Gevatter Tod schließlich – auf seinem Schemel sitzend – wieder gefangen hatte, brummte er schließlich: „So sei es“, und erhob sich abermals. Er steckte die erstarrte Stubenfliege anstelle von Plum in die Tasche seines Sternenumhangs und bedankte sich bei seinem Gastgeber für die lehrreiche Lektion.
Dann schwor er Plum auf seine bläuliche Zunge das Ehrenwort, dass er ihn nie holen kommen und mit sich in sein Reich nehmen würde. Es sei denn er selbst würde ihn freiwillig rufen und dazu bereit sein, ihm zu folgen.
Schließlich erhob er sich mit knirschenden Knochen und Plum gab ihm zum Abschied einige seiner weißen Knallerbsen, die sein Gast zerkauen sollte, damit sein Skelett sich wieder beige verfärben würde.

So kam es, dass der Gevatter Tod einmal in seinem langen Dasein blau gewesen ist.

© CRK, Le, 08/2020

 

Reizworte:

  • Modeln
  • Pinselstrich
  • Tisch
  • Perpetuum
  • wütend
  • bequem
  • marode
  • brechen

Nicht allein

In der Tat gedrängt der Tatendrang,
überstürzt sich im launischen
Aprilgewetter meiner Emotion
für mich selbst, für sie und für alles,
was mich in Herzenswellen
berührt, umspült und
unterwandert,
ja, auch aushöhlt sowie
überschwemmt

Gibt kaum Halt in diesen Tagen,
so intensiv ist alles Ungewohnte
reißt Mauern ein und mit sich fort
nimmt mich mit auf eine Reise,
bei der ich nicht ahne,
ob ich ihr folgen kann,
obwohl ich das Ziel doch (er)kenne,
und ob du mir nachfolgen wirst
oder überhaupt irgendwer,
den ich liebgewonnen

Oder ist es gar so weit gekommen,
dass ich allein mit mir gehen muss
und niemand meinen Spuren folgen mag?
Ich merke schon den Widerspruch,
wenn ich mich laufend nach meiner Selbst
und dir und meinen Lieben herumdrehe
Denn es heißt eben nicht,
mutterseelenalleine fortzuschreiten,
sondern immer mit sich selbst

Ich habe Angst, etwas zu verlieren,
was ich nie haben werde,
weil es nichts zum Besitzen gibt,
sondern, wenn dann,
sich aus freien Stücken mir zuneigen wird
und auch schon in meiner
Hände Dasein sprießt und sprosst
Ich bin nur blind,
ob der Dämonenschar,
die Zweifel in mir sähen

© CRK, Le, 08/2020

Ungelehrig

Schnick, Schnack, Schabernack,
ich reiß dir gleich die Rübe ab,
wenn du es nicht verschneckst,
um zu beenden das Rhabarber-
Gelaber deiner Dämonen

Schnick, Schnack, Schlabberlook,
mach dich hübsch und schmook
sei kein Schwein und hab dich lieb
gib dem ganzen keinen Seitenhieb
sondern lass wachsen die Dinge,
wie sie eben wollen gedeihen
Du kannst es eh nicht erschmollen
und schon gar nicht verändern
Denn Angelegenheiten im Herzen
brauchen mehr Ge in der Lassenheit
und mehr Mut in der Weisheit
des eben nicht immer
letzten Sch(l)usses

Sei kein Hecht in der Kraft
deiner Wassersuppe
Aber sei du selbst
und gehab dich Wohl
in deiner Kaktusliebe
Ich sag‘s dir nur,
das gibt noch schniebe Hiebe
vom Leben höchst persönlich
Aber du willst ja nicht hören,
so musst du es erspüren,
um zu lernen diese Lektion
der Lebenslektüren

Nur eins noch, geb‘ ich dir mit
auf deinem Um der Wege:
So zupf doch deiner Schmume
nicht immer die Blütenblätter aus,
um zu erfragen, ob sie dich liebt
sonst kann sie nicht erblühen –
so nackt wie sie dann ist

© CRK, Le, 08/2020

Missmutig

Die Fee lächelte. Sie saß ihrem Charleston gegenüber und hörte ihrer beider Gedanken zu:
„Wir jammern auf hohem Niveau, wenn wir meinen, wir seien gerade traurig, weil wir mit uns allein sind und uns damit justament einsam fühlen“, sagte sie in diesem Moment zu Charleston, als er sich seinen verschwitzen Haarschopf eben nicht unter das kühle Nass seiner Dusche halten und den Rest seines Körpers hinterherschieben wollte, sondern mittels seiner Rollläden die Wohnung verfinsterte und Prodigy mit der Hilfe seines Computers durch die Wohnung wummern ließ.
„Atme!“, dachte er. „Ich will atmen!“, sagte er laut. „Ich will leben und aktiv sein!“, brummte er missmutig seiner Fee hinterher, als sie in die Küche lief, um ihren geliebten Rote-Beete-Salat zu zaubern.
„Ich will meine Freunde wiedersehen und unter Menschen sein und sie auch umarmen und liebhaben!“, jammerte Charleston weiter.
Er kämpfte mit seinen übellaunigen Dämonen und vermisste die Liebe in seinem Herzen. „Die anderen leben doch auch ihr Leben, treffen ihre Freunde, haben sich gern und umarmen sich selbst und auch andere Menschen. Nur ich hocke mal wieder in meiner Ecke und beklage mein Dasein, weil ich meinen Hintern nicht hochbekomme und wieder aktiv werde, weil mich mein Auch-haben-wollen-und-vor-sich-hin-träumen ausbremst und ich mit mir selbst überfordert bin. Das nervt mich gerade sehr an. Ich nerve mich selbst an, und ich bin unzufrieden mit mir selbst, weil ich heute noch keine einzige Bewerbung auf den Weg gebracht habe. …“
Es vergingen einige Minuten des Schweigens, bis die Fee abermals lächelte und ihrem Charleston eine große Schüssel mit frisch zubereiteten Rote-Beete-Salat hinstellte und damit begann, ihm eine von Dodos Geschichten zu erzählen:

„Die Perlen meines Lebens

 Ich kannte mal eine z(w)ittrige Miesmuschel mit dem Namen Kormo. Diese hockte beständig auf dem Ankerseil eines uralten Fischerbootes, das vor Jahrzehnten einmal als Schabracke getauft worden war. Man konnte noch die verwitterten Lettern, die einmal feuerrot gewesen sein mussten, auf der Bordwand des Buges erkennen.

 Kormo war eine große Miesmuschel und von Seepocken übersäht und glaubte sich in ihrer Gesellschaft selbst zu genügen. Sie lebte seit vielen Jahren im brackigen Wasser des Großen Binnenmeeres ihrer Zeit und ernährte sich von den Missetaten der Spatzenhirne. So nannte Kormo die Menschen.
Seit Jahren unterhielt sich Kormo mit sich selbst und spielte mit seinem Essen Stripp-Poker, dass, immer wenn er eine Pechsträhne gehabt hatte und das kam ziemlich häufig vor, die Seepocken im Anschluss ausbaden mussten. Diese warfen dann ganz gschamig ihre Panzerung ab und machten sich auf dem Dach von Kormos Behausung zum Affen des Großen Binnenmeeres.
Doch niemand außer er selbst lachte darüber. Das wiederum machte ihn launisch wie das Aprilwetter. Meist hatte er dann gar keine Ahnung davon, wo seine Unausgeglichenheiten überhaupt herkamen und vor allem warum sie urplötzlich auftauchten und ihn mit ihren Nadelkissen piesackte, wie ein Kaktus, der sich so bettet, wie er sich und andere zu lieben glaubt.

 

 Kormo war also mal wieder mies drauf, hatte sich in ihrem Muschelhaus zurückgezogen und aß die Tränen des geschundenen Binnenmeeres auf, die auch ihre eigenen gewesen sein könnten. Dabei kaute sie auf den Sandkörnern ihrer Zeit herum und schied diese nacheinander wieder aus.
Bis auf eines, das behielt sie bei sich, tief in ihrem Inneren versteckt und hegte und pflegte es, wie sie es bei ihren eigenen Kindern nicht getan, sondern diese als Larvenparasiten in die Welt hinaus entlassen hatte.
Doch dieses eine Sandkorn war etwas Besonders.
Kormo ummantelte es mit seinen Herzenslaunen und umschrieb es mit vielen Schichten seiner wechselhaften Emotionen, bis es eine schillernde Perle geworden war – trotz oder gerade wegen seiner inneren Widrigkeiten.

 

 Als schließlich die namenlose Fischerin ihr Fischerboot in dem kleinen Hausdock am Ufer des Binnenmeeres rundumerneuern wollte, entdeckte sie die z(w)ittrige Miesmuschel am Seil ihres Bordankers und wollte aus dieser gerade ein ihr mundendes Süppchen kochen, als Kormo ihre Geschichtenperle ausspuckte und diese der Fischerin vor das Messer rollte …

 

 Es bleibt offen, zu hoffen, ob Kormo und seine Existenz als oft miesgelaunte Miesmuschel verschont werden. Die Geschichtenperle allerdings ist hier gar fein zu lesen und verweilt vielleicht auch in den Sinnen des Lesers dieser Worte …

„Siehst du?“, sagte die Fee zu ihrem Charleston und tippte ihm von der Seite her auf die Schulter. „Du bist gerade meine Miesmuschel, und dafür liebe ich dich“, fuhr sie fort. Dabei legte sie ihren Arm um seine Schultern und schob ihm mit ihren Füßen eine halbvolle Schüssel mit lauwarmem Wasser für sein Fußbad hin.

© CRK, Le, 08/2020

Das Geisterdiplom

Stilz der Rumpel

Herr Poppe saß auf einer Holzbank in der ersten Reihe. Er hörte der Gedankenpolizei, die von ihrer Kanzel aus auf ihn herabpredigte, nicht genau zu.
Als schließlich ein Walross-Schnauzbart aus der Menge von spargeldicken und schweinedünnen Kuttenträgern, die allesamt blütenweiße Gewänder trugen, in Herrn Poppes rechtem Blickfeld auftauchte, legte der Walross-Schnauzbart seine Kutte ab und ließ den Amtsstubenmief im bläulichen Schimmer erstrahlen.
Er dröhnte auf den Herrn Poppe herab, dass er gar kein echter Geist sei, weil von ihm in den Archivannalen der Geisterschaft gar kein originäres Geisterdiplom zu finden sei. Er hätte die Analisten extra danach forschen lassen, als sie festgestellt hatten, dass Herrn Poppes kürzlich neu eingereichtes Jodelzertifikat für Geister der Oberbefehlshaber im gehobenen Dienst der Geistführerschaft eben eine gefälschte Urkunde gewesen sei.
700 Jahre wäre Herr Poppe ungeschoren unter ihnen herumgegeistert und nun sei er dazu verdonnert, so lange als unsichtbarer Großstadtuntoter in den nächtlichen Straßenschluchten der Menschen zu hausen und diese in ihrem ängstlichen Dasein zu bekräftigen und zu quälen, bis eine der Zwischen-den-Welten-Seelen das wahre Wesen von Herrn Poppe erkennen, ihm verzeihen und ihn trotz allem lieben würde.
Herr Poppe schluckte. Er schwitze unter seiner Kutte und Blut troff ihm von deren Säumen auf den Boden. Sein Puls raste, als man ihn anwies, das nun nicht mehr blütenweiße Gewand abzulegen und schließlich das Geisterlicht in ihm verlöschen ließ, in dem man rostige Nägel in seine nun sinnentleerte Hülle einschlug und sein Dasein am Ende in modrige Mullbinden einwickelte, bevor man ihm den Zugangscode ins Geisterreich aus dem Skelett deplantierte und ihn am Ende in die finstere Unwissenheit der Menschen entließ …

Es vergingen Jahrhunderte der Einsamkeit. Herr Poppe hieß nicht mehr Herr Poppe sondern Vergiss-mich-nicht. Und die Menschen hatten Angst vor ihm. Insbesondere die Großstadtkinder, weil ihre Eltern ihnen vor dem Einschlafen all die Horrorgeschichten, die schon ihre Groß- und Urgroßeltern über Vergiss-mich-nicht gewusst haben zu glaubten, weitererzählten und dabei immer noch etwas hinzudichteten, um die ganze Sache noch fürchterlicher auszumalen und damit das Hörensagen sowie Gruselerleben der Anderen noch zu übertrumpfen.

Eines Tages fiel Vergiss-mich-nicht aus allen Gewitterwolken dieser Stadt und kam auf dem Dach eines alten Schulbusses zum Sitzen. Dieser war knallrot lackiert und mit lauter Sonnenblumenblüten beklebt. Hinter dem Steuer saß eine weißhaarige Frau, die ein dunkelpinkfarbenes Sommerkleid trug und barfuß die Pedale ihres Gefährtes bediente.
Sie irrte durch die nächtlichen Straßenschluchten dieses namenlosen Großstadtmolochs und fand das Ziel ihrer Reise nicht. An einer Ampelkreuzung bremste sie scharf ab, so dass Vergiss-mich-nicht über das Dach des Busses nach vorn rutschte und auf der regennassen Windschutzscheibe zwischen den Scheibenwischern hängenblieb.

Die weißhaarige Frau rieb sich über die Augen, öffnete das Fenster auf der Fahrerseite und rief erstaunt: „Was für ein schlaflos untoter Verstoßener bist du denn, der mir da auf die Motorhaube gepurzelt ist?“
Vergiss-mich-nicht schluckte hörbar und japste nach Luft. Er dachte: „Verdammt! Ich bin nicht mehr unsichtbar. Wie kann das sein?“
Die Frau lachte, öffnete die vordere Falttür ihres farbenfrohen Busses, trat in den Regen hinaus und blieb vor dem Kühlergrill ihres alten Gefährtes stehen. Sie reichte Vergiss-mich-nicht ihre sehnige und sonnengebräunte Hand und sagte: „Ich kenne dein Schicksal. Ich bin vor Jahrtausenden auch eine verstoßene Untote mit eben deinem Namen gewesen, nachdem man mich aus den Annalen der Geisterschaft verbannt hatte.“
Die modrigen Mullbinden des Vergiss-mich-nicht spannten sich und stöhnten auf, als sich die rostigen Nägel langsam aus dem untoten Körper hinaus bewegten, dabei die Binden zerrissen, zu Boden fielen und ein nacktes Etwas neugeboren wurde.

Die weißhaarige Frau neigte ihren Kopf schief und pfiff leise durch ihre Zähne.
„Willst du zurück in die Geisterschaft, um dieses Mal erfolgreich in deren Annalen einzugehen und deinem Geistsein mit ehrlicher Geisterarbeit alle Ehre machen? Oder willst du lieber ein Mensch werden und dem Tugendpfad aus Angst folgen? Oder steht dir lieber der Sinn nach dem Spiritus der Seelenverwandtschaft und den Blicken in die Tiefen der Natur, um mir folge zu leisten und mich liebzugewinnen?“
Das nackte Etwas rang mit den Worten und senkte den Blick auf seine verschmutzten Füße. Es hob und senkte einige Male seine Schultern und nahm sich dabei selbst in den Arm, bevor es antwortete, dass es gern zwischen die Welten blicken und die Welt in ihren Angeln begreifen wollen würde.
Da jauchzte die weißhaarige Frau auf, griff das nackte Etwas bei der Hand, zog es mit sich in ihren roten Sonnenblumenbus und fuhr von dannen.

„Wer bin ich?“, fragte das nackte Etwas nach einer schweigenden Weile und betrachtete seine Wegführerin aufmerksam von der Seite.
Die Frau mit den weißen Haaren lächelte. „Du bist Jemand, der es besser weiß“, entgegnete sie ihm leise. „Und dein Name ist dir ins Herz deiner Seele geschrieben“, fuhr sie fort, „Du wirst es noch herausfinden.“
Das nackte Etwas gähnte herzhaft und rieb sich schläfrig die Augen. „Und wie heißt du?“, murmelte er, bevor er auf dem Klappsitz des Busbegleiters in den Halbschlaf hinüberdämmerte.
Die Frau mit den weißen Haaren lächelte erneut und gerade als sie ihm ihren Namen in das linke Ohr singen wollte, durchzog ein greller Blitz den großstädtischen Nachthimmel …

Charleston erwachte und stemmte sich verwirrt von seinem zerwühlten Nachtlager hoch. Als er verschwitzt am Rand seines Hochbettes zum Sitzen gekommen war, musste er lächeln. Der Tag war schon aufgegangen, und die Sonne hatte sich hinter einer blickdichten Wolkendecke versteckt, wohingegen sich die Schwüle des Vortages fast gelegt hatte.
Charleston fuhr sich durch sein zerlegenes Stoppelhaar, begutachtete den Farbfleck, den seine frisch gefärbten Haare auf dem gewaschenen Kopfkissenbezug hinterlassen hatten und hoffte sehr, dass er seiner liebgewonnen Riddikly würde noch viele Male begegnen dürfen.

© CRK, Le, 08/2020

Verkatert

Charlestons Lollophant saß auf dem heißen Blechdach seines Seelenhauses und fächelte sich mit seinem langen Rüssel ein laues Lüftchen zu. Er dünstete bunte Glasperlen aus seinen groben Hautporen aus. Diese sammelten sich in seinen zahlreichen Hautfalten und rannen wie Tränen in vielen Rinnsalen über seinen beleibten Körper. So rinnsalten sie auch hinter seinen großen Segelohren hervor, bevor sie um ihn herum viele kleine Pfützen auf dem Blechdach bildeten und dort zum Elixier seiner Gefühlswelt zerschmolzen, um schließlich in der Resthitze des vergangenen Tagesgefechtes zu verdampfen und von Lollophants langem Rüssel wieder inhaliert zu werden.
Charleston war erschöpft und fühlte sich emotionsverkatert. Es war weit nach Mitternacht gewesen, als sich Riddikly zu ihm und seinem Phantentier auf das heiße Blechdach gesetzt hatte, um ihnen ihre Sterne zu zeigen und dem Lollophanten in Charleston eine Sternschnuppe zu schenken.
Sie legte ihren kühlen Arm um die Schultern ihres Freundes und schwieg sich mit ihm zusammen durch diese Hundsnacht …

© CRK, Le, 08/2020

Halbvoll

Kehrt die Ruhe in mir ein,
nehme ich meine Farben
und tauche Dämon für Dämonin dort hinein
und male ihnen lachende Gesichter auf die Körper,
so dass ich keine Furcht mehr
vor ihnen verspüre und
mich nicht mehr selbst zerfleische
und noch Gutes in mir und an mir belasse
und vielleicht auch ein Eiland an Frieden
in mir finde, wo ich anlanden kann,
wenn mich die Müdigkeit übermannt …
Dann nimmst du meine Hände in die deinen,
führst sie an deine Lippen
und hauchst Küsse in ihre Innenflächen
Ich bin nicht allein,
das macht mich mehr frohgemut,
als das Wissen um das Ende
eines jeden Orkans im Wasserglas

© CRK, Le, 08/2020

Lektion

„Von einem, der auszog, das Leben zu lernen“, sprach Charleston, wischte sich den Schweiß von der Stirn und nippte an seinem Eiscafé. Er saß mit sich allein an einem Zweiertisch in einem kleinen Straßencafé, das sich in einem Fischerdorf am Salzmeer seines Geburtslandes befand.
Ein Sonnenblumenschirm spendete ihm Schutz vor dem Gewetter seiner Phantasie, und er beobachtete die Schnecken, wie sie sich im Regen ihren Weg über den nassen Sandboden bahnten, um unterwegs lauter kleine Sandburgen zu bauen.
„Für jede Sandburg ein Schneckenkind“, sinnierte Charleston und zog die Stirn kraus.
Riddikly lachte in seinem Kopf. „Das ergibt dann aber eine Schneckenplage“, meinte sie und schnippte in seiner Vorstellung mit den Fingern.
Und plötzlich regnete es den Kaffeesatz der letzten Tage hernieder, aus dem Charleston wohl nun würde lesen können, was mit ihm werden könnte, wenn er denn dieses oder jenes täte, bevor die Schnecken sein Tun gänzlich ausgetilgt hätten. So hoffte er es jedenfalls.
Plötzlich tauchte eine Horde Enten auf, die ihm auf der Straße entlang der Küstenlinie entgegenmarschierten und deren Federkleid aus Sanskrit bestand und das – wie Gebetsfahnen – im Wind flatterte.
Charleston rieb sich die Augen, als er beobachtete, wie sich die Enten eine Schnecke nach der anderen griffen und sie zu Gebetszwirn drillten, um diesen in ihr Federkleid aus Gebetsfahnen einzuweben.
Abermals hörte er Riddikly in seinem Kopf lachen. „Wir sehen uns wieder, wenn du gelernt hast, das Gleichgewicht zu halten“, flüsterte sie ihm in seiner Vorstellung zu und verstummte schließlich.
Charleston Herz zog sich schmerzhaft zusammen und verstolperte sich. Er vermisste sie sehr …

© CRK, Le, 08/2020

Don’t Worry

Eh-Komma-Null-Fünf-Sieben-Neun-Zwo. Das ist die Losnummer, die ich gezogen habe. Und jetzt sitze ich hier im Schatten meiner Wohnung und warte auf die Dinge, die da kommen oder auch eventuell nicht kommen mögen.
Warten.
Das ist einer meiner Lieblingszustände, und ich bin ganz besonders gut darin. Ich schaue schon jetzt immer wieder auf mein Händie, dass ich eben nicht von Mändie geschenkt bekommen habe und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden und Millisekunden bis zur großen Entscheidung, nach der sie mich eventuell anrufen werden oder aber eben auch nicht.
Mich macht das ganz kirre, und es ist gerade mal kurz vor sechs Uhr in der Frühe.
Draußen ist es immer noch ganz schummrig. Die Tage werden nun spürbar kürzer. Auch wenn die Hundshitze immer noch drohend über den Dächern dieser Stadt liegt, und doch ist es momentan noch angenehm kühl draußen. Gottseidank. Aber der wolkenlose Himmel verspricht anderes.
Meine Fußgelenke sind noch vom Vortag geschwollen. Ich weiß, ich bewege mich zu wenig. Aber die drückende Hitze dieser Tage und eben das Warten auf etwas, was bei meinem Glück ganz bestimmt den Namen Godot trägt, macht mich ganz lethargisch.
Mein Wespenschiss vom Wochenende juckt sporadisch und erinnert mich daran, was ich gern wiederhaben möchte und was ich schon jetzt vermisse, obwohl ich es noch gar nicht verloren habe, weil ich es noch nie besessen habe.
Kann man überhaupt etwas verlieren, was man wohl nie in seinem Leben besitzen wird, weil es einfach nichts Dingliches ist, sondern ein Gefühl, was einem geschenkt wird oder eben auch nicht? Und geht es überhaupt darum, dieses etwas zu besitzen, wie ein Stück Eigentum? Ich zweifle daran … weiß aber nichts Genaues darüber.
Mir ist warm, und vereinzelte Schweißtropfen rinnen über meine sich schälende Haut. Ich vermute, dass auch sie die Millisekunden zählt, bis sie zu Sekunden, Minuten und sogar Stunden werden. Bis das Telefon klingelt oder eben auch nicht.
Ich könnte mich sinnvoll ablenken. Mit Arbeit zum Beispiel. Ich könnte beispielsweise noch weitere Bewerbungen schreiben oder mein Selfie vom Wochenende bearbeiten oder, … Damit die Warterei mich nicht gar zu sehr quält. Doch genau das mag mir momentan nicht gut gelingen.
Aber immerhin. Ich schreibe diesen Tagebuchblogeintrag hier und schlage somit meine Zeit tot, damit die Millisekunden spürbar schneller zu Sekunden, Minuten und Stunden werden und mich nicht noch kirrer machen, als ich eh schon bin.
Meine erste Kakao-Espresso-Spezialmischung habe ich verinnerlicht. Mein Kreislauf ist halbwegs in Schwung, und ich bin irgendwie auch wach. Niemand sagt mir, was ich jetzt zu tun habe. Noch nicht mal meine Lust.
Das Warten füllt alles aus und vermischt sich mit den über Achtzig Grad Fahrenheit in meiner Wohnung. Sogar meine Youtube-Playlist spielt nicht lückenlos meine Musik, sondern stockt zwischendrin immer wieder. Und das Telefon will und will einfach nicht klingeln.
Die Uhren stehen auf sechs Uhr und dreißig Minuten.
Bobby singt gerade: „Don’t worry, be happy“, und ich muss augenblicklich niesen. Er hat Recht, und ich mache mir jetzt noch einen meiner Spezialmischungen. Vielleicht schwellen davon ja auch meine Fußgelenke wieder etwas ab? Das ungelernte Pflegerherz zeigt mir allerdings den Stinkefinger und legt „Make me bad“ von Korn auf den imaginären Plattenteller.
Es ist jetzt genau sechs Uhr und fünfundvierzig Minuten. Ich weiß noch immer nicht, was ich als nächstes tun soll, aber irgendwie hellt sich meine Stimmung etwas auf, und ich lächele …
Denn meine Lieblingstante pflegt in solchen Situationen immer zu sagen: „Es wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.“
„Wir werden es sehen“, flüstere ich in die Musik hinein und erhebe mich, …

© CRK, Le, 08/2020

Kollaps

Die Kemenaten schwitzten. Die Wohnsilos auch. Der Asphalt in den Straßenschluchten und die Gewegplatten ebenso. Jeder in der Stadt lechzte nach einem flüchtigen Schatten und einem kühlen Lüftchen. Und alle sehnten sich nach crushed Blaubären aus dem Kein-Schimmer-Land, die im Eiswürfelshake mit einem Mix aus Waldbeeren schwammen, die extra vom Nordpol in die Großstadtwüsten importiert wurden.

Momentan herrschten draußen fast sübzisch °Celsius. Und jeder der etwas auf sich hielt, trug einen vollklimatisierten Allzweckanzug von der Firma Cuhlness – den deren Raffzähne von Großraumratten einem akkurat auf den Leib schneiderten, damit man nicht von den Lichtwellen aus dem ungefilterten Weltall gegrillt wurde.
Alles konnte heutzutage nur noch unter den Käseglocken-Filterblasen dieser hinfälligen Erde existieren und niemand zweifelte daran, dass das alles seine Richtigkeit gehabt hat. Denn jede dieser Schutzblasen wurde von den Werbebotschaften der Firma Cuhlness durchflutet. Und die Microchips, welche von Geburt an in die Großhirnrinden der Eierköpfe eingepflanzt wurden, impften deren Gehirne mit den Botschaften dieser Firma, so dass sie diese für die Wahrheit hielten und vor sich herbeteten.

Nur eine Hand voll widerspenstiger Spiritueller bildeten den Untergrund der ansonsten cleanen und gleichgeschalteten Gesellschaft. Sie hatten es über die Jahrhunderte hinweg geschafft, sich von der gemeinschaftlichen Denkplatine der allmächtigen Gottväter zu lösen und die Microchips insgeheim zu deplantieren, ohne dass die Oberen etwas davon bemerkten, um sich schließlich via dezentraler, mobiler Aluhäute gegen die Weltallstrahlenwellen zu immunisieren und unabhängig von den Käseglocken dieser Erde zu machen.
Und nun waren sie auch dazu bereit, sich aus den Labyrinthen des Untergrundes zu befreien, um die Oberwelt außerhalb der schützenden Filterblasen zu erobern.
Die Gottväter der Cuhlness-Gläubigen und -fürchtigen nannten diese Querdenker auch Riddiklyaner. Denn ihre Anführerin war eine wildgewordene Holographin mit dem Namen Ridmy. Die letzte Nachfahrin aller weisen Kräuterfrauen aus der alten Welt, die ihre Urmutter Riddikly als ewigen Kult verehrten.

Niemand außer Ridmy war dazu in der Lage, aus Nullen und Einsen einen grünen Code zu stricken, der eine lebendige Natur hervorbringen würde, die sich auch unter allen äußeren Widrigkeiten selbstständig vermehren und die alten Steinwüsten der Außenwelt wiederbeleben und begrünen konnte, um so einen erneut natürlichen Schutzschirm in der Erdatmosphäre gegen die Weltallstrahlung aufzubauen.
Doch das wollten die alteingesessenen Gottväter des Cuhlness-Clans verhindern und schmiedeten einen Komplott gegen Ridmy und ihre Querdenker. Sie infiltrierten diese Gegenbewegung unbemerkt mit mehreren Agenten und spannen so ihr Netz aus Intrigen.

Einem der Agenten der Cuhlness-Firma gelang es schließlich kurz vor dem Tag Zero im Glauben der Ridmy-Bewegung, Zugang zu ihrem grünen Code zu erlangen und diesem einen virtuell selbstzerstörerischen Bandwurm einzupflanzen, so dass der Neustart der Außenwelt – außerhalb der Schutzblasen dieser hinfälligen Erde – und die Wiederbegrünung der alten Steinwüsten in einem evolutionären Fiasko endeten.
Das Fazit waren Monokulturen aus steinernen Pilzwällen und Schwämmen, die neonviolett verstrahlt über die alten Steinwüsten wucherten und so auch die letzten eventuell dort noch lebenden Einzeller mit ihrer inneren Giftstrahlung abtöteten.
Ridmy allerdings wurde als Holgraphin in ihrem Dasein derangiert, in ihre Einzelbestandteile aus Nullen und Einsen zurückgewandelt und auf die Datenmüllhalde der Cuhlness-Firma verbannt. Von dort aus hallte sie aller Jubeljahre einmal als diffuses Echo durch das weltweite Netz der Filterblasen dieser Welt, doch niemand der Cuhlness-Gläubigen und -fürchtigen wusste dieses Echo zu deuten.
Der klägliche Rest der Spirituellen wurde durch die Umerziehungslager des Cuhlness-Clans umgepolt und separiert, und nur wenige erinnerten sich selbst nach Jahren der weißen Folter noch verschwommen an die Legende des Riddikly-Kultes und an Ridmy, die letzten Nachfahrin aller weisen Kräuterfrauen aus der alten Welt.

So nahm schließlich alles sein vorhersehbares und bestimmtes Ende und mündete im Weltallstrahlenkollaps, der die gesamte Erdoberfläche und jedes dort noch verweilendes Lebewesen ausdörrte und in seine Staubpartikel zerlegte. Selbst die Käseglocken-Filterblasen waren dagegen machtlos und zerfielen letztendlich zu Staub.

© CRK, Le, 08/2020

Sitzfleisch

Drückt es hier,
ziept es da und
zwackt es dort.
Der Boden unterm Grase
ist düchtsch hiechlisch hier,
jammert es mich im Stillen
und fordert sehr
die Sitzhöcker meiner
vier Buchstaben.

Wieso eigentlich vier
und nicht gar fünf
oder vielleicht
derer sieben
an der Zahl?

Das bleibt das Rätsel
der Maise im Arsch,
die da pieselt
mich an und lockt
der Bremse Stachel,
die extra bremst ab
ihren Flug, um zu landen
auf meiner holden Seite
und der Wespe
wütend Stich
einen zweiten folgen
zu lassen und mich
mit purer Natur
zu quälen.

Viel lieber säße ich jetzt
auf ‘nem weichen Sesselpupserstuhle
im geschützten Raume
und schwitzte mich hinfort
ins Reich (d/m)einer Phantasie,
die sich – wie Netzflügel gleich –
um mich spannte

Da küsst dein Lächeln mich
und befreit den Geist von
meiner leiblichen Qual
und fliegt mit mir gen Wolken,
die zwar nicht derer sieben sind,
aber ungezählt viele,
so dass wir wandern
von hinnen nach dunnen
zum forten ins Wana am Nir,
um den Liebreiz der Natur
von dorten im freien Fall
zu betrachten

© CRK, Le, 08/2020

Sommernacht

Schiwawau hatte Riddiklys Drops zwischen den Zähnen und kratzte sich nun mit seiner linken Zehenspitze das Innere seiner gespitzten Ohren. Einige Pusteln hatten sich dort hinein verirrt und juckten Schiwawaus Gemüt.
Normalerweise hätte er sich diese Ohren aus seinem Hundekopf herausgerissen, um sich flugs neue nachwachsen zu lassen. Sie hörten ihm sowieso viel zu genau hin. Doch er war abgelenkt. Denn er hatte den Drops noch nicht gelutscht.

Riddikly musste lächeln und zwirbelte ihr weißes Haupthaar. Sie zupfte sich ein einzelnes Haar aus ihrem Schopf, während sie auf einem der neun Schemel hockte, die im Kreis um Schiwawau herumstanden und legte dieses Haar ihrem Gottvater zu Füßen. Dann breitete sie ihre sonnengebräunten Arme aus und ließ ihrem Schweinkrams freien Lauf, in dem sie lauter Ferkel herbeizauberte, die sich das einzelne weiße Haar mit ihren Schnauzen schnappten und Schweine-Ping-Pong damit spielten.
Die Ferkel waren teils schwarz und teils weiß gefärbt, und manche von ihnen trugen eine schwarz-weiß gefleckte Haut. Sie quiekten sich allerlei Stoßgebete zu, bevor sie dazu übergingen, sich gegenseitig ihre Speckschwarten windelweichzuklopfen. Damit sie sich diese einander abziehen konnten, um einen Öl-Sud daraus zu sieden, den sie in Schiwawaus neun Petroleumlampen einfüllten, um ihn und sich selbst damit zu erleuchten.

Als die Ferkel völlig nackt gewesen waren und etwas unglücklich dreinblickten, weil ihnen die Lust am Spielen vergangen war, zupfte sich Riddikly in einem fort an der Nase, doch sie wollte und wollte nicht länger werden, und Schiwawaus Weisheit ließ auf sich warten. Seine gespitzten Ohren juckten ihm noch immer, während seine Zehen inzwischen vor Ohrenschmalz strotzten und damit Riddiklys Opfergabe einfetteten.
Schiwawau zwirbelten dieses einzelne Haar immer weiter in die Länge, bis er daraus eine Endlosgeschichte häkelte und sich und allen anderen diesen Poncho überwarf. So saßen sie schließlich allesamt im Kreis beim Öllampenschein und betrachtet den sommerlichen Sternenhimmel.

Als schließlich Riddiklys Augen kleiner wurden und ihr die Lider immer wieder zufielen, fing sie an, die Sternlein am Firmament zu zählen und ihnen kleine Nummernschilder um ihre gezackten Ränder zu hängen, bevor sie sich ihren Charleston herbeisehnte, um mit ihm gemeinsam unter dem freien Sommernachthimmel einzuschlafen.
Schiwawaus Ohren waren inzwischen überreizt und so spitz, dass er diese auf Riddiklys nackte Schultern legte. So streichelte er sie in den Schlaf und erhob sich schließlich, um den nächsten Tag aus dem Fundus seiner Göttergattin Parwa einzukaufen.

© CRK, Le, 08/2020

 

Reizworte:

  • Zehenspitzen
  • Windelweich
  • Stoßgebet
  • Auflegen
  • Petroleumlampe
  • Einkaufen
  • Zupfen
  • Überreizt
  • Nummernschild

Der Tag des Mittagsschlafes

Blick ins Himmelsfeld

Mein Körper glüht, wandelt all die gestrig getankte Lichtenergie in Wärme um und leuchtet dabei von innen heraus. Er leidet teilweise unter einem deftigen Sonnenbrand, der mich heute Nacht auch gegen 3:20 Uhr aus meinem Hochbette vertrieben hat. Ein Glühwürmchen ist gar nichts dagegen. Ich habe schon ein lauwarmes Fußbad und kühle Beinwickel unternommen und die verglühte Haut mehrfach mit meiner Bodymilk gecremt. Doch mein Zustand bessert sich nur marginal. Im Moment sitze ich nur sehr, sehr leicht bekleidet an meinem Schreibtisch und verdaue meinen heutigen Mittagschlaf.
À la: die Mittagsruhe und ich? Bin ich etwa krank? Denn bekanntlich schlafe ich über Tag nie … und falls doch einmal solch ein Ausnahmezustand eintreten sollte, bin ich danach unausstehlich, und kann den restlichen Tag in der Tonne entsorgen.
Doch ich bin nicht mies gelaunt. Das Gegenteil ist der Fall. Ich sitze in meinem Bürosessel, habe eine alte Decke über den Sessel gelegt, damit ich nicht so sehr auf seinem Kunstleder schwitze, lächle in mich hinein, denke über dieses und jenes nach und chille vor mich hin. Also wirklich, wirklich … völlig entspannt bin.
Es treibt mich auch nicht in die Erklärungsnöte, dass ich gestern trotz meinem sonst ausgeprägten zwiespältigem Diversity-Gefühl zur Nacktheit und optisch unförmigen Weiblichkeit meines eigenen Körpers mit meiner Gastgeberin FKK-Baden gewesen bin und mich zwanglos den anderen Badegästen und vor allem mich so ungeniert meiner Gastgeberin gezeigt habe. Und ich habe mich dabei gar nicht beglotzt gefühlt, sondern von ihr sehr wertgeschätzt. Die anderen Badegäste an dem Weiher waren mir dabei, ehrlichgesagt, schnurzpiepegal. Ich hatte sowieso nur Augen für C. und ihre charismatische Ausstrahlung, die mich magisch angezogen und mir Schmetterlinge im Gedärm bereitet hat. Klar hatte ich meinen sonst gewohnten Schwimmanzug mit dabei, der meine ausgeprägten Rundungen etwas flacher gemacht und mich flirttechnisch eher neutral gestaltet hätte. Aber es ist viel, viel zu warm für diesen gewesen, und ich wäre in dem enganliegenden neoprenähnlichen Schwarz gestorben. Echt …
So habe ich eine für mich neue und positive Körpererfahrung gemacht. Seit Jahrzehnten die erste … Ich habe einen ersten und zarten Kontakt zu meiner Weiblichkeit hergestellt und festgestellt, dass das auch ganz nett sein kann und dass ich mich definitiv nicht für meine Rundungen schämen brauche, auch wenn ich mich gestern immer mal wieder etwas unsicher gefühlt habe.
Dennoch ist da auch das Sächlich/Männliche in mir zu spüren gewesen, und ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn ich keine weibliche Brust hätte, noch etwas weniger Gewicht gehabt hätte und einen gepflegten Drei-Tage-Bart im Gesicht. Das hat mir sehr gefallen und mich auch deutlich sicherer werden lassen. C. gegenüber und der restlichen Außenwelt.
Mir das Hirn darüber zermartert habe ich allerdings nicht, und werde ich auch nicht. Ich möchte diese interessante Erfahrung mit ihr weiter vertiefen, wenn sie mich denn lässt und das mit mir so auch möchte. Denn nur so kann ich ein ungefähres Gespür für meinen Körper bekommen, einen kleinen Draht zu ihm. Dabei geht’s mir gar nicht um irgendwelche sexuellen Erfahrungen. Nein, aber eben auch um zwischenmenschliche Nähe und Zärtlichkeit. Das tut meiner Seele so gut. Und ich glaube, C. mag das auch.
Ich stecke also keineswegs in irgendeiner Sinnkrise darüber, ob ich nun wirklich nonbinär und trans bin oder nicht oder der Einfachheit halber nur eines von beidem. Das Gegenteil ist eher der Fall. Ich spüre deutlich, dass C.s Zutun mich klären könnte, also mein gemeinsamer Weg mit ihr, und es tut so gut, dass zu erahnen … und ich habe auch gar keine Befürchtungen, ihr wieder in real zu begegnen. Im Gegenteil. Ich freue mich darauf.
Ohne das Gefühl, dass irgendetwas sein muss. Ohne irgendeinen Zwang oder so, weil ich eben keinen Druck verspüre – weder von ihrer Seite aus, noch von mir selbst ausgehend. Es darf das sein, was eben zwischen uns irgendwann sein mag. Auch darüber zermartere ich mir nicht mein Hirn.
Aber ich habe heute viel über ihren sonstigen geistigen Input nachgedacht und werde dieser Tage auch noch einiges darüber nachlesen bzw. nachsinnieren und mich insgeheim darüber freuen, dass ich da gerade eine Jemanderine kennenlerne, die mich sehr bereichern kann. Ich meine so Dinge wie Lebensphilosophien, den Kreislauf aus Leben und Tot, Ernährungsgepflogenheiten, Naturwissen, gesellschaftspolitische Sichtweisen, Umweltpolitik, Gesundheit und noch so vieles mehr …. Ich finde das nämlich total spannend, mich mit ihr darüber auszutauschen. Denn ich glaube, wir ergänzen uns da recht gut beziehungsweise kann sie mir da noch sehr viel beibringen und mich erleuchten.
Und darüber freue ich mich sehr. … ^^
Ich bin in sie verliebt und genieße das sehr. 😊

Nicht von dieser Welt

Blick ins Himmelsfeld

Die Glasperlenspiele klimperten in den Baumkronen des Birkenwäldchens, an dessen Saum Riddikly, die weise Frau, entlangschritt und Wildkräuter sammelte, weil die Sonne ihren liebgewordenen Charleston gestochen hatte, und er neben seinen Schuhen im Schatten der Bäume stand und versuchte, seine Gefühlswallungen zu bändigen und sich dabei nicht zu übergeben.
Er blickte auf den Horizont des Weihers und beobachtete all die nackten Menschen, wie sie auf ihren Brettern, die ihre Welt bedeuteten, standen, und über die Wasseroberfläche paddelten, um ihre reinblütigen Hunde und auch Mischlingstiere zu bespaßen. Das machte ihn noch unsicherer auf seinen Beinen, und er kniete sich langsam nieder, um sich abermals auf die unebene, grasbewachsene Erde zu setzen.
Überall um ihn herum brummte und summte das Leben und die Sonnenstrahlten malten Prisma-Bilder in die ungezählten Lücken des Blätterdaches der Birken hinein, unter denen er sich von der Natur auszuruhen versuchte. Zuvor hatten die papiernen Kopierfischchen im flachen Uferwasser an den Schwielen seiner unerfahrenen Füße, was das nackte Erlebnis verschiedener Untergründe anging, geknabbert, und er hatte laut vor sich hingedacht: „Wow, in der Großstadt bezahlt man eine Stange Geld für so eine Wellnesssitzung, und hier gibt es das frei Haus und sogar ohne vorherige Bestellung und langwierigen Wartelisten?“

Die Kinder, die unter dem benachbarten Flickenteppich aus Sonnenschirmen herumtollten, knisterten mit den Bonbonpapieren in ihren schokoladenverschmierten Händen und beschmierten sich damit gegenseitig die Gesichter – wie Indianer auf dem Kriegspfad. Sie tobten zwischen Weiherufer und Liegewiese hin und her, bevor sie ins kühlende Nass rannten und sich gegenseitig mit einer Wasserschlacht bekriegten.
Ihr Gelächter schallte bis in das Birkenwäldchen hinein, aus dem Riddikly plötzlich auftauchte, um sich zu Charleston hinunter zu beugen und sein Gesicht in ihre sehnigen Hände zu nehmen und es sanft zu küssen. Ihr ganzer sonnengebräunter Körper war mit Wassertropfen benetzt, und sie umarmte ihren Liebsten, um ihn abzukühlen. Dabei ließ sie die Wasserpflanzen, die sie zwischen den Zähnen trug, ins Gras fallen und ahmten den Ruf einer weißen Schleiereule nach.

Charlestons Zeit schien stillzustehen, und sein Herz schlug schnell. Er roch Riddiklys Duft nach einem freien und wilden Leben, und ihm ward erneut schwindelig. Er legte seine trockenen Hände um Riddiklys kühlen Hüften, saugte mit seinen rauen Handinnenflächen die Feuchtigkeit ihrer Haut auf, zog sie sanft noch näher zu sich heran und erwiderte ihren Kuss.
Dabei vergaß er alles um sich herum, tauchte ein in ihre farbenfrohe Aura und hörte das lachende Timbre ihrer Stimme, das in den vergangenen Stunden so oft erklungen war …

Eine kräftige Hand rüttelte grob an Charlestons Schulter und eine Männerstimme sprach ihn an: „Alle seit Wörmsberg neu zugestiegenen Fahrgäste die Zugtickets bitte!“
Charleston gähnte herzhaft, und ihm fröstelte es etwas. Er zückte seine Rückfahrkarte und wünschte sich sofort an den Weiher zurück. Gerade als er dem Zugchef sein Ticket reichen wollte, erweckte ein honigsüßes Kinderlachen seine Aufmerksamkeit, und er erblickte plötzlich einen pinkfarbenen Buddha mit Elefantenkopf im Gang des vollbesetzten Waggonabteiles. Dieser stand hinter dem Zugchef. An seinem ausgestreckten Rüssel hing ein Eimerchen mit Leim, während er einen Pinsel im Rüsselende hielt. Charleston rieb sich seine erschöpften Augen, als der Elefantenrüssel plötzlich zu glühen begann und einen bläulichen Lichtstrahl auf ihn richtete, um ihn ins zu Riddikly ins Nirwana zu beamen.
„I hob di liab“, flüsterte er in das verdatterte Gesicht des Zugchefs, während über die Bordlautsprecher UKWs Musik geräuschvoll erklang und die Songzeile, „Ich bin ganz verschossen, in deine Sommersprossen“ losdudelte, bevor Charleston sich in seine Quäntchen auflöste und vor den Augen des Zugchefs auf nimmer Wiedersehen verschwand.

© CRK, 08/2020

Reizwörter

Bonbonpapier
• Glasperle
• Leim
• honigsüß
• beamen
• wünschen
• kleinlaut
farbenfroh

Theater im Palaver

Da würgt mein Wurm
zur morgendlichen Stunde
den Sturm hinunter
und ist dennoch nicht munter,
geschweige denn runter
von seinem hohen Rosse
Namens Dramaposse

Er ist prall von Mützen ohne Schlaf
und steht fett in der Kreide
des Mokka-Schafes,
das ihm zwischen den Ohren hängt
und im Hintern nicht klemmt,
stattdessen einen auf Otto macht
und mir zeigt, wie flott es einen
auf das Leben lacht und nicht geht,
auch wenn ich mich längst
davon gemacht auf leisen Sohlen
von hinnen nach dannen im Sunnen

Es ist kein Nullinger, wenn ich dir sage,
nein, ich trete nimmer auf die Waage.
Sie könnte werfen ihre Schale
nach mir mit einem Male –
ohne mich zu treffen allerdings
oder meine vier Buchstaben,
die ich jetzt nehme
und von dannen schwebe
auf nimmer Wiedersehen
du doofer Strauß
aus Schlehen

Doch nun ist alles wieder gut
Das Wasserglas noch immer ist halbvoll
und schmollt nicht wegen der klasse Mäuse,
die ich des Nächtens doch geläuse,
obwohl sie weiß gewesen,
wie der Kalk an meinen
Karzerwänden

Nun sei es denn, es wäre doch gelacht,
wenn du Oh Mutter nicht über mich wachst
und von nun auf gleich
die Schotten dicht machst.
Nun sei es denn,
gehab dich wohle oh holde Maid
und fahre fort zu deiner Mole
Ich träume gar nimmer mehr
von deinen fahrigen Wassern,
worauf du einen
lassern wannst

Ich umsorge jetzt mein leiblich Wohl
und gebe mir die hohle Nuss
für all diesen Stuss
auf meines behaupteten Nischel
mit all dem Gezischel meines
Körpers Säfte

Prost Mahlzeit
und zum Wohle
So sei es,
gewagt sei der Schritt
zum letzten Worte
in einem Forte

Adieu und Bye-Bye
und Tschüssikowski
mit meinen Worten:
Ich vermisse
diesen Schmiss
in meinem Leben
mal nicht

© CRK, Le, 08/2020

Charlestons Zwiegespräch

Innere Stimme: „Du hast da ein Loch in deiner Wand.“
Charleston: „Ja, weiß ich.“ [Verdreht die Quargnäbbl und gähnt herzhaft.]
Innere Stimme: „Stört dich das nicht? Also ich meine deinen Blick auf das Gelb-Orange deiner Küchenwände?“
Charleston: „Nö, wieso? Wenn ich von weiten hinschaue, sieht es aus wie ‘ne fette Fliege. Und aus der Nähe betrachtet, ist es eben das Loch einer fehlgeschlagenen Bohrung. Wo ist da das Problem?“ [Reibt sich den Schlaf aus den Augen.]
Innere Stimme: „Na, weil es unschön aussieht und man eben immer an die eigenen Schmeißfliegen im Kopf denken muss und dann das Summen und Brummen der Gedanken beginnt, die ins Karussell einsteigen und dann kein Ende finden?“
Charleston: „Ach, … du hast Probleme.“ [Lacht.]
Innere Stimme: „Ja.“ [Blickt sich besorgt in Charlestons Kopf um.]
Innere Stimme: „Aber man könnte es doch zuspachteln, dann schaut das Loch wenigstens nimmer so finster drein.? Meinst du nicht?“
Charleston: „Du spinnst. Dann sieht die Wand aus wie ein übler, warmgelaufener Fliegenpilz. Denn sie hat noch mehr dieser Löcher. Außerdem ist das dein Problem und nicht meins. Ich trinke jetzt meine Kakao-Espresso-Spezialmischung und schiebe mich peu à peu in meinen Tag, falls du nichts dagegen hast.“
Charleston: [Zieht die Stirn kraus und dreht Utopia laut auf, damit er seiner Vernunft nimmer zuhören muss. Außerdem flatulenzt sein Gedärm und erinnert ihn an etwas sehr Wichtiges.]

© CRK, Le, 08/2020

Formalitäten und noch ein Outing

So. Ich habe in den letzten Tagen meinen Bewerbungsauftritt und meine Unterlagen noch einmal daraufhin überarbeitet, dass ich nonbinär transsexuell bin und auch offiziell gern Charlie genannt werden mag. Ich habe das in meinen Unterlagen nun auch kurz erläutert.
Das war für mich eine etwas schwierige Geburt, mit der ich einige Wochen auch schwanger gegangen bin. Einfach weil ich mir nicht sicher gewesen bin, ob ich die eventuellen Konsequenzen daraus auch verknusen kann, falls sie denn doch auch negativ ausfallen sollten.
Nämlich in Form von Ablehnung seitens meiner zukünftigen, eventuellen Arbeitgeber.
Außerdem greift dieser Schritt inmitten laufender Bewerbungsprozesse ein, und ich kann eben die eventuellen Reaktionen darauf so überhaupt nicht abschätzen.
Auch gab es rechtliche Fragen meinerseits, da ich ja noch gar keine Vornamens- und Personenstandsänderung durchlaufen habe und noch gar nicht die offiziellen Transitionsschritte vollzogen habe, außer dass ich mich seit vielen Jahren äußerlich sehr männlich bis unisex kleide, weil ich mich so eben viel wohler fühle und nur so auch ich bin.
Mein Künstlername Charlie Rose Kane ist zwar seit dem Sommer letzten Jahres auch in meinem Ausweis eingetragen, aber ich habe eben meinen gewünschten Rufnamen bisher nur im Freundeskreis und Onlinebekanntenkreis (und auch bei meiner Familie) eingeführt, wobei meine Familie diesen eher nicht akzeptiert.
Auch dies war ein werdender Prozess von vielen Monden …

Also Charlie möchte ich genannt werden. Das wisst ihr ja längst. Aber er soll auch mein offizieller Rufname werden. Also Charlie R.S. Kühn soll dann im Ausweis stehen. Ausgeschrieben: Charlie Roland Siegfried Kühn. Wenn das denn geht.
Dessen bin ich mir schon seit vielen Monden sehr sicher. Denn das ist meinerseits alles sehr wohl durchdacht. Zum Beispiel die ähnliche Signatur von CRK = eingetragener Künstlername und CRSK = amtlicher Name. Es hat also ein System … ^^

Im August habe ich wieder einen Termin bei meiner Psychiaterin. Die ist ja in meine Transgeschichte eingeweiht, und ich werde sie fragen, ob sie mir dabei hilft, dass ich meinen Personenstand und Vornamen evtl. auch auf diesem Diversenweg ändern lassen kann. Ich muss mich dazu aber noch gut beraten lassen. (Rosalinde)

Hmmm …. Ich schreibe ja schon seit meiner Alkoholsucht (endgültiger Ausstieg aus dieser im November 2006) in der Er-Form, wenn ich von mir erzähle und wenn ich Bewerbungen schreibe. Auch die Stef.(anie) gibt es auch schon sehr viele Jahre. Und in Sachen Bewerbungsunterlagen gab es auch immer Diskussionen darüber, warum ich das tue und dass das ja so nicht korrekt wäre. Und jedes Mal bin ich bei diesen Auseinandersetzungen in Schwulitäten gekommen, weil es sich für mich eben so richtig anfühlt. Schon immer …
Jetzt, wo ich meine Unterlagen dahingehend überarbeitet habe, fühle ich mich irgendwie befreit und auch erleichtert, obwohl ich ahne, dass ich so noch viel mehr bei Bewerbungen erläutern muss. Mich erklären? Aber das macht mir im Moment nicht so viel aus, denn ich habe das Gefühl, dass ich so viel besser zu mir stehe als vorher.

Doch mich bewegt dabei auch die Frage: Wie das andere Trans-Menschen und Leute, die divers sind, machen, wenn sie noch keine Vornamens- und Personenstandsänderung gemacht haben? Auch ist die Frage aufgetaucht, ob ich in diesem rechtlichen Ist-Stand schon mit Charlie unterschreiben darf oder nicht?
Weil ich mir nicht sicher gewesen bin, habe ich das mal bei meinen Geburtsnamen belassen, will ja keinen Ärger bekommen. Außerdem sind meine Zeugnisse ja sowieso alle auf diesen Namen ausgestellt. Das kann ich erst ändern lassen, wenn in meinem Ausweis der Charlie R.S. Kühn steht.

P.S.1 und 2

Le, 08/2020

80 ° Fahrenheit

Hab mir zwei Eimer
an die Beine gebunden –
jeweils einen für das linke Lager
und einen für das rechte –
und meine Füße stecken
im lauwarmen Wasser

Mit einer Standleitung zum
gemütskühlen Nass

Überall in meiner Behausung
finden sich Spuren von Pfützen
denn es herrscht Wohnungsfieber
in meiner Bleibe, und die
Fensterluken stehen alle offen

À la
Komm’se ran
Kümm‘se rin,
könn’se rausgugg’n

Sagte meine Oh-Mama schon,
wenn sich Besuch unerwünscht
einlud und hungrige Münder
gestopft werden wollten

Also heiße auch ich
meinen warmen Besuch
bei mir willkommen
und biete ihm
eine Erfrischung an,
damit mir kühler wird –
in Körper, Geist und Seele

© CRK, Le, 08/2020

P.S. Meine weltbeste Freundin C. ist auch eine Wortkreiererin. Wohnungsfieber stammt aus ihrem Munde. Nur der Ordentlichkeit halber hier erwähnt, weil ich es für dieses Gedicht als passend adaptiert habe.

Verschwörung

Klick. Klick. Klick.
Das Zoom der Kamera hat mich eingefangen, obwohl ich die Linse mit meinen Händen zu bedecken versuche.
Klick. Klick. Klick.
Das Polaroid der Kamera zeigt mich, wie ich bin und doch nicht bin oder sein will. Es zeigt eine Wahrheit, die nicht die meine ist. Es zeigt mich, so wie mich die Kamera sieht. Es zeigt die Wahrheit des Fotografen. Aber nicht meine.
Klick. Klick. Klick.
Ich schreie, „Das ist eine Lüge vor dem Herrn.“
Klick. Klick. Klick.
Meine schwieligen Hände werden abgelichtet. Ich schreie den Fotografen an, dass ich ihm, seiner Wahrheit nicht glauben will und werde.
Klick. Klick. Klick.
Die Kamera rückt mir auf die Pelle. Ich schuppse den Menschen hinter der Linse grob beiseite und rufe: „Lügen! Alles nur Lügen!“
Klick. Klick. Klick.
Die Kamera kommt mir immer näher. Sie ist in Fahrt und wird auch trotz meiner Gegenwehr nicht abgebremst.
Klick. Klick. Klick.
Jede Denkerfalte lichtet sie ab. Jede Gedankenpore riesengroß. Jeder Hautunreinheit meiner Welt. Alles. Ich verdecke mit den Händen mein Gesicht und kauere mich in meine Ecke, als die Kamera auf ihren großen Rädern der Zeit noch einmal Schwung holt und mit Kawumm in meines Kopfes Inneren verschwindet.
Klick. Klick. Klick macht sie. Auch in meiner Gedankenwelt.
An ihrer statt sehe ich nun eine blütenreine Leinwand sich vor mir abrollen, und ich sitze vor ihr in der ersten Reihe. In schneller Reihenfolge erscheinen auf ihr die Gedankenpolaroids aus dem Inneren meines Kopfes.
Noch immer verdecke ich mein Gesicht mit den Händen. Denn ich weiß, was die Klicks mir zeigen werden, will das aber immer noch nicht wahrhaben. Denn es ist nicht meine Wahrheit, sondern die des Fotografen.
Klick. Klick. Klick.
Seine Wahrheit hat sich gegen die meine verschworen und die Realität des Fotografen in die allgemeingültige Wirklichkeit umgeschrieben. Und ich sitze in meiner Ecke und bin ein jemand, der ich eigentlich – mit meinen Augen betrachtet – gar nicht sein will und auch nicht bin.
In meinen Kopf allerdings konstruiert sich eine Theorie darüber, wie diese umgeschriebene Wirklichkeit funktioniert und (t)wittert darüber eine Verschwörung.

© CRK, Le, 08/2020

Paradox

Starring - Seflie - Spaßporträt

Lollypop in einem fort
mein Mannsein weilt dort,
wo ich die Frau in mir net find‘
und mich gar nicht nett
mit ihr befreunden kann

Lolly poppt mal nie
die Frau in mir,
wo sie doch die Männlichkeit
der Männer mit Weh und Ach und
Lebenssaft besudeln mag

Lolly popp nicht dich selbst,
denn das Wasser
wäscht dich in einem fort
und lässt mich friedlich
im eigenen Unfrieden dort
zurück, wo ich mich
net (un)nett find‘

© CRK, Le, 08/2020

L’amour des Hauses

Goffeesoggse - Guuudn Morschn - Standleitung - Kaffeeliebe. Vektorgrafik.

Oh Gesöff, du braunes,
rinnst bitter mir die Kehle hinab –
hinein in den Schlund meiner Seele und
färbst sie rabenschwarz bis honigsüß
Weg sperrst du in ihre Besenkammer
die schlaflosen Schergen meiner Nacht,
erweckst im selben Atemzug
meiner Herzmaschine Lebensgeister
und beschwingst mein Seelenhaus
Das Chaos an Gedanken kehrst du hinaus
in die Kühle der Morgenstunden
Aus wenig machst du viel,
aus Honigsüße bitteren Ernst,
aus Mandelmilch mit Kaffee
lieber Mokka am Stiel
und aus den Kakaobohnen
ein Spezialgetränk à la exquisit
Du Liebe meines Lebens

© CRK, Le, 07/2020

Götterdämmerung

Götterdämmerung - Finish

Apokalyptika wälzte sich schlaflos in ihrem Träumerlefänger hin und her, und die Spinnfäden surrten, knurrten und murrten – bei jeder Drehung und Wendung ihrer Geschichte – gar sehr.
Sie hatte ihr Wissen aus den alten Büchern ihrer Großvaterkollegen erlangt, und deshalb auch so einen Bart am Kiefer ihres Schädels. Dieser bestand aus den beschriebenen Buchseiten ihrer Großväter.
Im Fänger-Äther roch es nach Eukalyptus. Das Fahrenheit lag bei ungefähr dreiundachtzig Grad und man konnte einen Träumerle-Blick auf die Galaxie Subkutan werfen, die Apokalyptika mittels ihrer Virulenz gerade heimsuchte.
Ihre Eierkopfuntertanen geiferten Galle, weil sie sich gegen ihre Missetaten mit Verstand unter die Haut impfen lassen sollten, und manche von ihnen feierten ohne Maske ungeniert ihre eigene Querulanz.
Doch das rächte sich alsbald. Denn Apokalyptikas unbändiger Kardial-Virus war in Wellenzyklen auf dem Vormarsch und konservierte die Herzmaschinen der Eierköpfe mittels der Aerosol-Not, die er als Damoklesschwert mit sich führte.
Apokalyptikas Kollegen klirrten mit den Schlüsseln zu ihren Gräbern. Denn niemand wollte mehr an sie glauben und ihre Liebe zu den Äonen ihres Daseins wurde von den Eierköpfen verlacht.
Stattdessen lagen die Eierköpfe wie Säuglinge an den Euterzitzen dieser gesellschaftlichen Apokalypse, plärrten nach Freiheit und soffen sich mit der Honigmilch der Urmutter an die Rockschöße ihrer Kindheit zurück.

Bis zum Urknall dieser Zeit …

Siebenunddreißig Jahre später verließ niemand mehr seine Kemenate. Die Highways-to-Hell-or-Paradise waren leergefegt und die Ampelanlagen dieser Galaxie-Welt längst außer Betrieb. Der kluge Eierkopf dieser Tage arbeitete im Kemenaten-Office, und nur arme Schweine mussten im Außendienst den Betrieb der Welt aufrechterhalten.
Babys wurden in Embryonen-Zuchtanstalten gezeugt und zu Winzlingen herangezogen, damit sie dann – jedes in einer eigenen Kemenate – ihre Filterblasen beziehen konnten, um sich vom System des Mutterkonzerns zu ernähren, dessen Kemenaten-Schule zu besuchen und schließlich das System mit ihrer Arbeitskraft zu füttern.
Nur Querulanten fragten sich noch, wie es früher wohl gewesen war und ersehnten ihre Freiheit und die ungefilterte Luft zurück. Doch diese wurden schnell ausfindig gemacht und entweder ausgemerzt oder aber in Kemenaten-Umerziehungslager gesteckt, um sie mit Eiswasserduschen, automatischer Be- und Entlichtung sowie Endlosverhören via Befragungsdrohnen und Elektroschock wieder in das System einzupassen.
Apokalyptika hatte gesiegt.

© CRK, Le, 07/2020

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Mushrooms

Mushrooms

„Mein lieber Charleston,

natürlich hat dir unsere Fee keine dieser Mushrooms unter das gestrige Essen gemischt. Wie käme sie denn dazu? Ist sie doch die treusorgende Mutterseele in unserem Seelenhaus. Hast du das schon wieder vergessen?“
„Ja, ich weiß, dir beziehungsweise Eckstein geht es momentan nicht so gut. Aber glaub mir, der dunkle Wolkenhimmel lichtet sich auch wieder.“
„Ich habe dir dennoch alle Hinweise auf die längst verblassten Nichttraumbruchstücke dieser Nacht notiert, damit du sie nachlesen kannst, wenn du es für nötig erachtest.“

Wände haben Ohren

„Miami weiß es“, murmelte Eckstein im Schlaf und wälzte sich hin und her. Er flüsterte diesen Satz immer und immer wieder in den schweißfeuchten Bezug seines Kopfkissens hinein, wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat und in Dauerschleife abgespielt wird.
„Keine Ahnung, was da nun wieder los ist“, dachte sich Charleston, als er sich und ihn schlaftrunken aus ihrem Nichttraum herausschälte, weil irgendein Partyvolk auf der Straße herumkrakelte, die an die Grünfläche hinter dem Mehrfamilienhaus angrenzte.
Es war kurz vor fünf Uhr morgens, und die Amseln tirilierten in der ausladenden Baumkrone des Kastanienbaumes, der vor seinem Schlafzimmerfenster stand. Die Vorhänge waren wie immer zugezogen, und es herrschte eine bläuliche Schummerstimmung in dem Raum.

„Was weiß Miami denn?“, fragte Charleston seine dunkelpinkten Schlafzimmerwände, und die Bücher in den Regalen rückten raschelnd näher zusammen, so als ob sie miteinander tuscheln würden. Und Dodos Zeichnungen, die an dem Stück Korktapete zwischen den Bücherregalen hingen, winkten Charleston zu.
Eckstein räusperte sich. Das Sodbrennen machte ihm zu schaffen, und die halbgaren Mushrooms aus seinem nächtlichen Traum, die ihm seine Fee gestern Abend natürlich nicht zubereitet hatte, lagen ihm noch immer schwer im Gedärm.
„Und wer ist Miami überhaupt?“, überlegte Charleston weiter.
Niemand im Raum antwortete ihm. Wie auch. Es war nur er im Zimmer anwesend. Und die Amseln tirilierten ununterbrochen in der Baumkrone vor seinem Fenster. Doch die wussten nie etwas, wenn er ihnen eine Frage stellte.

„Hat Miami meiner Fee die Mushrooms untergeschoben?“, hörte Charleston plötzlich die Stimmen seiner Bücher sich untereinander beratschlagen. Sie wisperten tatsächlich miteinander und beugten sich dabei hierhin und dorthin, um einander beim Nachdenken und lauten Ausatmen der Worte Platz zu machen.
Charleston kratzte sich am Kopf. Noch immer hockte er auf dem Hochbett. Seine nackten Beine baumelten über der Bettkannte – neben der blauen Trittleiter – in der Luft. Seine Zehen spielten irgendeine imaginäre Musik auf dem Luftikusklavier.
Doch die Stufen der blau angemalten Leiter würden nie im Leben bis in den Himmel hinaufreichen, damit er dort eventuell eine Antwort hätte finden können. Geschweige denn würde er auf ihren Trittbrettern bis hinab in die Hölle gelangen. Also blieben ihm auch die über- und unterirdischen Sphären verschlossen.

Er beziehungsweise der Eckstein in ihm beäugte jeden Winkel seines Schlafzimmers. Niemand – außer natürlich er selbst – wusste etwas von den Wanzenohren in den Wänden, die ihm seit damals ständig auf Schritt und Tritt gefolgt waren. Er ist sie einfach noch nicht losgeworden.

„Aber was weiß Miami denn nun wirklich?“, zermarterte sich Charleston seinen Kopf.
Eckstein hatte ihm diese Frage wie einen hungrigen Wurm zwischen die Ohren gepflanzt, und nun spielten seine Hirnsynapsen Ping-Pong mit diesen Worten und kreierten daraus die verschiedensten Konstellationen.
Ohne Unterbrechungen und in ständigen Wortschleifenwiederholungen bis sie alles andere in seinem Dasein überbrüllten und auszulöschen drohten.
Selbst seine Fee konnte diese alten Daseinschatten seines längst zerronnen Kartenaus aus Lebenslügen nicht mit ihrem Staubwedel davonscheuchen, obwohl sie sich alle Mühe dabei gab.

Charleston rieb sich seine verquollenen Augen, gähnte dabei herzhaft und kletterte von seinem Hochbett. Als er endlich – noch im Schlafzeug – vor seinem Bildschirm zum Sitzen kam, übernahm Dodo das Regiment über die Computertastatur und schrieb sich diesen Text von der Seele. Denn das würde ihm und den anderen seiner Sippe guttun.

„Was wenn sie hier nun wieder regelmäßig aus- und eingehen, ohne dass ich sie eingeladen habe?“, überlegte sich Dodo und umarmte sich dabei selbst.
„Das ist einer dieser Tage, an dem die Wanzen mit ihren Roboterkörpern durch die pergamentenen Wände deiner Welt dringen und meine Sinne zu regieren versuchen. Aber sie haben nicht so viel Macht über mich, wenn ich sie nicht verschweige und in die Buh-Ecke verdränge, sondern ihnen Raum gebe und sie liebhabe“, fügte Dodo in Gedanken hinzu.

So taten er und seine Sippe es denn auch. Sie saßen mit mir zusammen um das Seelenlagerfeuer herum, und wir ratschten uns einander alte Mutmachgeschichten zu.

Dodo schob die Tastatur beiseite und klopfte mir auf die Schulter.
„Finstere Dämonentage wird es leider immer mal wiedergeben, und so ist der heutige ein solcher, mein lieber Charleston. Hab bitte keine Angst davor. Ich kenn das schon zu genüge. Das geht auch wieder vorüber.“, meinte er ruhig.
„Außerdem, so schau und hör doch. Miami weiß gar nichts über uns. Dafür läuft gerade Miami Vice auf Youtube. Wir sind aus unserer eigenen Playlist rausgeflogen.“, fügte er hinzu.
„Also zermartere dir bitte nicht weiter deinen Kopf über deine heutigen Nichttraumschnipsel und lächle diesem neuen Tag ein wenig zu. Das wird dir und uns allen sehr guttun.“

Es grüßt dich herzlichst
Dein Dodo

© CRK, Le, 07/2020

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